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Geschichten voller Grausamkeiten – und Hoffnung

Von Friedrich Schmidt, Taschkent
25.01.2019
, 20:33
Samandar Kukanow: früherer Vizepräsident des Parlaments und Führungsmitglied der Oppositionspartei Erk, mehr als 23 Jahre Haft.
Tausende Menschenrechtler, Oppositionspolitiker und Journalisten wurden in Usbekistan weggesperrt und gefoltert. Dann sind sie begnadigt worden. 2019 hat der Fotograf Timur Karpow ihre Geschichten erzählt.

Es sind Lebensgeschichten voller Grauen und Grausamkeit, aber auch von Stärke und Hoffnung. Die Männer, die der usbekische Fotograf Timur Karpow porträtiert, haben Schreckliches durchlitten. Meist waren es Schläge, Elektroschocks, Erstickungsattacken mit Plastiktüten oder versiegelten Gasmasken über dem Kopf. Einem Gefangenen verbrannte kochendes Wasser den Rücken, ein anderer wurde in der Psychiatrie zwangsbehandelt, ein dritter ein Jahr in Verliesen des Geheimdiensts isoliert.

Die Machthaber in ihrer Heimat Usbekistan haben sie unter diversen Vorwänden für viele Jahre weggesperrt, weil sie sich für die Menschenrechte eingesetzt, kritische Zeitungsartikel geschrieben oder gegen Islam Karimow politisch opponiert hatten.

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Mittlerweile hat Präsident Mirsijojew angeordnet, das berüchtigte Gefängnis Dschaslyk zu schließen. Was aus den von Timur Karpow Porträtierten wurde, kann man von Agsam Turgunow  erfahren. Er muss derzeit die wegen der Corona-Pandemie verhängte Ausgangssperre einhalten: „Ich sitze zu Hause und kümmere mich um die Enkel“, schreibt er in einem Messengerdienst. Samandar Kukanow, der mehr als 23 Jahre in Haft war, habe vor kurzem einen Schlaganfall erlitten und laufe gerade erst wieder ein bisschen selbständig, schreibt Turgunow. Der Schlaganfall sei aufgetreten, nachdem ein Gericht zum wiederholten Mal seine Rehabilitierung abgelehnt hatte. Andere gingen ins Ausland: Muhammad Bekdschanow sei mit seiner Familie in den Vereinigten Staaten, Jussuf Rusimuradow in der georgischen Hauptstadt Tiflis, schreibt Turgunow. Ihm selbst sei schon mehrfach die Registrierung einer Nichtregierungsorganisation zur systematischen Rehabilitierung der politischen Gefangenen verwehrt worden.

Timur Karpow plant, seine Foto-Ausstellung mit den Porträts der Freigelassenen im kommenden August oder September in der Galerie „139 Documentary Center“ in Taschkent auszustellen. Falls man dann schon wieder reisen können sollte: Die Einreise nach Usbekistan ist seit dem vergangenen Jahr ohne Visum möglich.

Quelle: F.A.Z. WOCHE
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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