Illustration Johannes Thielen
Schneller Schlau

Wer auf der Straße lebt

Von GUSTAV THEILE, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 8. März 2021

Seit der Finanzkrise steigt in den meisten Ländern Europas die Zahl der Menschen ohne Wohnung. Die Pandemie dürfte ihr übriges tun.

I

m Haus des Geldes brennt das Licht oft bis spätabends. Christine Lagarde scheint lange zu arbeiten. Aus dem Monolith der Europäischen Zentralbank blickt sie auf das Mainufer. Aus den Neubauwohnungen im Ostend tun es ihr die Wohlhabenden Frankfurts nach. Unter der nächsten Mainbrücke am Fluss, wenige hundert Meter von der EZB, liegen die Menschen, die weder Geld noch Haus haben. Die Kältewelle Anfang Februar hat sie kurzfristig vertrieben. Seit Ende Februar sind die Schlafsäcke wieder da. 

Die Obdachlosen hier zählen zu den etwa 680.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung – das zumindest ist die aktuellste Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) aus dem Jahr 2018. Dabei werden laut des Vereins, der von Sozialverbänden getragen wird, alle Menschen erfasst, die innerhalb des Jahres von Wohnungslosigkeit betroffen waren. Dazu zählen neben allen Menschen auf der Straße auch solche, die in Heimen, Frauenhäusern oder Asylunterkünften untergekommen sind. Zudem alle, die als Selbstzahler in Billigpensionen leben – letztlich also alle Menschen ohne Mietvertrag oder Eigentumswohnung. Nimmt man dagegen einen Stichtag und zählt an diesem alle Wohnungslosen, ist der Wert geringer: Die BAGW kommt auf 542.000, eine andere Erhebung in den Kommunen kam 2018 auf 337.000 Menschen. 

Offizielle Zahlen zu Wohnungs- und Obdachlosen gibt es in Deutschland – wie auch in anderen europäischen Ländern – kaum. Vom Jahr 2022 an ist eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes geplant. In Belgien, Griechenland und Rumänien gibt es der Europäischen Dachinitiative Feantsa zufolge gar keine nationalen Zahlen. Dass Daten und ihre Erhebung politisch umkämpft sind, gibt es nicht erst seit der Pandemie. 

Der größte Teil der Menschen in der Wohnungslosenstatistik der BAGW sind Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften oder dezentral untergebracht sind. Obdachlose im engeren Sinne – die BAGW spricht von Menschen, die „ohne jede Unterkunft auf der Straße“ leben – gibt es etwa 41.000. Im Jahr 2008 waren das noch 20.000 Menschen, weniger als die Hälfte. In den Metropolen kommt jeder zweite dieser „Straßenobdachlosen“ aus dem EU-Ausland. Der Anteil der EU-Ausländer an allen Wohnungslosen liegt dagegen nur bei einem Sechstel. Alle Zahlen sollten dabei wegen der schwierigen Datenlage als Orientierungsgröße  verstanden werden. 

Dass die Zahl der Wohnungslosen zwischen 1996 und 2008 stark gefallen ist, führt die BAGW vor allem auf Entwicklungen in Westdeutschland zurück. Die Mieten dort seien langsam gestiegen, viele Wohnungen fertig gestellt worden und durch den Abzug alliierter Truppen kamen in manchen Regionen viele günstige Wohnungen auf den Markt. Gleichzeitig nahm die Wohnungslosigkeit in Ostdeutschland aber zu. Auslöser laut BAGW: die schwierige wirtschaftliche Lage dort und eine Annäherung an das Mietniveau im Westen. 

Die Trendwende seit 2008 führt der Verein unter anderem auf die Lage am Wohnungsmarkt zurück: Steigende Mietpreise, Verkauf von kommunalen Beständen an Investoren und infolgedessen ein starker Rückgang der Sozialwohnungen. Deren  Zahl hat sich von 2006 bis 2019 fast halbiert. 

Die meisten wohnungslosen Menschen in Deutschland sind dabei Männer – ziemlich genau zwei Drittel. Etwa ein Viertel sind Frauen, der Rest Kinder. Laut BAGW hat der Anteil der Frauen in den vergangenen Jahren nach und nach zugenommen. Ein Grund dafür könnte aber sein, dass die Zahl der Einrichtungen steigt, die sich dezidiert um Frauen kümmern. Deshalb ist wahrscheinlich, dass die Frauen in der Wohnungslosenstatistik nun besser erfasst werden.  

Dass der Männeranteil so groß ist, hat unterschiedliche Gründe. Bei Trennungen ziehen Männer zum Beispiel eher aus. Auch wohnungslose Migranten sind meist Männer, die in Deutschland nach besserer Arbeit gesucht haben und gescheitert sind. Zudem fällt auf, dass die Hälfte der Menschen ohne Wohnung mit weniger als 39 Jahren recht jung ist. Das liegt auch daran, dass das Leben auf der Straße kräftezehrend ist und mit einer geringeren Lebenserwartung einhergeht. Nur 5,5 Prozent der Wohnungslosen sind älter als 60 Jahre, in der Gesamtbevölkerung gehören dagegen knapp 30 Prozent der Menschen zu dieser Altersgruppe. Die meisten Wohnungslosen haben zudem maximal einen Sonder-, Haupt- oder Volksschulabschluss – oder gar keinen – und sind alleinstehend.  

In der Gesamtbevölkerung ist dagegen nur etwa jeder vierte Erwachsene alleinstehend. Der höhere Anteil unter Wohnungslosen ist naheliegend: Wer kein soziales Netz hat, bekommt bei Rückschlägen schneller Probleme in der Lebensführung. Zugleich ist jemand, dem die Kontrolle über sein Leben abhandengekommen ist, als Partner weniger interessant. Eine Trennung oder Scheidung ist häufig auch Auslöser für Wohnungslosigkeit: In rund jedem sechsten Fall geben Männer wie Frauen dies als Hauptauslöser an.  

Der häufigste Grund sind aber geschlechterübergreifend Miet- oder Energieschulden. Unter Frauen ist dieser Grund etwas öfter vertreten. Männer führen dagegen häufiger den Verlust des Arbeitsplatzes, einen Haftantritt oder Konflikte in der Wohnung an. Für Frauen ist Gewalt des Partners zudem ein signifikanter Grund für Auszug und Wohnungslosigkeit. 

Nicht nur in Deutschland hat die Wohnungslosigkeit in den vergangenen Jahren tendenziell zugenommen. Viele andere europäische Länder sehen ähnliche Trends. „In den meisten Teilen Europas hat in den letzten zehn Jahren die Obdachlosigkeit zugenommen. Die Finanzkrise von 2008–2009 scheint die Lage verschlimmert zu haben“, schreibt die EU-Kommission auf ihrer Internetseite. Dabei räumt sie ein: „Für die EU-weite Beobachtung des Problems ist der Datenbestand nicht umfassend genug.“ 

Eine Ausnahme von dem europaweiten Trend gibt es jedoch: Finnland. Das Land ist eines der wenigen, in dem die Wohnungslosigkeit zurückgeht. Als Hauptgrund dafür gilt, dass Finnland eine sogenannte Housing-First-Strategie verfolgt. Das bedeutet, dass Wohnungslosen zuerst eine Wohnung zur Verfügung gestellt wird. Dann beginnen Sozialarbeiter, den Betroffenen bei der Bewältigung anderer Probleme zu helfen. 

Welche Folgen die Corona-Pandemie auf die Wohnungs- und Obdachlosigkeit hat, steht noch nicht fest. Es spricht jedoch einiges dafür, dass die Zahlen steigen werden: Wirtschaftskrise und Gefahr sozialer Vereinsamung dürften wichtige Faktoren werden. Laut einer Umfrage von Ende vergangenen Jahres haben die meisten Einrichtungen, die Wohnungslosen helfen, ihr Angebot aufrecht erhalten können. Etwa ein Drittel musste aber zumindest zeitweise das Angebot einschränken oder schließen. Das Thema könnte eine der großen Herausforderungen der Zeit nach der Pandemie werden.  

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