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Spotify-Gründer Ek

Retter der Musikindustrie

Von Sebastian Balzter
 - 17:58

Grammophonarchiv, wie das schon klingt. Nach Museumsstille, nach Staub, nach vorgestern, analog bis zum Anschlag. Was hat Daniel Ek dort bloß verloren, der Spotify-Gründer, der zwar erst 34 Jahre alt ist, aber schon weithin als Retter der Musikbranche gefeiert wird, als Starunternehmer sowieso und gern auch als eine Galionsfigur des digitalen Zeitalters?

Als ob es in Stockholm, seiner Heimatstadt, nichts Aufregenderes gäbe als die schier endlosen Regale hinter den grauen Betonmauern des öffentlich-rechtlichen Funkhauses. Anderthalb Millionen Tonträger lagern hier, Schellack- und Vinylplatten, CDs und sogar Notenrollen für elektrische Klaviere. Eine der größten Sammlungen ihrer Art, Reste einer versinkenden Kulturtechnik. Aber Daniel Ek muss seine Begeisterung nicht spielen, als ihm der Sender eine Sonderführung durch das Archiv spendiert. Es ist, sagt er, das Vorbild für seine eigene funkelnde Geschäftsidee.

Deutsche kaufen noch immer lieber CDs

Wer nicht weiß, wie Spotify funktioniert, muss sich nicht schämen. Jedenfalls nicht in Deutschland, wo die Mehrzahl der Leute Musik immer noch am liebsten auf CDs kauft. In anderen Ländern ist das anders, in Schweden sowieso, aber auch in Amerika. Da hat Daniel Ek die Kräfteverhältnisse auf dem Musikmarkt schon umgedreht. Dort wird heute mehr Geld mit der Spotify-Methode verdient als mit herkömmlichen Tonträgern.

Das Prinzip ist schnell erklärt: Spotify ist tatsächlich so etwas wie das Grammophonarchiv, eine Art Leihbibliothek für Musik. Nur dass niemand mehr hinfahren muss, um sich ein Stück anzuhören. CDs und Platten gibt es auch nicht mehr.

Die Musik ist stattdessen auf den Servern der Firma gespeichert, von dort wird sie über das Internet auf die Computer, Telefone oder Lautsprecher der Kunden übertragen. Die Technik nennt sich Streaming. Wer als Abonnent zehn Euro im Monat überweist, hat Zugriff auf schätzungsweise 30 Millionen einzelne Titel. Solange das Abo besteht, kann man beliebig viele davon beliebig oft abspielen. Wer Werbeeinblendungen akzeptiert, bekommt Spotify auch als Gratisversion.

Nicht mehr allein für Computernerds

Daniel Ek hat das Streaming nicht erfunden, als er Spotify zusammen mit einem Kompagnon vor elf Jahren gegründet hat. Aber erst Spotify hat das Verfahren massentauglich gemacht. Mit einer einfachen Bedienung, einer riesigen Musikauswahl und einem wasserdichten Geschäftsmodell. Vorher war das Streaming eine Sache von Jugendlichen und Computernerds, die sich um Urheberrechte nicht scherten. Napster hieß die Internetseite, die ihre Bedürfnisse bediente, Hauptsache gratis.

Heute hat Spotify nach eigenen Angaben mehr als 50 Millionen zahlende Kunden und Lizenzverträge mit allen großen Plattenfirmen. Für jedes abgespielte Stück wird eine Gebühr fällig. Das ist der Clou an der Sache: Daniel Ek hat die großen Musikkonzerne wie Universal, Sony und Warner binnen weniger Jahre mit der Digitalisierung versöhnt, vor der sie sich zuvor noch gefürchtet hatten wie der Teufel vorm Weihwasser. Gegen die Musikpiraterie im Internet fiel ihnen schlicht nichts Brauchbares ein. Dass ihre Umsätze nach einer jahrelangen Talfahrt seit kurzem wieder zunehmen, liegt fast ausschließlich am Streaming.

Daniel Ek steht für die neue Branche

Ähnliche Angebote gibt es inzwischen auch von Großkonzernen wie Apple, Google, Amazon und einer Handvoll spezialisierter Streamingdienste. Aber keiner von ihnen hat so viele Kunden wie Spotify. Und keiner verkörpert die neue Wirklichkeit der Branche so überzeugend wie Daniel Ek. Dabei ist er kein kapitalistisches Start-up-Wunderkind aus dem Silicon Valley, auch kein smarter Showman aus Hollywood, sondern ein glatzköpfiger Schwede im Polohemd, aufgewachsen im Musterland der Sozialdemokratie, der Heimat der Elche.

Kein monomanischer Einzelgänger, der sein ganzes Leben der Karriere unterordnet, sondern ein zweifacher Vater, der im vergangenen Sommer eine rauschende Hochzeit am Comer See gefeiert hat, mit dem ein Jahr jüngeren Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan als Stargästen. Auch kein polternder Rüpel wie Taxi-Schreck Travis Kalanick, der Uber-Gründer. Sondern ein Gutmensch, der für die Gleichberechtigung der Geschlechter in die Bütt geht und Geld für die Reparatur rostiger Brunnen in Afrika spendet.

Die Playlists der anderen studieren

Wer also ist Daniel Ek? Der Mann ist selbstbewusst, das vorweg. Eins der Erfolgsrezepte von Spotify ist es, dass die Nutzer sich gegenseitig ihre Lieblingsmusik empfehlen und die sogenannten Playlists anderer Nutzer anhören können. So eine Liste kann lapidares Gedudel sein, sie kann aber auch ein ganzes Programm in sich tragen. Man muss nur einmal auf die Texte der Songs achten, die Daniel Ek für die Radiosendung ausgewählt hat, die in Schweden nach seinem Besuch im Grammophonarchiv von Stockholm ausgestrahlt wurde.

„Die ganze Welt soll es wissen, ich komme groß raus“, singt Diana Ross da, im Original natürlich auf Englisch. Dann kommen die Hip-Hopper von den Fugees: „Ob du bereit dafür bist oder nicht, jetzt komme ich, versteck dich nicht. Ich finde dich schon und sorge dafür, dass du mich willst.“ Und schließlich Daft Punk aus Frankreich, schwer elektronisch, mit einer Hymne auf die Leistungsgesellschaft: „Härter arbeiten, es besser machen, schneller werden, stärker werden, mehr denn je, unser Werk ist nie zu Ende.“

Bill Gates nachgeeifert

Schon als Schuljunge, erzählt Daniel Ek, habe er sich vorgenommen, eines Tages größer zu sein als Bill Gates, der Microsoft-Gründer. Für einen, der mit seiner alleinerziehenden Mutter ein Dutzend U-Bahn-Stationen südlich vom Stadtzentrum aufwächst, in einem gesichtslosen Vorort von Stockholm, ein ungewöhnlicher Plan. Rågsved heißt der Vorort, und wer hinfährt, der sieht Graffiti an den Wänden, kantige Wohnblöcke aus den Sechzigern, einen Supermarkt.

„Wir waren richtige Durchschnitts-Svenssons“, sagt Ek, das ist die schwedische Ausgabe von Otto Normalverbraucher. Aber in dem Jugendzentrum gleich neben der U-Bahn-Station und in der Vorortschule habe er das ideale Biotop für seine beiden großen Leidenschaften gefunden: die Musik und das Programmieren. Er lernt Gitarre, Akkordeon, Schlagzeug und Klavier, spielt mit Coverbands die Hits der Britpop-Gruppe Oasis nach.

Und im Jugendzentrum baut er das Computernetzwerk auf – genug Geld für die Geräte gibt es, aber nicht für einen bezahlten Systemadministrator. Er fuchst sich in die Programmiersprache HTML ein, tüftelt an Computerspielen, treibt sich in virtuellen IT-Foren herum (einer der Chatpartner von damals entpuppt sich später als der Gründer von Napster) und entwirft die ersten Internetseiten für Mitschüler und Betriebe, die von seinem Talent Wind bekommen.

Vom holprigen Start zum großen Erfolg

Die Anfangsjahre von Spotify verlaufen nicht ganz so geschmeidig. Die mächtigen Plattenbosse wollen zunächst nichts wissen von der Geschäftsidee. Es dauert zwei quälend lange Jahre, bis der Dienst in Schweden überhaupt auf den Markt kommt. Ek steht nach eigener Auskunft am Rand einer Depression. Dann wieder haut er auf die Pauke, kurvt mit einem teuren Sportwagen durch Stockholm wie ein Halbstarker. Aber als im Jahr 2011 eine Allianz mit Facebook zustande kommt, zu deren Feier der Rapper Snoop Dogg mit Mark Zuckerberg und Daniel Ek auftreten, sind die Zweifel überwunden.

Tatsächlich ist Schweden nicht das schlechteste Land, um aus der Verbindung von Popmusik und Computern ein Geschäft zu machen. Im Gegenteil. Das Königreich steckt traditionell viel Geld in die öffentliche Musikerziehung, und das zahlt sich aus. Für ein Land mit nicht ganz zehn Millionen Einwohnern ist die Popstardichte hoch. Über Abba geht dabei natürlich nichts, aber Roxette, die Cardigans, Ace of Base, Eagle-Eye Cherry und Robyn haben auch ihre Fans rund um den Globus. Außerdem ist auch der zurzeit erfolgreichste Popmusikproduzent der Welt ein Schwede. Martin Sandberg alias Max Martin hat den Backstreet Boys und Bon Jovi, Britney Spears und Pink, Katy Perry und Adele zu ihren größten Hits verholfen.

Algorithmen erfassen Vorlieben der Kunden

Aber das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. So wie das Arsenal der Hits nur die eine Hälfte von Spotify ist. Die andere, das ist die Datenanalyse: Die Firma kennt die Vorlieben ihrer Kunden bis ins letzte Detail, schlägt ihnen immer wieder neue, dazu passende Musik vor, stellt außerdem laufend Liederlisten für bestimmte Lebenslagen zusammen, populär ist zurzeit eine Auswahl, die beim Joggen den richtigen Schwung geben soll.

Dieser Datenschatz ist das eigentliche Machtmittel der Schweden auf dem Musikmarkt. Damit lassen sich die Hitparaden beeinflussen und die Erfolgsaussichten neuer Musikstücke voraussagen. Und dahinter stecken Algorithmen, wie sie Amazon und Google für ihr jeweiliges Kerngeschäft perfektioniert haben, weshalb diese Internetkonzerne Spotifys wahre Rivalen sind. Dass er sich mit 16 Jahren einmal erfolglos bei Google beworben hat, später reichlich unverfroren Mitarbeiter beim Lunch in der Kantine des Suchmaschinenbetreibers abgeworben hat, erzählt Daniel Ek folglich mit größter Genugtuung.

Teil der schwedischen Start-up-Kultur

Auch das passt übrigens zu seiner Kindheit in Rågsved. Unter den international erfolgreichen digitalen Start-ups finden sich nämlich erstaunlich viele schwedische Firmen. Der Spieleentwickler King („Candy Crush“), der Internet-Telefonanbieter Skype, der Bezahldienstleister Klarna haben allesamt schwedische Wurzeln. Mobiltelefone und schnelle Internetverbindungen gehörten in Schweden schon zum Alltag, als sie in Deutschland noch als extravagant galten. Und die meisten Schweden glauben, dass technischer Fortschritt das Leben besser macht. „Vor uns liegen wunderbare Zeiten“, predigte schon der legendäre Ministerpräsident Olof Palme in den Siebzigern seinen Landsleuten, allem Strukturwandel zum Trotz. So zukunftsfroh können Sozialdemokraten sein!

In diese Tradition stellt, wer es gut meint mit Daniel Ek, das kühne Ziel, das der Gründer und Geschäftsführer von Spotify für seine Firma ausgegeben hat: „Wir wollen das Leben unserer Kunden um zehn Prozent besser machen.“ Wer es schlecht meint mit ihm, tut es als das übliche Marketinggewäsch ab. Und bohrt weiter. Ek behauptet zwar glaubhaft, er liebe Jazz, schwärme für Neil Young und spiele auf der Gitarre am liebsten klassische spanische Kompositionen. Aber kann einer wirklich die Platten im Grammophonarchiv und das Kulturgut Musik schätzen, während er gleichzeitig das vom Künstler zusammengestellte Album für tot erklärt und stattdessen nur noch in leichter verkäuflichen Einzeltiteln denkt, die über mobile Datennetze und Wifi in Windeseile aufs Smartphone kommen?

Auch Taylor Swift kommt zu Spotify zurück

Und kann einer wirklich eine verlässliche Einnahmequelle für Künstler und Plattenfirmen schaffen wollen, aber gleichzeitig Millionen von Musikhörern mit Gratisangeboten locken? Die Amerikanerin Taylor Swift, die aus Protest gegen die in ihren Augen kümmerlichen Erträge aus den Streaming-Gebühren ihre Songs vor drei Jahren aus dem Angebot von Spotify gestrichen hatte, nahm diese Entscheidung vor ein paar Wochen zurück. Ob das eine Kapitulation vor der Marktmacht der Firma war oder die Reaktion auf bessere Konditionen, ließen beide Seite offen. Sicher ist nur, dass Daniel Ek seither eine Baustelle weniger hat.

Genug zu tun gibt es immer noch. Die Zahl der Nutzer mag rasant wachsen, der Umsatz von Jahr zu Jahr steigen. Spotify mag außerdem so cool sein wie Barack Obama, der seine Lieblingsmusik öffentlichkeitswirksam über den Dienst zusammenstellt und sich gegen Ende seiner Amtszeit als amerikanischer Präsident im Scherz sogar einmal nach einem Job bei den Schweden erkundigt hat. Aber die Firma hat eine chronische Schwäche, die nicht nur Buchhaltern Sorgen bereitet. Sie steckt auch elf Jahre nach ihrer Gründung noch tief in den roten Zahlen.

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Das Problem: Anders als Netflix, der Marktführer im Videostreaming, der viele eigene Serien und Spielfilme im Angebot hat, produziert Spotify keine eigene Musik. Der Löwenanteil der Einnahmen, gut vier Fünftel vom Umsatz, fließt deshalb direkt weiter an die Plattenfirmen, die Inhaber der Rechte. Mit ihnen feilschen Ek und seine Leute deshalb nun um neue Verträge, um Rabatte und Exklusivrechte. Denn die Geduld von Investoren, die wie die Investmentbank Goldman Sachs viel Geld in Spotify gesteckt haben, ist endlich. Längst ist es mehr als eine Spekulation, dass Daniel Ek die Firma hübsch macht für einen Börsengang oder einen Verkauf; als Interessenten werden auffallend häufig die chinesischen Internetkonzerne Alibaba und Tencent gehandelt.

Acht Milliarden Euro sei Spotify heute wert, lautet die gängige Meinung unter Analysten. Daniel Ek würde davon bei einem Verkauf vermutlich ein Zehntel kassieren. Das ist weit weg von den 80 Milliarden, auf die das Vermögen von Microsoft-Gründer Bill Gates zurzeit geschätzt wird. Aber Daniel Ek ist ja auch erst Mitte 30. Da war Bill Gates noch nicht einmal verheiratet.

Quelle: F.A.S.
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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