Geldpolitik

Ben Bernanke und der Flirt mit den Spekulanten

Von Gerald Braunberger
30.10.2005
, 14:43
Der neue Herr der Dollars: Ben Bernanke
Der Nachfolger des legendären Zentralbankchefs Greenspan hat nichts gegen Spekulationsblasen. Ben Bernanke will nur die Güterinflation bekämpfen. Diese Strategie ist gefährlich. Sagt die EZB.

Im Sommer dieses Jahres machte sich Ben Bernanke, seit wenigen Tagen designierter Nachfolger Alan Greenspans als Chef der amerikanischen Zentralbank (Fed), unbeliebt. In einer Rede vor dem American Enterprise Institute in Washington ging der angesehene Ökonom unter anderem auf die stark gestiegenen Preise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ein, wo manche Beobachter mittlerweile Anzeichen für eine Spekulationsblase erkennen, deren eventuelles Platzen die amerikanische Wirtschaft schwer treffen könnte.

Für diese Pessimisten zeigte Bernanke wenig Verständnis: „Während in einigen lokalen Märkten anscheinend spekulatives Verhalten beobachtet werden kann, trägt die gute Wirtschaftslage wesentlich zum Boom am Immobilienmarkt bei.“ Und daran, so deutete Bernanke an, sei doch eigentlich nichts Schlechtes.

Verbale Prügel

Für diese Äußerungen bezog der Ökonom von mehreren Immobilienanalysten schwere verbale Prügel. Und aufmerksam wurde auch vermerkt, daß der große Greenspan vor wenigen Wochen auf einer Tagung gleich mehrfach mit warnenden Worten auf die Lage am Immobilienmarkt verwies.

Wird sich Bernanke als künftiger Zentralbankchef vielleicht mit den Folgen eines schweren Preiseinbruchs befassen müssen? Ob die Geldpolitik neben ihrer traditionellen Verpflichtung, das Preisniveau für Güter und Dienstleistungen möglichst stabil zu halten, auch starke Preisbewegungen an Wertpapier- und Immobilienmärkten in ihr Kalkül ziehen sollte, ist ein seit Jahren unter Zentralbankern und Ökonomen sehr strittig diskutiertes Thema.

Bernanke hat in dieser Frage eine klare Position: Die Zentralbank soll sich um Haussen nicht besonders kümmern, unter anderem, weil es auch für sie schwer zu erkennen sei, ob ein Preisanstieg für beispielsweise Aktien oder Immobilien spekulativer Natur oder ökonomisch gerechtfertigt sei.

Inflationsorientierte Zinspolitik

Außerdem, gab Bernanke in einem Gespräch mit einem anderen Ökonomen zu bedenken: „Selbst wenn eine Spekulationsblase identifiziert werden kann, besteht keine Garantie, daß ein Versuch, sie zum Verschwinden zu bringen, nicht auch brutale und unerwünschte Folgen für die gesamte Wirtschaft hat.“ Bernanke schließt daraus, daß eine Zentralbank ihr wichtigstes Instrument, den kurzfristigen Zinssatz, zur Stabilisierung des Preisniveaus von Gütern sowie des Bruttoinlandsprodukts nutzen solle, nicht aber, um Bewegungen von Preisen für Wertpapiere und Immobilien zu steuern.

Ansonsten drohe Ungemach: „Die Geschichte zeigt uns klar, daß diese Art von Geldpolitik in der Mehrzahl der Fälle nicht nur einen Einbruch der Kurse zur Folge hatte, sondern auch einen schlimmen Einbruch der gesamten Wirtschaft.“

Diese Analyse klingt logisch - ist aber nicht zwingend. So vertritt der Chef-Volkswirt der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, eine dezidiert andere Position als Bernanke. Issing, der als Ökonom international in hohem Ansehen steht, hält es durchaus für möglich, eine Spekulationsblase rechtzeitig zu erkennen und gegen sie vorzugehen.

„Zuviel Geld jagt zu wenige Vermögenswerte“

Vor allem ist Issing der Ansicht, daß ausgeprägten Spekulationen häufig eine zu großzügige Ausstattung der Wirtschaft mit Geld vorausgehe, für die eine Zentralbank Verantwortung trage. Spekulationen seien gleichbedeutend mit: „Zuviel Geld jagt zu wenige Vermögenswerte.“ Eine Zentralbank könne zwar nicht bestimmen, was die Menschen mit ihrem Geld machten, aber sie könne durch eine Kontrolle der Geldmenge bestimmen, wieviel Geld zur Verfügung stehe.

Tatsache ist, daß Geldpolitiker gelegentlich mit spektakulären Haussen und anschließenden Kurseinbrüchen an Wertpapier- oder Immobilienmärkten konfrontiert werden. Am schlimmsten unter Bernankes Vorgängern erging es wohl Roy Young, in dessen Amtszeit (1927 bis 1930) nacheinander eine grandiose Aktienhausse in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, ein fürchterlicher Einbruch der Kurse ab Oktober 1929 und eine von Amerika ausgehende Weltwirtschaftskrise fiel.

Das Geld und die „Große Depression“

Wie Youngs Geldpolitik während dieser Turbulenzen zu beurteilen ist, bleibt umstritten. Lange galt das Urteil des berühmten Ökonomen Milton Friedman, der eine völlig falsche Geldpolitik der Fed am Anfang der „Großen Depression“ Amerikas sieht. Moderne Theoretiker ziehen diese Interpretation in Zweifel und vertreten die Ansicht, Friedman habe die Bedeutung der Geldpolitik überschätzt. Der „Großen Depression“ hat auch Bernanke ein Buch gewidmet. Seine wichtigste Schlußfolgerung lautet: Die Geldpolitik darf nicht so lange zusehen, bis eine kränkelnde Wirtschaft in einer Deflation erstarrt, sondern muß in diesem Fall durch die Bereitstellung billigen Geldes gegenhalten.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später sah sich Greenspan in seiner 18 Jahre währenden Amtszeit gleich mehrfach mit Spekulationen an Finanz- und Immobilienmärkten konfrontiert. Nur wenige Wochen nach seiner Ernennung brach im Oktober 1987 der Dow-Jones-Aktienindex an einem Tag um 23 Prozent ein. Doch der Schock währte nur kurz: Anders als 1929 folgte dem Absturz der Kurse keine allgemeine Wirtschaftskrise. Und schon drei Jahre später waren die Kurse wieder auf dem Stand vom September 1987.

Kritiker monieren, Greenspans Politik des billigen Geldes habe in den neunziger Jahren den überzogenen Boom der „New Economy“ mit hervorgerufen und nach dem anschließenden Kurseinbruch den Finanzmarkt wiederum mit billigem Geld überflutet. Damit trage er auch Verantwortung für einen spekulativen Anstieg der Hauspreise. Ob Bernanke künftig einen anderen Kurs steuern wird, bleibt abzuwarten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.10.2005, Nr. 43 / Seite 46
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
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