Vakzin

Astra-Zeneca lagert fast 30 Millionen Impfdosen in Italien

Von Tobias Piller, Rom
24.03.2021
, 12:07
Impfstoff von Astra-Zeneca
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Der Pharmahersteller hortet Corona-Impfstoff südlich von Rom. Der EVP-Fraktionsvorsitzende ist empört. Das Unternehmen gibt eine Erklärung ab.
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Der britisch-schwedische Impfstoffhersteller Astra-Zeneca hortet knapp 30 Millionen Impfdosen im Lager einer Fabrik von Anagni, 70 Kilometer südostlich von Rom. Die Regierung in Rom hat eine Inspektion in einer Firma bestätigt, nachdem die italienische Zeitung „La Stampa“ über die Lagerung berichtet hatte.

Der Impfstoff wurde laut der italienischen Zeitung in der niederländischen Fabrik Halix in Leiden hergestellt und dann in Italien abgefüllt. Die Informationen über das Depot von Impfstoff in Italien wurden offenbar, als EU-Kommissar Breton eine Auftragsproduktion für Astra Zeneca im niederländischen Leiden besuchte. Dort produziert ein Auftragshersteller namens Catalent für Astra-Zeneca.

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Anlass für die Inspektion soll gewesen sein, einen Überblick über die Produktionsmengen von AstraZeneca zu bekommen, die der Hersteller stets im Vagen lässt. In Halix wird nur der medizinische Wirkstoff für die Impfungen hergestellt, während die endgültige Abfüllung in Ampullen in der Fabrik im italienischen Anagni erfolgt. Breton erfuhr damit indirekt über die Ansammlung von Impfstoff in Italien.

EVP-Fraktionschef empört

In Italien ist aus Regierungskreisen zu erfahren, dass die EU-Kommission schon am Samstag den italienischen Ministerpräsidenten gebeten hat, die Lager einer Impfstoffproduktion in Anagni überprüfen zu lassen. Der Ministerpräsident hat den Gesundheitsminister Roberto Speranza informiert, der wiederum eine Inspektion einer Spezialeinheit der Carabinieri am Samstag und Sonntag veranlasst hat. Als Zielort für den gesamten gelagerten Impfstoff sei Belgien angegeben worden.

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Alle Lieferungen, die aus der Fabrik kommen, werden von den Carabinieri kontrolliert. Der Chef der Auftragsfertigung Catalent im italienischen Anagni sagte dazu allerdings gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg, die Impfstoffe würde generell nach Belgien zurückgebracht, weil sich dort das allgemeine Auslieferungslager für die Astra Zeneca-Lieferungen in alle Welt liege.

Die 30 Millionen Impfdosen sind knapp die doppelte Menge dessen, was Astra-Zeneca bisher insgesamt an die Länder der EU geliefert hat. Gegenüber den Ländern der EU hatte Astra-Zeneca immer wieder mitgeteilt, man müsse die Lieferungen kürzen.

Ein Sprecher von Astra Zeneca bestritt gegenüber der F.A.Z., dass im italienischen Anagni Impfstoffe angehäuft würden. Eine solche Darstellung sei nicht korrekt. Die Impfdosen müssten noch eine Qualitätskontrolle durchlaufen. Bestätigt wurde allerdings, dass insgesamt 29 Millionen Impfdosen in Anagni lagerten. Nach Angaben von Astra Zeneca sind 13 Millionen Impfdosen für Länder außerhalb der EU mit mittlerem oder niedrigen Volkseinkommen bestimmt. Diese gehörten zur sogenannten Covax-Initiative, die auch von der EU unterstützt werde. Weitere 16 Millionen Impfdosen, die ebenfalls noch eine Qualitätskontrolle brauchten, seien für die EU bestimmt, davon sollen 10 Millionen in der letzten Märzwoche ausgeliefert werden, der Rest im April.

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Der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber, zeigte sich auf Twitter empört. Dass Astra-Zeneca in Italien Impfstoff horte, sei angesichts der Knappheit nicht hinnehmbar. Die EU müsse den Export von Astra-Zeneca-Impfstoff, der in der EU hergestellt wurde, kategorisch verbieten.

Auch aus Frankreich sind härtere Töne zur Verteilung der Corona-Impfdosen zu hören: Die EU sollte im Kampf gegen das Virus nicht „eine Art zweckdienlicher Idiot“ sein, indem sie Vakzine exportiere, während andere Länder Vorräte für sich behielten, sagte ein Berater des französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Mittwoch vor Journalisten. „Wir haben viel exportiert, wir haben uns an die Regeln gehalten. Von einigen unserer Partner lässt sich das nicht sagen.“

Es müsse bei den sichergestellten Dosen geprüft werden, ob sie für den Export bestimmt gewesen seien, heißt es aus dem Umfeld des französischen Präsidialamts. Würde sich dies bewahrheiten, müsste die Lieferung gestoppt werden. Aus deutschen Regierungskreisen verlautete, womöglich gebe es nun die Möglichkeit, die Lieferungen an die EU merklich zu steigern. Das habe der Astrazeneca-Chef zugesagt.

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Formell besteht das Problem, dass der Fertigungsstandort in Anagni noch nicht von der Europäischen Arzneimittelaufsicht Ema zertifiziert worden ist. Die dort vorgehaltenen 29 Millionen Impfdosen dürften damit nicht sofort in den Ländern der EU verwendet werden. In der Zeitung „La Stampa“ wird indes vermutet, dass dahinter Strategie steckt: Womöglich habe Astra-Zeneca absichtlich das Genehmigungsverfahren für den Standort in Italien verzögert, damit für die dort produzierten Impfdosen keine anderer Weg als der Export bleibe. Die angesammelten Impfdosen würden von Großbritannien benötigt, um dort der Bevölkerung eine zweite Impfung zu ermöglichen. Bisher wurden die vorhandenen Impfdosen verwendet, um möglichst viele Briten nur einmal zu impfen.

Großbritanniens Regierung hatte sich in Fragen von Zertifizierung und Zulassung von Impfstoffen ohnehin risikofreudiger gezeigt als die EU-Kommission. Während die Kommission lange darüber verhandelte, dass im Falle von Problemen mit Impfstoffen die Hersteller die volle Haftung übernehmen, hatte die britische Regierung eine „Notzulassung“ des Impfstoffs von Astra-Zeneca vornehmen lassen. Mit der ist aber offenbar auch eine Übernahme der Haftung durch den britischen Staat verbunden.

Der britische Premierminister Boris Johnson gab sich angeblich am Dienstagabend bei einer Versammlung der konservativen Parlamentsfraktion in Feierlaune wegen des großen Vorsprungs von Großbritannien bei der Belieferung mit Impfstoffen und bei der Impfung der Bevölkerung. Nach Angaben des öffentlich-rechtlichen Senders BBC sagte Boris Johnson, der Erfolg Großbritanniens sei möglich gewesen durch „Kapitalismus und Gier“.

Danach habe er aber den Abgeordneten mitteilen lassen, er nehme die Aussage zurück, alle sollten sie aus ihrem Gedächtnis streichen. Wenn Boris Johnson von dem britischen Impfstoff redet, spricht er immer stolz von „Oxford Astra-Zeneca“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Piller, Tobias (tp.)
Tobias Piller
Redakteur in der Wirtschaft.
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