Abfallnot nach der Flut

Das Wasser verschwindet – der Müll muss noch weg

Von Jan Hauser
23.07.2021
, 16:36
In Bad Münstereifel befördert ein Helfer Müll und Trümmer an der Erft entlang.
Nach dem Hochwasser fallen Rekordmengen von Abfall an. Der ist vor Ort kaum zu entsorgen. Wer wird dafür zahlen, dass der Müll abtransportiert wird?

Nach dem gewaltigen Hochwasser muss aufgeräumt werden. An den Straßen türmt sich der Abfall zu großen Haufen. Lädierte Kleidung, kaputte Möbel und zerstörte Geschirrspüler kommen auf den Müllberg. Noch lässt sich gar nicht sagen, wie viel Abfall in den betroffenen Regionen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz anfällt.

Der Anblick macht an vielen Orten klar: Es werden unglaubliche Volumina sein, teilt der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) mit: „Wir gehen aktuell davon aus, dass es sicherlich eher Wochen, wenn nicht gar Monate dauern wird, um alles zu entsorgen.“ Von ihren Mitgliedsunternehmen hören sie, dass in drei Tagen die übliche Jahresmenge an Sperrmüll zusammengekommen ist oder auch in wenigen Tagen das Aufkommen aus drei Jahren.

Schon nach früheren Unwetterereignissen sind Entsorger kaum hinter den Müllbergen herkommen. Patrick Hasenkamp, Leiter der Abfallwirtschaftsbetriebe Münster, kennt das. „Die Erfahrung der Jahrhundertereignisse in Münster im Jahr 2014 hat gezeigt: Es fällt bei Aufräumarbeiten nach Überflutungen viel Sperrmüll an, und auch verschiedene Abfälle, gewerblich wie Siedlungsabfälle, müssen weiter verlässlich entsorgt werden“, sagt der VKU-Vizepräsident. Die Abfallwirtschaftsbetriebe hatten in drei Wochen nach dem Unwetter rund 10.000 Tonnen Sperrgut abgefahren. Sonst sind es insgesamt 6000 Tonnen Sperrgut in einem Jahr.

Auf einen Müllberg in Opladen kommt noch mehr Abfall.
Auf einen Müllberg in Opladen kommt noch mehr Abfall. Bild: dpa

Solche Müllberge machen den Entsorgungsbetrieben nun auch in den überfluteten Regionen zu schaffen. Am besten sollte der Abfall rasch von den Straßen verschwinden, um Hygieneprobleme und Verkehrshindernisse zu meiden. Mitunter bringen lokale Bauunternehmer, Landwirte mit ihren Baggern und die Feuerwehr emsig den Müll von den Straßen. Ein Rat lautet, dass die Müllberge auf befestigtem Untergrund wie Beton lagern sollten, damit Schadstoffe nicht in das Grundwasser sickern.

Aufräumungsarbeiten werden in der Gemeinde Insul im Ahrtal fortgesetzt.
Aufräumungsarbeiten werden in der Gemeinde Insul im Ahrtal fortgesetzt. Bild: dpa

Wie lange die Entsorgung des gesamten Mülls dauern wird, hängt von der endgültigen Menge ab. Sicher ist, dass mehr Kapazitäten benötigt werden. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) will Abfälle in anderen Bundesländern entsorgen. „Die Abfallbeseitigung vor Ort ist an ihre Grenzen gekommen. Es braucht hier überregionale Hilfe“, sagte er. Auch werden in Nordrhein-Westfalen die Vorschriften für die Müllentsorgung gelockert, sodass der Abfall zwischengelagert werden darf. Laut dem Verband der kommunalen Unternehmen ist etwa in Bonn die Lage angespannt, weil hier auch Mengen aus dem Kreis Ahrweiler, dem Kreis Euskirchen und dem Rhein-Sieg-Kreis ankommen.

Vieles vom Abfall wird angesichts der starken Verwüstung kaum mehr aufbereitet werden können. Das zeigen auch Erfahrungen vom Hochwasser in Dresden, wie Thomas Kügler berichtet. „Wenn ich mich 2002 als Privatperson erinnere, war nicht viel mehr mit Trennen und Verwerten“, sagt der heutige Abteilungsleiter der Abfallwirtschaft der Stadt.

In Stotzheim ist Sperrmüll in einer langen Reihe zusammengetragen worden.
In Stotzheim ist Sperrmüll in einer langen Reihe zusammengetragen worden. Bild: dpa

Vor fast 20 Jahren entstanden durch das Hochwasser enorme Abfallmengen. Damals haben auswärtige Entsorgungsunternehmen viel geholfen. Mineralische Abfälle wie Bauschutt oder Straßenabbruch können auf der Deponie landen. Organische Materialien wie Holz dürfen seit mehr als 15 Jahren aber nicht mehr dorthin, sondern müssen verbrannt werden. Hier ist ein Engpass zu erwarten, weil die Müllverbrennungsanlagen meist ausgelastet seien. Man könne den Müll zwar noch sortieren, aber wahrscheinlich werde viel verbrannt werden müssen.

Remondis, der größte private Entsorger in Deutschland, sieht die Herausforderung entsprechend in den großen Mengen an Sperrmüll. Die Umfänge seien gewaltig und an ihren Standorten mindestens Jahresmengen zu bewältigen.

In Gemünd liegt Sperrmüll aus überfluteten Wohnungen in der Fußgängerzone.
In Gemünd liegt Sperrmüll aus überfluteten Wohnungen in der Fußgängerzone. Bild: dpa

Auch der Verband der kommunalen Unternehmen zweifelt daran, dass sich mineralisches und organisches Material derzeit gut trennen lässt. Zudem warnt dieser davor, dass illegale Metallschrottsammler in den Hochwassergebieten unterwegs sind, da viele Waschmaschinen und Kühlschränke zerstört sind und für Metallschrott aktuell Rekordpreise gezahlt werden: „Wenn möglich sollten die Bewohner darauf achten, dass gerade der Elektroschrott nur von den zur Sammlung berechtigten Kommunen eingesammelt wird.“ Wo es möglich ist, werde Elektroschrott separat gesammelt.

In der Not helfen sich die Entsorgungsbetriebe untereinander. Durch überflutete Orte kommen Personal, Fahrzeuge und Container von Unternehmen außerhalb der Hochwasser-Regionen. Für solchen auswärtigen Einsatz dünnen manche Kommunen die eigenen Abholpläne aus und stellen zu Hause auf Notbetrieb um.

Abtragen der Müllberge: In Opladen belädt nach der Flut ein Bagger einen Container mit Abfall.
Abtragen der Müllberge: In Opladen belädt nach der Flut ein Bagger einen Container mit Abfall. Bild: dpa

In Nordrhein-Westfalen unterstützt nun auch das Umweltministerium mit der Koordinierungsstelle „Abfallentsorgung“: Die Kommunen sollen den Bezirksregierungen schriftlich angeben, was sie an Geräten und Personal sowie an Entsorgungsmöglichkeiten in Müllverbrennungsanlagen benötigen. Das geben die Bezirksregierungen gebündelt an die neue Koordinierungsstelle weiter, die mit den Verbänden der Entsorgungswirtschaft bespricht, wer helfen kann.

Bis der Müll entsorgt ist, dauert es noch. Mit dem vielen Abfall steigen allerdings die Ausgaben. In jedem Fall entständen zusätzliche Kosten für die Abfallwirtschaftsbetriebe, hält der Verband kommunaler Unternehmen fest. Aktuell sei es noch nicht an der Zeit, um über Kosten zu reden. „Die absehbar steigenden Entsorgungskosten sollten unserer Überzeugung nach von den durch Bund und Länder aufgelegten Hilfsprogrammen mit abgedeckt werden“, teilt der Verband mit. Zum einen ließen sich die Abfälle häufig nicht mehr einzelnen Grundstücken zuordnen, zum anderen seien betroffene Haushalte finanziell schon genug gebeutelt. Zahlen wird dennoch dafür jemand müssen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hauser, Jan
Jan Hauser
Redakteur in der Wirtschaft.
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