Al Gore zum Klimawandel

„Mutter Natur meldet sich jetzt überzeugend zu Wort“

Von Jan Hauser
22.09.2022
, 14:28
Ein Leben nach der Politik: Al Gore ist Investor und sitzt auch im Aufsichtsrat von Apple.
Hitzewellen, Starkregen, Überflutungen: Al Gore, einst amerikanischer Vizepräsident, warnt vor den Folgen des Klimawandels – und vor Russlands aggressiver Politik.
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Herr Gore, wirft die Energiekrise den Kampf gegen den Klimawandel zurück?

Nein, sie stärkt ihn. Aber Europa steht vor allem vor der Herausforderung, die kurzfristigen Risiken der Abschaltung von russischem Öl, Gas und Kohle mit den langfristigen Risiken der Klimakrise in Einklang zu bringen. In den meisten Fällen werden wir ein gutes Gleichgewicht sehen mit der Erkenntnis, dass niemand im Winter frieren muss. Der russische Präsident Wladimir Putin versucht, Europa zu erpressen und dem Willen eines Autokraten mit dem unmoralischen Angriff auf die Ukraine zu unterwerfen. Aber das hat den Willen der Regierungen auf dem ganzen Kontinent gestärkt, den Übergang zu einem Netto-Nulltreibhausgasausstoß bis 2050 zu beschleunigen. Und in den Vereinigten Staaten verspricht das Inflationssenkungsgesetz, die Emissionen um bis zu 40 Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken.

Geht die Umstellung auf eine Wirtschaft ohne Kohlendioxid nicht zu langsam voran?

Klar. Ich plädiere seit Langem dafür, den Wechsel schneller zu vollziehen. Realisten werden uns daran erinnern, dass die Welt immer noch 80 Prozent ihrer Energie aus fossilen Brennstoffen bezieht. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir die Treibhausgasemissionen vollständig beseitigen. Aber die Welt hat jetzt das richtige Ziel, die CO2-Emissionen bis 2030, also in nur acht Jahren, um die Hälfte zu reduzieren. Das ist der Wegweiser zu einer Netto-Null-Emission bis 2050. Einer der hoffnungsvollsten Aspekte des jüngsten Berichts des Weltklimarates IPCC ist, dass die Temperaturen auf der Erde mit einer Verzögerung von nur 3 bis 5 Jahren nicht mehr ansteigen werden, sobald wir den Netto-Nullpunkt erreicht haben. Bleiben wir bei einem echten Netto-Nullpunkt, wird die Hälfte aller vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen in nur 25 bis 30 Jahren aus der Atmosphäre in die oberen Ozeane und die Vegetation zurückkehren. Die Nachrichten sind nicht nur düster. Wir können Luft und Wasser säubern und den Lebensstandard verbessern, während wir die Schadstoffe der globalen Erwärmung beseitigen.

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Wie soll das genau gehen?

Zunächst haben wir alle Lösungen, um die Treibhausgasemissionen in den nächsten acht Jahren um die Hälfte zu senken. Das sagen auch die Internationale Energieagentur IEA und der Weltklimarat IPCC. Es gibt immer ein gewisses Beharrungsvermögen – selbst wenn es rentabler wäre, ein Kohlekraftwerk sofort abzuschalten und durch Windräder oder Solarstrom zu ersetzen. Einige Unternehmen und Institutionen sträuben sich immer noch gegen Veränderungen. Aber Mutter Natur meldet sich jetzt sehr überzeugend zu Wort.

Hatte der damalige amerikanische Präsident Donald Trump recht, als er Deutschland vor der Abhängigkeit von russischem Gas warnte?

Mehrere Präsidenten haben versucht, die Schwierigkeiten zu verhindern, die Europa jetzt aufgrund der Abhängigkeit von russischem Gas und Öl hat. Der ehemalige Präsident Ronald Reagan hat vor langer Zeit ähnliche Anstrengungen unternommen. Als ich Vizepräsident war, verfolgte die Clinton-Gore-Regierung die Politik, die wachsende Abhängigkeit Europas von den russischen Reserven fossiler Brennstoffe zu unterbinden. Alle Präsidenten, die Europa vor dieser Abhängigkeit gewarnt haben, haben recht behalten.

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Aber Europa hat darauf nicht gehört und muss die Folgen jetzt tragen.

Nach der Fukushima-Tragödie hat die Änderung der Atompolitik den Schwierigkeitsgrad für Deutschland erhöht. Das versteht jeder. Doch nun sprechen führende Politiker auf dem ganzen Kontinent davon, dass erneuerbare Energien Freiheit bringen.

Deutschland ist dabei, alle Atomkraftwerke abzuschalten. Glauben Sie, dass Deutschland mehr Atomstrom braucht?

Die Entscheidung über die Energiezukunft Deutschlands müssen die Deutschen selbst treffen. In den Vereinigten Staaten haben die Kosten der Kernenergie dazu geführt, dass die meisten Energieversorger keine neuen Reaktoren mehr bauen wollen. Allerdings ist die öffentliche Meinung wohl dafür, die Laufzeit einiger bestehender Kernkraftwerke zu verlängern, wenn nachgewiesen werden kann, dass ihr Betrieb ausreichend sicher ist.

Erwarten Sie, dass Russland wieder mehr Gas durch die Pipelines nach Europa schickt?

Russland hält Gas zurück, bis die Sanktionen aufgehoben sind. Das ist eine sehr aggressive negative Politik, denn die Sanktionen sind gerechtfertigt. Wir befinden uns hier im 21. Jahrhundert und beobachten den Angriffskrieg auf einem Kontinent, der im vergangenen Jahrhundert viel Krieg erlebt hat. Putin hat eine Reihe von zutiefst unmoralischen Entscheidungen getroffen. Wenn er versucht, Europa zu erpressen und Energie als Waffe einzusetzen, sagt Europa zu Recht: Das lassen wir nicht zu.

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Welche Folgen hat der Konflikt mit Russland für die Energieversorgung in den nächsten Monaten?

Carl von Clausewitz hat geschrieben, dass das Ende eines Krieges sich wie bei keinem anderen menschlichen Unterfangen vorhersagen lässt. Aber aus den Nachrichten geht hervor, dass die ukrainische Gegenoffensive zu einigen militärischen Erfolgen führt. Der Dialog in Moskau enthält Hinweise darauf, dass selbst Putin-Loyalisten über den Verlauf des Krieges für Russland besorgt sind. Die Leidenschaft der Ukrainer, ihr eigenes Land zu verteidigen, scheint die Einstellung der einmarschierenden Soldaten zu übertreffen, die nach Berichten nicht verstehen, warum sie dort sind.

Erwarten Sie einen kalten Winter für Deutschland und Europa?

Ich bin kein Meteorologe, aber Klimawissenschaftler weisen schon seit einiger Zeit darauf hin, dass als eine Folge der Klimakrise sich das Temperaturgefälle zwischen dem Äquator und dem Nordpol verändert. Wenn die Windströme sehr kalte Luft aus der Arktis viel weiter nach Süden bringen, kommt es zu außergewöhnlichen Kälteperioden. Klimawissenschaftler hatten recht, als sie die extremen Ereignisse vorhersagten, die wir auf der ganzen Welt erleben: in Europa, im westlichen Teil Nordamerikas, in China mit einer beispiellosen Hitzewelle oder in Pakistan, wo ein Drittel des Landes unter Wasser steht. Klimawissenschaftler warnen uns vor den schlimmen Folgen, wenn wir die Treibhausgasemissionen nicht drastisch reduzieren. Die Tatsache, dass sie in der Vergangenheit mit ihren Vorhersagen richtiglagen, sollte uns dazu veranlassen, Vertrauen darin zu haben, was sie uns über unsere Zukunft sagen.

Gegen den Klimawandel müssen viele Länder mit unterschiedlichen Interessen unter einen Hut gebracht werden. Was würde passieren, wenn China nicht mitmachen würde?

China hat die schlimmste Hitzewelle in der gesamten aufgezeichneten Geschichte hinter sich. Nun ist auch die Herbsternte in China gefährdet. Wir haben Starkregen, Überschwemmungen und Schlammlawinen erlebt. China hat verstanden, dass die Klimakrise gelöst werden muss. Aus meinen Gesprächen mit chinesischen Politikern weiß ich, dass sie erst planen und dies dann umsetzen. Ihr Plan mag in den Augen der übrigen Welt als zu langsam erscheinen. Ich halte ihn auch für zu langsam, aber wir müssen anerkennen, dass China mehr Solarparks als jedes andere Land der Welt gebaut und in Betrieb genommen hat, mehr Windparks, Hochleistungsübertragungsleitungen, Schnellzüge und Elektrobusse.

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Aber auch mehr Kohlekraftwerke.

Stimmt. Leider baut China mehr Kohlekraftwerke als der Rest der Welt zusammen. Daher hoffe ich, dass China seinen Wechsel zu erneuerbaren Energien beschleunigt und zu einem Dialog mit Amerikas Präsident Joe Biden zurückkehrt. China ist mit Abstand der größte Verursacher der globalen Erwärmung. Das Emissionsniveau ist doppelt so hoch wie das der Vereinigten Staaten, des zweitgrößten Verursachers. Für den Rest der Welt kommt es entscheidend darauf an, China einzubinden und den klimaneutralen Übergang zu unterstützen.

Haben Sie Hoffnung, dass eine globale Erwärmung von 1,5 Grad oder weniger erreicht werden kann?

Das habe ich in der Tat. Rüdiger Dornbusch, ein Wirtschaftswissenschaftler, war bekannt für Dornbuschs Gesetz: Sachen brauchen länger, als du denkst, und dann geschehen sie schneller, als du es für möglich hältst. Das werden wir mit der Nachhaltigkeitsrevolution erleben. Der Bericht der Nachhaltigkeitstrends, den wir von Generation Investment Management gerade veröffentlicht haben, zeigt, wie viele Fortschritte wir machen. Von der gesamten neu installierten Stromerzeugung auf der Welt waren im vergangenen Jahr 90 Prozent erneuerbar. Fast alles davon war aus Solar- und Windenergie. In vielen Ländern machen Elektroautos schon 10 bis 15 Prozent der gesamten Fahrzeuge aus. Wir wissen aus vergangenen technologischen Revolutionen, dass dies ein Wendepunkt ist. Bald steigt der Prozentsatz sehr schnell an. Deshalb fordern junge Menschen in Deutschland, den Vereinigten Staaten und allen anderen Ländern, dass wir etwas unternehmen. Wir müssen uns schneller in Richtung einer nachhaltigen, wohlhabenden und sauberen Zukunft bewegen.

Klimakampf

Von 1993 bis 2001 war Al Gore amerikanischer Vizepräsident. Seither warnt der 74 Jahre alte Ge­schäftsmann vor dem Klimawandel, wofür er 2007 den Friedensnobelpreis mit anderen Um­weltschützern erhielt. Drei Jahre zuvor gründete er Generation Investment Management mit. Die Londoner Investmentgesellschaft hat gerade ihren neuen Nachhaltigkeitstrendbericht vorgelegt. Demnach werden Inves­titionen in eine saubere Wirtschaft bald 1 Billion Dollar im Jahr übertreffen. Um den Temperaturanstieg auf der Welt jedoch auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, seien bis 2025 2 Billionen Dollar und bis 2030 4 Billionen Dollar im Jahr nötig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hauser, Jan
Jan Hauser
Redakteur in der Wirtschaft.
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