Alfons Schuhbeck

Der Promi-Pleitier

Von Daniel Mohr
24.07.2021
, 14:50
Alfons Schuhbeck (72), einer von Deutschlands prominentesten Köchen
Starkoch Alfons Schuhbeck muss für sein Imperium Insolvenz anmelden. Corona sei schuld. Doch es ist nicht der erste wirtschaftliche Fehltritt des Unternehmers.

Wer das Phänomen Alfons Schuhbeck verstehen will, findet bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Rat. Der legendäre frühere Mannschaftsarzt des FC Bayern München sagte gerade der F.A.Z.: „Wir waren ja immer auch mit einem Spitzenkoch unterwegs, dem Alfons Schuhbeck.“ Natürlich. Mit wem sonst. Wo andere Sportvereine sich auf Reisen eine Brotdose mitnehmen oder eben mal schnell bei Burger King an der Autobahn halten, hat der FC Bayern seinen Sternekoch dabei.

Als wir neulich in der F.A.S. ein großes Stück zu Ingwer gemacht haben, dem Modegewürz schlechthin, konnte Schuhbeck erzählen, dass er Ingwer schon vor 30 Jahren nutzte. Zum Schweinsbraten und heute sogar im Kaffee. Die Spieler des FC Bayern trinken auf Schubecks Rat hin täglich Ingwer. Wo immer man hinschaut, Schuhbeck ist schon da. Und war immer da. Wen trifft unsere Reiseredaktion im fernsten Asien? Alfons Schubeck, der seinen Gewürzen um die ganze Welt hinterher reist. Man möge fast glauben, es gebe ihn mehrmals, bemerkte der Kollege damals, den Fernsehkoch, den Bayern-Koch, den Weltreisenden, den Unternehmer, der mit seinem Imperium die Münchener Innenstadt prägt.

Nun musste Erfolgsmann und Promifreund Alfons Schuhbeck beim Amtsgericht München Insolvenz anmelden. „Ich bin auf meinem Weg vom Tellerwäscher zum Millionär genauso weit weg vom Tellerwäscher wie vom Millionär“, sagte Schuhbeck einmal. „Ich mach das für mich. Meine Leidenschaft hängt an den Gewürzen.“ Wer das für Understatement hält, kennt Schuhbeck nicht. Was ihn packt, was ihn fasziniert, das macht er.

Das zeigt auch ein Blick in seinen Gewürzladen in München. Auf drei Etagen wird dort Erlesenes aus aller Herren Ländern angeboten. Eine „orientalisch-barocke Erlebnis-Shoppingwelt“, heißt es, für deren üppige Gestaltung Schuhbeck Kunsthandwerker, Kunstmaler und einen Posamentier anheuerte. Wenn Schuhbeck etwas macht, dann muss das eine Freude sein, für den Gaumen, das Auge, das Herz.

Stammgast auf der Ehrentribüne des FC Bayern
Stammgast auf der Ehrentribüne des FC Bayern Bild: Picture Alliance

Von einem Imperium wollte Schuhbeck daher auch selbst nie sprechen, wenn es um seine Geschäfte ging. „Nur weil ich dahinten so einen Pamperlladen hab.“ Das interne Rechnungswesen seiner Betriebe war auch nie der entscheidende Ratgeber, der Koch schaute nicht zuerst auf den Profit. Der Betriebswirt fragt sich, wie teuer die Gewürze sein müssen, damit sich so etwas rechnen kann.

Nun gilt es zu retten, was sich retten lässt. Schuhbeck denkt natürlich zuerst an die Gewürze. Die erwähnt er ausdrücklich in seiner Mitteilung von dieser Woche, als er spürbar leidend verkündete, für seine Betriebe Insolvenz anzumelden. „Für die Gastronomie war der Corona-Lockdown der Todesstoß“, heißt es da. In München fehlen die Touristen. Die Innenstadt sei leer, sagt der Koch. Vom Staat fühlt sich Schuhbeck im Stich gelassen. Die „vollmundig angekündigten Staatshilfen“ seien bei ihm „bis heute ausgeblieben“. Sein Anwalt Sascha König von der Kanzlei König Gauweiler Sauter erklärt zwar, dass kleinere Abschlagszahlungen erfolgt seien. Diese seien aber auf einem Treuhandkonto zwischengeparkt bis zur Klärung der Ansprüche, sagte er im Gespräch mit der F.A.S.

Schuhbeck ist mit seinen vielen Unternehmungen an Restaurants, Läden und Veranstaltungsräumen ein besonderer Fall. Die Richtlinien für die Corona-Wirtschaftshilfen sähen vor, dass Unternehmensgruppen nur gemeinsam antragsberechtigt sind, sagt König. „Die Unternehmensgruppe von Herrn Schuhbeck hatte und hat daher das Pro­blem, dass sie trotz massiver Betroffenheit vom Lockdown zunächst überhaupt nicht, später nur mit kleineren Teilbereichen der Unternehmensgruppe antragsberechtigt war.“ Der durch den Lockdown verursachte wirtschaftliche Schaden sei bei seinem Mandanten deshalb sehr viel höher gewesen als die nach Antragstellung in Aussicht gestellten Wirtschaftshilfen. „Eine solche Unterdeckung können nur wenige Unternehmen verkraften.“

Schuhbeck selbst erklärt: „Das ist ein wirklich schwerer Schritt, aber es bleibt mir nichts anderes übrig.“ Und ergänzt: „Ich will weitermachen.“ Wenn der Insolvenzverwalter nicht anders entscheidet, werden die Restaurants am Platzl, das Orlando, die Gewürzläden, die Eisdiele und vieles mehr weiter offen bleiben.

In jungen Jahren mit Freund und Kochkumpan Elmar Wepper: „Hausmannskost für Feinschmecker“.
In jungen Jahren mit Freund und Kochkumpan Elmar Wepper: „Hausmannskost für Feinschmecker“. Bild: ullstein bild - s.e.t. Photo

Das Leben des Münchener Unternehmers war kein lupenreiner Aufstieg. Geboren als Alfons Karg in Traunstein, begann er nach der Schule eine Lehre als Fernmeldetechniker und lernte als Bandmitglied den Gastronomen und Campingplatzbesitzer Sebastian Schuhbeck in Waging am See kennen. Der kinderlose Gastwirt suchte einen Nachfolger, animierte den jungen Mann zu einer Kochausbildung und adoptierte ihn. So wurde aus Alfons Karg der Koch und Gourmet Alfons Schuhbeck. Ohne Sprachkenntnisse ging er nach London, Paris und Genf, um das Kochhandwerk zu lernen. Seine Abschlusslehre erfolgte bei Eckart Witzigmann in dessen Edellokal „Aubergine“ in München.

Der entscheidende Schritt nach vorne, wie Schuhbeck findet. 35 Mal habe er vergebens bei Witzigmann vor der Tür gestanden, bis der Starkoch ihn aufnimmt und er dort mit Johann Lafer kocht. Mit Anfang 30 übernahm Schuhbeck dann das Kurhausstüberl seines Adoptivvaters in Waging und machte es zum Schickimicki-Lokal der Münchener Prominenz. Bald folgte sein erster Michelin-Stern. Manche sprachen von aufgepeppter Regionalküche, die er servierte. Schuhbeck störte das wenig. Er wolle kein Elitenprodukt. Markenzeichen blieb stets die Bodenständigkeit, sich für eine ordentliche Bratwurst nicht zu schade zu sein.

 In der Küche mit Sternekoch Ralf Meyer
In der Küche mit Sternekoch Ralf Meyer Bild: Funke Foto Services

Oben angekommen, wird Schuhbeck 1989 vom Gourmetführer Gault-Millau als „Koch des Jahres“ ausgezeichnet. Er gründet einen Catering-Service, zählt den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl zu seinen Kunden und expandiert nach München. Ein Anlagebetrüger kostet ihn dann fast die Existenz. Schuhbeck verliert viel Geld, sieht sich staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ausgesetzt, bekommt letztlich ein Jahr auf Bewährung und muss 250 000 Mark Geldstrafe zahlen. Schuhbeck stellt es so dar, als ob er betrogen worden sei. Und es wirkt glaubhaft, dass er sich stets mehr für die besondere Raffinesse von Ingwer, Chili oder Knoblauch interessiert hat als für Details der Geldanlage oder der Finanzplanung.

Deswegen muss er sich jetzt nicht nur mit einem Insolvenzverfahren auseinandersetzen, das sein Lebenswerk bedroht, sondern auch noch mit einem Steuerverfahren der Staatsanwaltschaft München I gegen ihn. Vor zwei Jahren, kurz nach seinem 70. Geburtstag, mussten seine Läden und Restaurants ein paar Stunden geschlossen bleiben, weil die Staatsanwaltschaft alles auf den Kopf stellte.

Mit Arnold Schwarzenegger auf einer Weißwurstparty
Mit Arnold Schwarzenegger auf einer Weißwurstparty Bild: Getty

In dem Verfahren geht es um Steuerhinterziehung, die durchaus ein Ausmaß von ein bis zwei Millionen Euro erreichen könnte. Das wäre ein Ausmaß, in dem es mit einer Bewährungsstrafe nicht getan wäre. Doch auch hier wird Schuhbeck womöglich kein Vorsatz nachgewiesen werden können. Eher Nachlässigkeit in der Buchführung. Seit dem Jahr 2017 ist Schuhbeck der Offenlegungspflicht der Geschäftszahlen im Bundesanzeiger für mehrere seiner Unternehmen nicht nachgekommen. Das Bundesamt für Justiz hat Ordnungsgeldverfahren eingeleitet. Die Ordnungsgeldhöhe steigert sich so lange, bis das Unternehmen der Offenlegungspflicht nachkommt.

Auch das Steuerverfahren läuft noch. Zu Details wollen sich weder Schuhbeck noch seine Anwälte äußern. Zu heikel ist die aktuelle Lage. Schuhbeck kennt das Auf und Ab des Lebens. Aber mit einem Ab hat er sich nie arrangiert. 19 Stunden, so berichtete er es vor Jahren, arbeite er am Tag. Nur so ist möglich, dass sein Pensum nur ein einziger Schuhbeck schaffen kann und nicht ein paar Doppelgänger nötig sind. „Ich werde schon einen Neustart für mich hinbekommen, aber meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trifft das richtig hart“, lässt sich Schuhbeck in der Insolvenzmitteilung zitieren.

Mit Franz Beckenbauer und Sonya Kraus
Mit Franz Beckenbauer und Sonya Kraus Bild: GES-Sportfoto

Schon jetzt ist klar, dass es im Herbst weitere Kochshows mit ihm im Bayerischen Rundfunk geben wird. Für den Entertainer Schuhbeck ein Heimspiel, aber auch ein großes Anliegen. Sosehr er umgeben von Stars und Sternchen dieser Welt durch die vergangenen Jahrzehnte geschritten ist, liegt ihm im Kern seine eigene Profession am Herzen. Er möchte kochen und es den Menschen auf ihren Sofas vor dem Fernsehen näherbringen. „Ihr kocht viel besser, als ihr glaubt“, ruft er ihnen gerne zu. Nur zu heiß und zu sehr schnell-schnell. Geht es nach Schuhbeck, soll Kochen kein Stress sein, sondern Genuss. Deswegen versucht er nett und charmant den Spaß am Kochen zu vermitteln. Und in jedem Zuschauer den Eindruck zu erwecken, so weit gar nicht vom Können des Sternekochs entfernt zu sein.

Schuhbeck sieht sich nicht nur als Kochberater, sondern auch als Lebensratgeber. „Manche rennen dauernd zum Arzt, dabei haben sie nur 30 Jahre lang falsch gegessen“, sagt er. Seine Ratschläge lassen sich in zahlreichen Büchern nachlesen, die er verfasst hat. Nun braucht Schuhbeck selbst gute Ratgeber. Die kommenden Wochen und Monate werden nicht leicht. Verheiratet war er nie, angeblich hat er drei oder vier Kinder. Doch seine engen Wegbegleiter stehen ihm zur Seite. Elmar Wepper, mit dem Schuhbeck viele Kochshows zusammen gemacht hat, lobte den Koch als zuverlässigen Freund, auch in der Not. „Ich halte ihm die Treue.“ Auch andere Prominente äußerten sich ähnlich. Doch über das weitere Schicksal entscheiden nun vor allem Banken, Insolvenzverwalter, Staatsanwalt und Richter.

Quelle: F.A.S.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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