Scherbaums Börse

America first? Nicht bei Aktien

Von Christoph Scherbaum
02.10.2020
, 10:55
Joe Biden, Präsidentschaftskandidat der Demokraten
In der heißen Phase des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs dürfte die Volatilität an den Märkten stark zunehmen. Anleger sollten ihr Depot prüfen und gegebenenfalls umschichten.
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Die alte Börsenweisheit „politische Börsen haben kurze Beine“ wird immer gerne von Marktexperten genommen, wenn sie versuchen, Kursverluste an den Börsen aufgrund von politischen Ereignissen zu relativieren. Die Argumentation ist, dass die Politik die Börsenkurse nur kurzfristig beeinflusst, dagegen „harte Fakten“ wie Quartalsergebnisse und Konjunkturdaten nachhaltiger wirken.

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Nun kann man die erste (chaotische) Fernsehdebatte zwischen dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden nicht unbedingt als geopolitischen Unruheherd einstufen – aber ein bisschen schon. Denn die erste von drei geplanten Debatten vor der Präsidentschaftswahl am 3. November könnte Anlegern durchaus Sorge machen. Sie legt nahe, dass Amerika sehr bewegte Wochen vor sich hat. Dass sich die Börsen in dieser Zeit entspannt zeigen, scheint nicht realistisch. Zur Beruhigung der Nerven dürfte auch nicht beitragen, dass sich Trump mit dem Coronavirus infiziert hat, auch wenn zumindest der deutsche Leitindex Dax am Freitagvormittag nur mit minimalen Kursverlusten reagierte.

Positiv für Anleger ist, dass sowohl Trump als auch Biden an dem aktuellen expansiven finanzpolitischen Kurs wenig bis nichts ändern wollen. Der Grund ist einfach gefunden: Es geht darum, die Folgen der Corona-Pandemie in Zaum zu halten. Außerdem dürfte es nach der Wahl zu erheblichen Investitionen in die amerikanische Infrastruktur kommen. Hier verfolgen beide Präsidentschaftskandidaten ähnliche Pläne. Donald Trump will 1,5 Billionen Dollar in klassische Infrastruktur stecken, Joe Biden will dagegen zwei Billionen Dollar unter anderem auch in regenerative Energie und andere Zukunftstechnologien investieren. Die Vermögensverwaltung Western Asset Management geht davon aus, dass Unternehmen aus den Bereichen Grundstoffe und Baugewerbe in jedem Falle profitieren werden. Der klassische Energiesektor könnte leiden, falls Biden die Wahl gewinnt, wohingegen Anbieter regenerativer Energie profitieren dürften, so die Vermögensverwaltung weiter.

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. Bild: Christoph Scherbaum

Spannender wird es auch für Anleger werden, wie es in der Außenpolitik nach der Wahl weitergeht – vor allem in Bezug auf die Beziehungen Amerikas zu China und Europa. Ein künftiger Präsident Biden wird vermutlich stärker als Trump auf internationale Kooperation setzen. Ob dies im Falle von China auch substantielle Verbesserungen der Beziehungen bringt, bleibe aber offen, so die Experten von Western Asset Management.

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Weltwirtschaft immer noch labil

Christopher Smart, Marktexperte beim Barings Investment Institute, ist in Bezug auf das amerikanisch-chinesische Verhältnis ebenfalls zurückhaltend: „Die rasche Erholung Chinas nach der Pandemie sieht verlockend aus, aber die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten werden sich wahrscheinlich verschlechtern, unabhängig davon, wer die Präsidentschaftswahl gewinnt. Die Kandidaten Donald Trump und Joe Biden, die sich in fast nichts einig sind, fordern beide härtere Maßnahmen gegen ein Land, von dem sie glauben, dass es sich während seines globalen Aufstiegs schlecht verhalten hat.“ Marktbeobachter Smart relativiert seine Aussage jedoch ein bisschen. Es könnte sich im nächsten Jahr ein kurzes Fenster für Fortschritte in den Handelsbeziehungen öffnen, weil sich die politischen Interessen vorübergehend angleichen würden.

Da die Weltwirtschaft noch immer in den Seilen hänge, hätten Trump, Biden und Xi einen Anreiz, die Unsicherheit in Bezug auf den Handel zu verringern und die Gelegenheit für ein neues Abkommen zu schaffen, in dem China seine Subventionen kürzt und Amerika dem Land dafür Zollerleichterungen gewährt. „Grundsätzlich gehen die Beziehungen zwischen den beiden Ländern aber nach wie vor härteren Zeiten entgegen, da auf beiden Seiten Konsens darüber herrscht, dass das jeweils andere Land unversöhnlich feindselig ist.“

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Haben politische Börsen also kurze Beine? Es kommt wohl auch bei dieser Börsenweisheit darauf an, wie jeder Anleger für sich die Länge von Beinen definiert.

Wahnwitzige Kurs-Gewinn-Verhältnisse

Damit stellt sich auch die Frage, ob man in den kommenden Monaten das eigene Depot etwas umstellen sollte. Wer beispielsweise noch immer ambitioniert in Werten wie Tesla investiert ist, sollte vorsichtiger agieren.

Das Szenario eines Crashs wird von vielen Marktexperten weiter hochgehalten. „Dieses Mal haben wir es nicht mit einer einfachen Blase zu tun, die platzen kann“, sagt unter anderem Ivan Mlinaric vom Vermögensverwalter Quant Capital Management. „Dieses Mal sehen wir ein Bündel aus aufgeblasenen Luftballons – und davon platzen immer mehr.“ Vor allem die Aktienbewertungen seien aufgebläht.

„Wenn Unternehmen wie Tesla oder Nikola vierstellige Kurs-Gewinn-Verhältnisse zeigen, ist das nicht mehr zu rechtfertigen“, sagt Mlinaric. Oder nur noch rechnerisch, denn natürlich ist der kleinste Gewinn besser als ein Zins von null oder gar ein Negativzins. „Insofern würde eine dumme künstliche Intelligenz diese Wetten noch eingehen, eine risikobewusste eher nicht mehr“, so Mlinaric weiter.

Für die hohen Bewertungen gebe es nur zwei Möglichkeiten. Entweder würden sich die Gewinne an die Bewertungen anpassen, sprich steigen, oder die Preise passen sich an die Gewinne an. Bei Tesla scheint die erste Möglichkeit keine realistische Option zu sein. „Tesla erzielt magerste Margen und muss stark kämpfen, um überhaupt Gewinne auszuweisen.“

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Insofern läuft es offenbar auf Option zwei hinaus, wonach die Preise sich an die Gewinne anpassen – was „einen deutlichen Rückgang der Kurse“ bedeuten würde, so Mlinaric. So sei es auch keine Überraschung, wenn aus manchen dieser Kursballons bereits die Luft entweicht sei. Tesla und Nikola haben schnell und viel verloren. „Auch wenn sich Tesla wieder ganz gut erholt hat, zeigen diese Bewegungen doch den Pfad zum nächsten großen Crash auf“, sagt Mlinaric.

Dieses Szenario könnte sich laut dem Experten beschleunigen, wenn rund um die Wahl in Amerika die wahltypische höhere Volatilität einsetze. „Der US-Markt zeigt sich dann gern sprunghaft und unstet“, sagt Mlinaric.

Stabilitätsanker im Portfolio

Christian Steiner, Portfoliomanager bei der Bayerische Vermögen Management AG, mahnt dagegen, die jüngsten Ereignisse nicht überzubewerten und darin kein Crash-Signal zu sehen. Dennoch dürfte ihm zufolge jetzt eine „Phase der Normalisierung“ bevorstehen. „Die jüngsten Daten aus dem verarbeitenden Gewerbe zeigen, dass auch klassische Industrieunternehmen nach der Krise wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren.“

Hinzu komme, dass die ambitioniert bewerteten Tech-Titel vor der Präsidentschaftswahl riskanter erscheinen als zu Beginn einer Amtsperiode. Zwar sei die gute Perspektive der großen Tech-Titel unbestritten, doch sollten Investoren marktbreiter agieren. Starke Marken etablierter Unternehmen, wie etwa Nestlé, Coca-Cola oder auch Unilever dürften sich während einer Phase volatiler Marktbewegungen als Stabilitätsanker im Portfolio erweisen, so seine Einschätzung.

Bevor die jeweiligen Szenarien pro Trump und pro Biden eintreten können, muss zunächst einmal der Wahltag selbst Klarheit bringen. Die Frage lautet: Gibt es nach dem 3. November zeitnah eine klare Entscheidung für einen der beiden Kandidaten oder kommt es zu einer Hängepartie, bei der am Ende der Oberste Gerichtshof einen Sieger küren muss. Letzteres wäre für die Börse die schlechtere Alternative.

Quelle: FAZ.NET
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