Radio

Die Mittelwelle verstummt für immer

Von Thiemo Heeg
31.12.2015
, 15:42
Als man noch Ostsender empfangen hat: Altes Radio Modell: „Carmen“ von Nordmende.
In der Silvesternacht schaltet der Deutschlandfunk seine Mittelwellensender ab. Damit endet eine Ära und das Digitalradio scheint unterdessen kaum mehr aufzuhalten zu sein.

Manchem Deutschen ist an diesem Silvesterabend nicht so recht nach Anstoßen zumute. Stattdessen sitzt man vor dem Radiogerät, hat zum Beispiel die Frequenz 756 Kilohertz eingeschaltet, und lauscht verzückt dem Rauschen, Pfeifen, Krächzen, Knattern, Knarzen und Jaulen der Mittelwelle. Ein letztes, ein allerletztes Mal.

Thomas Blinn ist so jemand. Der 39-Jährige bezeichnet sich selbst als begeisterten Mittelwellenhörer: „Es hat so was von Dampfradio“, schwärmte er jüngst im Deutschlandfunk, seinem Lieblingssender. Wenn Blinn in seiner Allgäuer Heimat unterwegs ist, etwa zwischen Kempten und Leutkirch, ist jenseits der größeren Orte mit dem modernen Rundfunkempfang schnell Schluss. Dann hilft im Autoradio nur noch die Mittelwelle.

Mittelwelle? Viele können mit dieser Übertragungstechnik nichts mehr anfangen. Mit ihr begann vor mehr als 90 Jahren die Radio-Ära in Deutschland. Der Startschuss fiel am 29. Oktober 1923, als ein Sprecher folgenden Satz in den Äther schickte: „Hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400.“ Man beginne nun mit dem „deutschen Unterhaltungsrundfunk“. Die Nationalsozialisten wussten ein Jahrzehnt später das neue Medium als wichtiges Propagandainstrument für sich zu nutzen - mit Hilfe billiger sogenannter Volksempfänger, die über Mittel- und Langwelle verfügten.

Nach dem Krieg verlor die Technologie der Amplitudenmodulation (AM) - bei der Sprache und Musik über speziell manipulierte elektromagnetische Schwingungen transportiert werden - mehr und mehr an Bedeutung, zugunsten der moderneren Ultrakurzwelle (UKW). Schon Anfang der fünfziger Jahre standen in Deutschland gut 100 UKW-Stationen, die im Gegensatz zur Mittelwelle mittels Frequenzmodulation (FM) einen glockenreinen Klang in die Empfänger zauberten. Andererseits waren noch bis in die siebziger Jahre hierzulande kleine bunte Taschenradios etwa von Grundig im Angebot, die nur Mittelwelle empfangen konnten.

am 31. Dezember um 23.55 werden die sechs Mittelwellensender abgeschaltet

Auf ihnen und allen anderen übriggebliebenen MW-Radios kehrt bald Stille ein. Keine komplette Stille, vielmehr das gleichmäßige Grundrauschen, das kaum ein Sendesignal mehr stört. Am 31. Dezember um 23.55 Uhr schaltet der Deutschlandfunk nämlich seine verbliebenen sechs Mittelwellensender hierzulande ab. Ein Jahr zuvor war für die Langwelle Schluss gewesen. Die anderen öffentlich-rechtlichen Sender haben den Abschied schon hinter sich: Ob Bayerischer Rundfunk, ob Hessischer Rundfunk, ob Radio Bremen: Alle ARD-Anstalten haben ihre Mittelwellensender in Rente geschickt.

Die Erklärung ist ebenso nachvollziehbar wie für Nostalgiker unverschämt: „Die Übertragung von Radioprogrammen über Mittelwelle ist technisch längst überholt und aufgrund der hohen Strom- und Wartungskosten für die Sender- und Antennenanlagen auch verhältnismäßig teuer“, heißt es seitens des BR in München. Ja, es geht natürlich ums Geld. Die Rundfunkanstalten folgen einer Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Öffentlich-Rechtlichen. Die KEF, die den Bundesländern die Festsetzung des Rundfunkbeitrags vorschlägt, hat zwar die finanziellen Mittel für die neue Übertragungsart Digitalradio genehmigt, dafür aber das Ende von Mittel- und Langwelle gefordert.

Die Ersparnisse seien enorm, ist zu hören. Der Bayerische Rundfunk etwa geht davon aus, rund 300.000 Euro weniger für Strom zahlen zu müssen. Im Hause DLF rechnet der für die Sendetechnik zuständige Chris Weck vor: „Für Langwelle und Mittelwelle hatten wir im Jahr so rund zwölf Millionen Euro bezahlt, wobei ein Großteil für Stromkosten verbraucht wird.“ Und die KEF bezifferte in einem früheren Strategiepapier die Kostenminderung auf 79 Millionen Euro, bezogen auf eine jeweils vier Jahre laufende Beitragsperiode. Dort heißt es auch: „Tatsächlich ist die Zahl der Hörerinnen und Hörer, die diese traditionellen Hörfunk-Verbreitungswege nutzen, nicht mehr messbar.“

Der DLF würde das so natürlich nicht formulieren. Vielmehr ist dort die Rede von „vielen Fans“, die der alten Rundfunktechnik nachtrauerten. In einigen Sendungen kamen sie zu Wort, sollten erzählen, wo sie den Sender über Mittelwelle gehört und somit von wichtigen Ereignissen erfahren hätten. Es war noch mal die Zeit, über den Kalten Krieg zu sprechen, als die Mittelwelle mit ihrer langen Reichweite auch in die hintersten Winkel der DDR senden konnte - selbst in das „Tal der Ahnungslosen“ im heutigen Sachsen. Aber Geschichte schützt nicht vor Ökonomie und noch weniger vor der Zukunft.

Das Digitalradio scheint kaum mehr aufzuhalten zu sein

Die sieht digital aus. Deutschlandradio-Intendant Willi Steul - Jahrgang 1951 und noch mit Mittel- und Langwelle aufgewachsen - gehört zu den aktivsten Vorkämpfern für die Moderne: „DAB hat den großen Vorteil, dass es ein viel störungsfreierer Empfang ist, dass er leichter zu händeln ist, eine CD-ähnliche Klangqualität, und man kann mit dieser Technologie Zusatzinformationen übermitteln.“ Die Abkürzung DAB steht für „Digital Audio Broadcasting“. Diese Technologie ist inzwischen in der Version DAB+ auf dem Markt und dürfte über kurz oder lang sogar die beliebte Ultrakurzwelle ablösen. Denn auch UKW wird seit langem hinterfragt. Ursprünglich sollten alle Sender ihren Betrieb bis 2010 auf digital umgestellt haben. Erst nach massiven Widerständen hatte der Gesetzgeber einen festen Termin gestrichen.

Das Digitalradio scheint unterdessen kaum mehr aufzuhalten zu sein. Im September 2014 wurde im Bereich der tragbaren Radios erstmals mehr Geld mit DAB-plus-Geräten umgesetzt als mit reinen UKW-Empfängern. Die Technik setze sich unter Hörern und Konsumenten immer mehr durch, glauben Fachleute. Das gilt zumindest für das eigene Zuhause: Dort sind Digitalradios schon für 30 Euro aufwärts zu haben. In Neuwagen gehört DAB dagegen noch nicht zum Standard - aber auch hier lässt sich der Empfänger für zweistellige Eurosummen nachrüsten.

Das digitale Radio ist in ganz Deutschland zu empfangen

In der Vergangenheit verhinderte unter anderem das Henne-Ei-Problem eine schnelle Verbreitung: Ohne Sender keine Radioempfänger und ohne Geräte keine Sender. Heute scheint die kritische Masse erreicht: Ein Blick auf die Abdeckungskarte zeugt davon, dass das digitale Radio praktisch in ganz Deutschland sowohl zu Hause wie auch unterwegs gut zu empfangen ist. Größere Lücken gibt es nur noch in Mecklenburg-Vorpommern. Aber auch die sollen bald geschlossen sein.

Für die Mittelwellenfreunde ist all das kein Grund zur Freude. Für sie gehört das Pfeifen zwischen 530 und 1600 Kilohertz zu den Geräuschen aus dem 20. Jahrhundert, die vor dem Aussterben stehen, ähnlich wie das Rattern der Telefon-Wählscheibe oder das Einspannen von Papier in eine Schreibmaschine. „Es ist keine Übertreibung, zu konstatieren, dass damit ein Stück deutscher Radiogeschichte endet“, heißt es auf der Internetseite des Deutschlandfunks.

Und so hängen sie am Silvesterabend am Empfänger, „treu bis zum Schluss“, wie der DLF formuliert. Vielleicht hat MW-Fan Thomas Blinn ja auch noch etwas länger Spaß an der Sache. Die Abschaltung der Langwelle im vergangenen Jahr war mit einigen Komplikationen verbunden. Eine Anlagensteuerung setzte etwa den Sender Donebach um 5.00 Uhr am Neujahrsmorgen ungeplant nochmals in Betrieb. Um 7.02 Uhr war dann aber endgültig Feierabend.

Quelle: F.A.Z.
Thiemo Heeg - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thiemo Heeg
Redakteur in der Wirtschaft.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot