Gefahr durch Bakterien

Warum wir uns auch mit Antibiotika befassen sollten

Von Julia Löhr, Berlin
27.11.2020
, 11:08
Die Welternährungsorganisation befürchtet eine noch tödlichere Pandemie, weil immer mehr Bakterien gegen Antibiotika resistent sind. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Landwirtschaft.

Seit neun Monaten dominiert das Coronavirus die politische Debatte, vor allem in Europa, wo sich die Länder von Lockdown zu Lockdown hangeln. Die bei den Vereinten Nationen angesiedelte Welternährungsorganisation (FAO) warnt jetzt, dass dieser Fokus zu einseitig sei. Ihrer Einschätzung nach könnte die Antibiotikaresistenz von Bakterien für die Menschheit „potentiell noch gefährlicher sein als Covid-19“, schreibt die Organisation in einer Stellungnahme zu dem Thema.

Die drastisch steigenden Fälle, in denen kein Antibiotikum mehr gegen Erreger hilft, gefährdeten die globale Gesundheit, die Lebensmittelversorgung und die wirtschaftliche Entwicklung. Schon heute würden mindestens 700.000 Menschen im Jahr auf der Welt an den Folgen antibiotikaresistenter Infektionen sterben. „Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, könnte die nächste Pandemie eine bakterielle sein – und viel tödlicher“, sagte FAO-Generaldirektorin Maria Helena Semedo.

Ähnlich wie bei Corona gelten die durch Antibiotikaresistenzen verursachten Todesfälle als vermeidbar. Einer der Vorwürfe lautet, dass Ärzte die Mittel zu oft und unnötigerweise verschreiben. Die amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention schätzen, dass mindestens jedes dritte Antibiotikarezept, allein in den Vereinigten Staaten etwa 47 Millionen im Jahr, überflüssig ist.

Aber auch die Landwirtschaft trägt ihren Teil dazu bei, dass Bakterien resistent werden. „In vielen Weltregionen werden mehr Antibiotika bei Tieren als bei Menschen eingesetzt“, kritisiert die Welternährungsorganisation. Vor allem in der Massentierhaltung der Schweine- und Geflügelzucht werden Antibiotika gegen die Ausbreitung von Krankheiten eingesetzt.

Intensiver Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast

Seit 2014 gibt es in Deutschland ein Konzept zur Minimierung des Antibiotikaeinsatzes in der Landwirtschaft. Voriges Jahr zog das Landwirtschaftsministerium eine gemischte Zwischenbilanz. Demnach ist der Gesamtverbrauch an Antibiotika zwar von 2014 bis 2017 um mehr als 30 Prozent gesunken. Allerdings blieb er bei Masthühnern und Mastputen nahezu unverändert.

Noch bedenklicher ist, dass in dieser Gruppe etwa die Hälfte der eingesetzten Antibiotika sogenannte Reserveantibiotika waren, die eigentlich nur in äußersten Notfällen eingesetzt werden sollen, dann, wenn sonst nichts anderes wirkt. Kommen diese Mittel in der Tierhaltung breit zum Einsatz, steigt die Gefahr, dass Bakterien auch dagegen Resistenzen entwickeln und die Mittel nicht mehr wirken, wenn Ärzte sie etwa Menschen mit einer schweren Blutvergiftung geben.

„Es muss ein Ende haben, dass in der Geflügelmast so intensiv Antibiotika und gerade Reserveantibiotika verabreicht werden“, sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) der F.A.Z. Die EU-Kommission will bis zum Jahr 2022 eine Liste von Reserveantibiotika erstellen, die der Humanmedizin vorbehalten bleiben müssen. Man befinde sich in diesem Prozess „auf der Zielgeraden“, sagte Klöckner. Zudem sollten bessere Haltungsbedingungen in den Ställen dafür sorgen, dass weniger Antibiotika gebraucht würden.

Die Bauern sehen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Man darf in dieser Diskussion nicht vergessen, dass die deutschen Landwirte den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung seit 2012 um mehr als die Hälfte reduziert haben“, gibt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Bauernverbands, zu bedenken. Auch der Einsatz der Reserveantibiotika sei zurückgegangen. „Einige ältere Wirkstoffe sind deshalb in der Tiermedizin eingesetzt worden, weil sie in der Humanmedizin nicht mehr angewandt worden sind.“

Mehr als 20 Pharmakonzerne haben kürzlich einen Fonds über eine Milliarde Dollar gegen die Resistenzen aufgelegt. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts sollen zwei bis vier neuartige Antibiotika damit entwickelt werden. Beteiligt sind unter anderem Pfizer, Roche und Novartis, aber auch die deutschen Unternehmen Bayer, Boehringer Ingelheim und Merck.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Löhr, Julia
Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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