„Anwendungsbeobachtung“

Problemzone Praxis

EIN KOMMENTAR Von Andreas Mihm
01.10.2009
, 07:22
Die Wirkung neuer Medikamente muss auch nach der Markteinführung im Alltag genau von Fachleuten beobachtet werden. Problematisch wird es aber, wenn Ärzte von Pharmaunternehmen für ihre Beobachtung bezahlt werden. Allzu leicht verwischt die Grenze zwischen Wissenschaft und Absatzförderung.
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Bevor ein neues Medikament auf den Markt kommt, wird es ausgiebig auf Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit untersucht. Doch mancher Mangel, manche Nebenwirkung stellen sich erst im Alltagstest heraus. Deshalb ist es wichtig, vor allem bei neuen Präparaten zu beobachten, wie Patienten auf sie reagieren. Fachleute nennen das eine Anwendungsbeobachtung. Beobachter sind Ärzte, die ihren Patienten die oft teuren, weil neuen und patentgeschützten Arzneien zu Lasten der Krankenkasse verordnen.

Das wird da problematisch, wo Ärzte von Pharmaunternehmen für ihre Patientenbeobachtung bezahlt werden. Allzu leicht verwischt die Grenze zwischen einer wissenschaftlichen Beobachtung und einer Absatzförderung für teure Medikamente gegen Extrahonorar. Prämien von einigen hundert oder gar tausend Euro je Patient machen schlagartig klar, dass es nicht allein um eine Kostenerstattung für die Dokumentation gehen kann.

Leider handelt es sich nicht um wenige Ausnahmen, sondern um ein Massenphänomen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hält jede zweite Anwendungsbeobachtung für überflüssig. Wo die ethischen Dämme brechen, muss der Gesetzgeber handeln.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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