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Hohe Vermögen

Reiche besitzen mehr als gedacht

Von Philipp Krohn
Aktualisiert am 15.07.2020
 - 17:51
Reiche Gegend: Frauen sitzen am Ufer des Starnberger Sees.
Bislang ließ sich nicht messen, wie viel Vermögen Reiche in Deutschland haben. Darunter litt auch die Verteilungsforschung. Nun ist es DIW-Forschern gelungen, durch eine neue Stichprobe mehr Erkenntnisse zu gewinnen.

Die ökonomische Verteilungsforschung in Deutschland hat immer darunter gelitten, dass man zwar die Verhältnisse ärmerer und reicherer Menschen sehr unterschiedlich bewerten kann. Ärmere sind häufig auf Sozialtransfers angewiesen, es gibt Statistiken zuhauf. Reichere dagegen tauchen selten in amtlichen Statistiken auf und haben auch wenig Drang, ihre Vermögensverhältnisse in Befragungen offenzulegen. In dieses Vakuum stoßen Banken und Vermögensverwalter mit ihren Reichtumsberichten.

In der Wissenschaft hat nun das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung einen wichtigen Schritt genommen. Kurz gesagt haben sie durch eine Zusatzstichprobe Menschen mit hohen Vermögen überrepräsentiert, damit sie in der regulären Stichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) weniger stark unterrepräsentiert sind. An der regelmäßigen Befragung nehmen rund 14.000 Haushalte teil.

Ein 21 mal höheres Nettovermögen als der Durchschnitt

Das Ergebnis dürfte die politische Debatte über die Vermögensverteilung in Deutschland beeinflussen. Nach der herkömmlichen Stichprobe hält das reichste Prozent der Deutschen 22 Prozent des Vermögens. Gemäß der neuen Stichprobe ist der Anteil sogar noch deutlich höher. Demnach beträgt der Anteil 35 Prozent. In dieser Gruppe der Millionäre ist der Anteil von Männern überdurchschnittlich, sie sind älter, besser gebildet und zufriedener als der Bevölkerungsdurchschnitt. Die oberen 10 Prozent besitzen nach den neuen Erkenntnissen gut zwei Drittel des Nettovermögens, bislang war man aufgrund der Hochrechnungen nur von 59 Prozent ausgegangen. Drei Viertel der Millionäre sind laut DIW selbständig oder unternehmerisch tätig, 40 Prozent ihres Vermögens sind Firmenanteile.

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„Dank der neuen Daten können wir Millionärinnen und Millionäre erstmals genauer unter die Lupe nehmen und sowohl ihr Vermögen als auch Merkmale wie Alter, Bildung und Berufstätigkeit wirklich verlässlich beschreiben“, berichtete DIW-Mitarbeiter und Studienmitautor Carsten Schröder. Die Zufallsstichprobe der Millionäre basiert auf einer Datenbank, die Menschen mit einem signifikanten Anteil an Unternehmen beinhaltet. Die Menschen in dieser Stichprobe hatten ein ums 21-Fache höheres Vermögen als der deutsche Bevölkerungsdurchschnitt. Die Gruppe des reichsten Prozents der Vermögensverteilung beginnt bei einem Nettovermögen von 1,3 Millionen Euro. In den bisherigen Analysen war dieses Vermögen bei einer Million Euro angesetzt worden.

Anerkennung erhalten die DIW-Forscher von Ökonomen anderer Leibniz-Institute. „Das DIW-Projekt ist grundsätzlich sehr zu begrüßen und es ist toll, was das SOEP-Team macht, um die Datenlage zu verbessern. Die Datenlage im Bereich Vermögen ist einfach schlecht und hier (aber auch bei anderen Daten) muss sich was tun in Deutschland“, sagte Andreas Peichl vom Münchener Ifo-Institut der F.A.Z. Statistikbehörden und Ministerien müssten hier mehr leisten.

Autoren sind gegen ein Comeback der Vermögensteuer

Peichl gab zu bedenken, dass die Verwendung von Reichenlisten zu Verzerrungen führen können, weil die Werte häufig sehr hoch angesetzt würden. Überdies dürfe man die Ergebnisse nicht überbewerten. „Selbständige in Deutschland müssen privat vorsorgen, deswegen wird deren Altersvorsorge als ,Privatvermögen‘ in den Daten berücksichtigt“, sagte Peichl. Dagegen könnten Sozialversicherungspflichtig-Beschäftige auf die gesetzliche Rente vertrauen, die nicht in den Daten berücksichtigt werde. Beziehe man sie ein, verändere sich das Ungleichheitsmaß Gini-Koeffizient (1 bedeutet vollständige Ungleichheit): „Wenn man das berücksichtigt, reduziert sich der bisherige Gini von 0,73 auf 0,53“, sagte er.

Überraschen mögen die Politikempfehlungen der DIW-Forscher. „Staatliche Anreize zur Vermögensbildung sollten gegenüber einer stärkeren Umverteilung von oben nach unten bevorzugt werden“, sagte Ko-Autor Markus Grabka. Auch dafür erhält er volle Zustimmung seines Ifo-Kollegen Peichl. Zum Beispiel durch eine Reform der staatlichen Alterssicherung lasse sich etwas machen. So könnten individualisierte Vermögenskonten eingeführt werden, in die der Staat für Menschen mit geringen finanziellen Möglichkeiten einzahlen könnte.

Die Autoren sprachen sich allerdings gegen ein Comeback der Vermögensteuer aus, da ein Großteil der Vermögen in Unternehmen liege. „Mehr als die Hälfte der individuellen Vermögen von MillionärInnen werden produktiv genutzt und kommen so auch anderen Menschen und der Volkswirtschaft insgesamt zu Gute“, sagte SOEP-Forscher Johannes König.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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