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Feiertag 31. Oktober

Können wir uns das leisten?

Von Nina Bub
 - 10:48

Der Mai ist ein ganz besonderer Wonnemonat, ein Feiertag reiht sich an den nächsten. Mindestens drei, in manchen Bundesländern sind es mit Fronleichnam sogar vier. Doch damit nicht genug. Jetzt soll im Norden noch ein weiterer her: der Reformationstag am 31. Oktober. Hamburg und Schleswig-Holstein haben diesen Tag bereits als zusätzlichen Feiertag von diesem Kalenderjahr an beschlossen, in Niedersachsen und Bremen ist die Diskussion noch im Gange. Neben unverhohlener Freude über einen zusätzlichen bezahlten freien Tag stellt sich dabei allerdings unweigerlich die Frage: Können wir uns das leisten?

Die Diskussion haben wir Martin Luther zu verdanken, der vor etwas mehr als 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, seine 95 Thesen an die Kirchentüren von Wittenberg schlug und darin auf die Missstände der Kirche hinwies. Der Reformationstag wird in einigen vorwiegend protestantischen Bundesländern feierlich begangen. Im vergangenen Jahr, zum Jubiläum, wurde er sogar bundesweit mit diversen Festakten groß gefeiert. So schön war dieser zusätzliche freie Tag, dass nun einige Bundesländer gar nicht mehr von ihm lassen wollen.

Wenn es doch so einfach wäre. Die Meinungen von Ökonomen, Arbeitgebervertretern, Politikern und Kirchen gehen in der Frage stark auseinander. Ausgerechnet Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der in seinem Bundesland den Reformationstag schon seit langem zelebriert, spricht sich gegen den zusätzlichen Feiertag in Norddeutschland aus und warnt vor erhöhten Lohnkosten. Dem schließen sich die Arbeitgeberverbände an, die Unternehmen fürchten um ihre Gewinne. Demgegenüber stehen viele Kirchen, die an den wichtigen Aspekt der Besinnung appellieren – und das Ifo-Institut, das die Auswirkung in gewohnt nüchterner Form einmal durchgerechnet hat.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Zunächst einmal ein Blick auf die Fakten: Gesetzliche Feiertage sind in Deutschland ziemlich ungleich verteilt. Vor allem die Bayern stechen heraus: Im Vergleich zu Berlin, Bremen und Niedersachsen haben sie drei bezahlte Feiertage mehr. Da ist es schon verständlich, dass Bremen und Niedersachsen nachziehen möchten. Das eher säkular geprägte Berlin geht indes eigene Wege: Der Berliner Bürgermeister Michael Müller brachte gleich drei Optionen ins Gespräch: Den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai oder – wie in den Vorwende-Zeiten schon einmal – den Jahrestag des Aufstandes in der DDR am 17. Juni.

Noch ein zusätzlicher Feiertag? Unverantwortlich!

Doch ehe die Wunschliste allzu lang wird, lohnt sich ein Blick auf die Zahlen: Wirtschaftlich gesehen, führen Feiertage tendenziell zu höheren Lohnkosten, die Gewinne sinken, und die Güterpreise steigen. Dieser Mechanismus lässt sich kaum leugnen, die Arbeitnehmer bekommen ihr Gehalt ja unabhängig von der Zahl der Feiertage im Monat. Es kommt aber auf das Ausmaß an, mit dem sich Feiertage volkswirtschaftlich auswirken. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall malt dazu erwartungsgemäß ein eher schwarzes Bild. Seinen Zahlen zufolge würden der Gesamtwirtschaft an einem arbeitsfreien Werktag 11,5 Milliarden Euro verlorengehen. Allein in der Metall- und Elektroindustrie belaufe sich der Schaden auf 1,75 Milliarden Euro, rechnen die Leute aus dem Verband vor. Noch ein zusätzlicher Feiertag? Unverantwortlich!

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April 2018
Wirtschaftsforscher erwarten mehr Wachstum

In der Ifo-Studie über die Kosten eines zusätzlichen Feiertags relativiert der Hamburger Wirtschaftsprofessor Dirk Meyer jedoch die errechneten Effekte eines arbeitsfreien Werktages in Deutschland. Die Gesamtmetall-Zahlen beziehen sich auf einen fehlenden Arbeitstag in ganz Deutschland, argumentiert er. In der aktuellen Debatte handele es sich allerdings nur um vier Bundesländer, die den zusätzlichen Feiertag gerne hätten. Dementsprechend reduziert sich die wirtschaftliche Belastung schon einmal auf diese vier Bundesländer.

Viel wichtiger aber: Meyer schlägt gar nicht den üblichen Verlust in der Wertschöpfung an, da einiges durch eine fleißige Vor- oder Nacharbeit kompensiert werde. Das zeige ein Blick in die Statistik: Rein rechnerisch müsste das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland durch einen zusätzlichen freien Arbeitstag um 0,4 Prozent sinken. Jedoch belegen Daten aus einem Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren nur einen Rückgang um gut ein Viertel davon. Der tatsächliche Rückgang des BIP durch einen zusätzlichen Feiertag, sagt Meyer, belaufe sich auf 0,12 Prozent im Jahr.

Zudem könnten die Unternehmen je nach Konjunkturlage die Kostenaufschläge auch auf die Konsumenten überwälzen, dann wird die Last des Feiertags gemeinschaftlich geschultert. Wenn das betroffene Produkt begehrt genug ist, werden die Verbraucher auch den höheren Preis zahlen, der durch die zusätzlichen Lohnkosten entstanden ist. Dem einzelnen Unternehmen entstünde so gar kein Schaden. Der aktuelle Wirtschaftsboom stützt diese These. Vor allem im Handwerk können die Anbieter aufgrund des geringen Angebots und der hohen Nachfrage ihre Preise fast beliebig anpassen.

Allerdings: Die Belastungen durch einen zusätzlichen Feiertag variieren je nach Wirtschaftssektor sehr stark. Die Produktion leidet besonders stark im verarbeitenden Gewerbe, wohingegen im Bereich der Infrastruktur und im Dienstleistungsgewerbe durch anfallende Notdienste und Versorgungsleistungen auch an Feiertagen viel gearbeitet wird. Außerdem weist Wirtschaftsforscher Meyer darauf hin, dass die Freizeitindustrie von zusätzlichen Feiertagen profitieren würde. Und Selbständigen sind Feiertage sowieso egal, wenn sie einen Termin mit einem Kunden einhalten müssen.

„Unsere Zeitstruktur zerfasert“

Dass Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen trotz vieler Feiertage diejenigen Bundesländer mit dem höchsten BIP je Einwohner sind, liegt laut Konjunkturexperten vorwiegend an der Wirtschaftsstruktur. In Bayern gibt es beispielsweise in der Industrie viele große Unternehmen, das treibt die Produktivität nach oben. Solche Vorteile lassen sich der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge jedoch auch durch Mehrarbeit nicht komplett ausgleichen. Wenn das stimmt, dann ist das geringere BIP je Einwohner im Norden kein Totschlagargument gegen einen weiteren Feiertag dort.

Auch gesundheitlich lässt sich einiges zugunsten eines weiteren Feiertages anführen: Pausen oder auch mehr Freizeit wirken sich positiv auf die Produktivität der Arbeitnehmer aus, predigen Gesundheitspsychologen immer wieder. Davon ist auch Ifo-Wissenschaftler Meyer überzeugt. „Unsere Zeitstruktur zerfasert“, sagt er. Immer häufiger wechselten die Arbeitszeiten. Sind in einer Partnerschaft beide berufstätig, könnten sie dadurch nur noch selten gemeinsam ihre Freizeit verbringen. Dem könnten gesetzliche Feiertage entgegensteuern. Je einheitlicher sie sind, desto besser. Das spricht für einen neuen Feiertag in ganz Norddeutschland. Dann können Familien in Schleswig-Holstein und Hamburg gemeinsam einen freien Tag verbringen.

Der Ökonom Meyer ist der Ansicht, dass die Vorfreude auf einen Feiertag die Arbeitnehmer in den Tagen und Wochen zuvor anspornt. Das erhöhe die Produktivität in diesem Zeitraum. Zudem würden Mitarbeiter, die von zu Hause aus arbeiten, unter Umständen auch an einem Feiertag einige Stunden am Schreibtisch sitzen und erst danach die zusätzliche freie Zeit genießen.

Übrigens könnten sogar Krisenländer wie Griechenland von einem zusätzlichen Feiertag in Deutschland profitieren. Schon lange fordern Ökonomen, dass Deutschland seine Ausgaben erhöht, um das Leistungsbilanzdefizit zu vermindern. Damit könnte die große Ungleichheit zwischen den EU-Ländern ein wenig ausgeglichen werden. Doch wenn der üppige Leistungsbilanzüberschuss in Deutschland schrumpfen soll, müssen Löhne erhöht werden – oder eben zusätzliche Feiertage eingeführt werden, argumentiert Dirk Meyer.

Fazit der Ifo-Studie: Der Reformationstag als zusätzlicher Feiertag würde zwar Kosten verursachen. Allerdings wären diese erheblich geringer als erwartet. Wettbewerbsfähige Unternehmen würden dadurch kaum in Bedrängnis gebracht. Nach dieser Rechnung gilt: Einen Feiertag mehr können wir uns leisten.

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Quelle: F.A.S.
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