Studie zu Geld und Sozialneid

Nur jeder vierte Deutsche will reich sein

Von Christoph Schäfer
14.06.2021
, 06:18
Strebt die ganze Welt nach Reichtum? Repräsentative Umfragen in sieben Staaten belegen, dass dies nicht so ist. Sie zeigen auch: Männer jagen häufiger dem großen Geld hinterher als Frauen.

Aus Goethes „Faust“ wissen wir: „Nach Golde drängt / Am Golde hängt / Doch alles!“ Repräsentative Umfragen in sieben Staaten belegen nun allerdings, dass dem nicht so ist. In Auftrag gegeben hat sie der Reichtumsforscher Rainer Zitelmann. Sie sind Bestandteil seiner Studie über die „Einstellung zu Reichen“, die in der Juni-Ausgabe der britischen Fachzeitschrift Economic Affairs erscheint. An den Umfragen nahmen in allen Staaten jeweils mindestens 1000 Personen teil. In Deutschland befragte das Institut Allensbach, in den anderen Ländern das Unternehmen Ipsos Mori. Für die F.A.Z. hat Zitelmann die Studie um zusätzliche Daten erweitert.

Demnach geben in Deutschland 26 Prozent der Männer an, dass es ihnen persönlich wichtig oder sogar sehr wichtig ist, reich zu sein. Als Reichtum wird in der Studie definiert, wenn jemand zusätzlich zu seinem Haus noch mehr als eine Million Euro besitzt. Unter Frauen ist der Anteil der Materialisten deutlich geringer; von ihnen ist nicht mal jeder Fünften (18 Prozent) wichtig oder sehr wichtig, reich zu sein.

Dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern zeigt sich in allen untersuchten Staaten. Auch in Italien, den USA, Schweden, Spanien, Frankreich und Großbritannien streben mehr Männer nach dem großen Geld als Frauen. „Man kann lange darüber diskutieren, warum das so ist, aber es ist eine Tatsache, dass Frauen seltener reich werden wollen als Männer“, sagt der promovierte Soziologe und Historiker. „Das sieht man auch an den Zugriffszahlen großer Finanzportale – die werden auch seltener von Frauen gelesen.“

Einen deutlichen Unterschied gibt es allerdings nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Altersgruppen. Den Befragten unter 30 Jahren ist es viel wichtiger, reich zu werden, als denjenigen über 60 Jahren. In Deutschland will mit 32 Prozent etwa jeder Dritte in der Gruppe der Jüngeren reich werden, unter den Älteren ist es nicht mal jeder Siebte (14 Prozent). Auch dieses Muster ist in allen Staaten gleich, nur in Spanien ist das Bedürfnis bei den Älteren minimal höher.

Nur 3 Prozent aller Deutschen halten Reiche für ehrlich

Studienautor Zitelmann findet es logisch, dass mehr Jüngere als Ältere nach Geld streben: „Grundschulkinder wollen noch Pilot werden oder Astronaut, die haben noch Träume.“ Mit fortschreitendem Alter würden diese Ziele dann aber meist heruntergesetzt. „Und wer es mit 60 Jahren noch nicht geschafft hat, reich zu werden, der hat weniger Hoffnung, dass es in den verbleibenden 20 Jahren noch klappt.“

Generell, zeigt die Studie, schreiben viele Befragte reichen Menschen schlechte Eigenschaften zu. So glauben nur 3 Prozent aller Deutschen, dass Reiche „ehrlich“ sind. In Schweden sind es 6 Prozent, in Spanien und Italien sogar nur einer von hundert. Demgegenüber halten 49 Prozent der Deutschen reiche Menschen für „gierig“. In Italien sind es 33 Prozent, in Schweden 32 Prozent.

Allerdings fallen die Antworten darauf, welche Eigenschaften Reiche haben, viel positiver aus, wenn der Antwortende einen reichen Menschen persönlich kennt. Dann halten zum Beispiel nicht mehr 3, sondern 42 Prozent der Deutschen einen Vermögenden für „ehrlich“. Die Umfrageergebnisse bestätigen eine wesentliche Erkenntnis aus der Vorurteilsforschung: Menschen, die Angehörige von Minderheiten (seien es Reiche, Schwarze, Homosexuelle oder Muslime) persönlich kennen, beurteilen sie oft viel positiver als jene, die Minderheiten nur aus den Medien kennen.

Im Durchschnitt jedoch ist Sozialneid in Deutschland deutlich festzustellen. 51 Prozent plädieren dafür, dass „Reiche nicht nur hohe, sondern sehr hohe Steuern bezahlen“ sollen. Für „nicht übermäßig hohe Steuern“ sprechen sich nur 32 Prozent aus. Jeder dritte Deutsche stimmt sogar Aussagen zu wie jener, dass die Steuern für Millionäre selbst dann stark erhöht werden sollten, wenn er persönlich keinen Vorteil davon hätte. In Frankreich ist die Zahl jener, die in der Studie zur Gruppe der „Neider“ gezählt werden, noch einen Prozentpunkt höher, in den USA (20 Prozent) und Großbritannien (18 Prozent) hingegen deutlich niedriger. Sind die Deutschen also ein Volk der Neider? „Das Glas kann man hier halb voll oder halb leer sehen“, antwortet Zitelmann. „Unter den sieben befragten Nationen war der Neid aber nur in Frankreich noch höher.“

„Ach wir Armen“

Für das schlechte Image der Reichen sind vor allem zwei Gründe verantwortlich. Ein ganz wesentlicher ist der Glaube an die sogenannte Nullsummentheorie. In dieser Vorstellung kämpfen Schichten gegeneinander um ein vorhandenes Vermögen: Wenn ein Reicher einen Euro mehr bekommt, wird er einem Armen gleichzeitig aus der Tasche gezogen. Das Gegenteil davon ist die Annahme, dass eine Gesellschaft insgesamt nach vorne kommen kann – die einzelnen Bürger nur eben unterschiedlich schnell.

In der Wirtschaftswissenschaft wird meist China als ein Beispiel dafür angeführt, dass der Kuchen auch insgesamt größer werden kann. In der Bevölkerung aber ist der Glaube an ein Nullsummenspiel weit verbreitet. Der Aussage „Je mehr die Reichen haben, desto weniger bleibt für die Armen übrig“ stimmen 51 Prozent der Italiener und der Spanier, 49 Prozent der Franzosen und 48 Prozent der Deutschen zu. In Großbritannien (36 Prozent) und den USA (34 Prozent) sind die Werte deutlich geringer.

Übrigens geht die bekannte Zeile „Nach Golde drängt / Am Golde hängt / Doch alles!“ noch weiter. Das Ende wird nur oft unterschlagen. Der Dichterfürst schloss mit: „Ach wir Armen!“

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Schäfer
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.
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