„Tax the rich“

Das Kostüm zur Steuerpolitik

Von Winand von Petersdorff
14.09.2021
, 18:24
Alexandria Ocasio-Cortez im (weißen) Kleid des Anstoßes
Alexandria Ocasio-Cortez provoziert das Publikum der exklusiven New Yorker Met-Gala – mit einem Kleid, das insbesondere in Gesellschaft von Millionären besondere Wirkung entfaltet.

Offiziell ist die New Yorker Met Gala ein jährlicher Ball mit dem Hauptzweck, Geld für das Metropolitan Museum of Art’s Costume Institute zu sammeln. In der Realität ist es eine der exklusivsten sozialen Veranstaltungen der Welt mit einer Dichte an Reichen und Schönen, die höchstens von der Oskar-Preisverleihung erreicht wird.

Prominente Frauen und auch ein paar Männer werfen sich für diese Veranstaltung aufwendig in Schale. Diese fällt gelegentlich extravagant aus mit der durchsichtigen Absicht, das Schlaglicht auf die eigene Prominenz, die eigene Botschaft und den Modeschöpfer dahinter zu lenken. Die links-progressive Starpolitikerin Alexandria Ocasio-Cortez AOC hat ihre Einladung für einen besonders effektvollen Auftritt genutzt: Sie trug ein Kleid mit der gut lesbaren Aufschrift „Tax the Rich“ (Besteuert die Reichen). Die Wirkung der auch ästhetisch gelungenen Provokation zeigte sich in gewohnt erbarmungslosen Kommentaren, aber auch in durchaus nüchternen Feststellungen.

AOC kommentierte ihren Auftritt gewohnt eloquent mit der Aussage: Das Medium ist die Botschaft. Um ihre eigene Basis in der Bronx zu beschwichtigen, die eher kein Herz für luxuriöse Galas zeigt, ergänzte sie, dass ihre Modeschöpfern Aurora James eine schwarze Einwanderin sei, die sich von Flohmärkten nach oben gearbeitet habe und sich auf nachhaltige Mode fokussiert. Die Darstellung verliert leicht an Strahlkraft, wenn man bedenkt, dass ihre Modeschöpferin nicht etwa aus Eritrea oder Burkina Faso kommt, sondern aus der kanadischen Metropole Toronto. Ihre Firma fokussiert sich nach Selbstdarstellung auf Luxus-Accessoires, die Kulturgeschichte und zeitloses Design zelebrieren.

Elite-Veranstaltung für Funktionsträger

AOC wies zudem darauf hin, dass Abgeordnete regelmäßig zu dieser Gala eingeladen werden wegen ihrer Aufsichtsfunktion über staatlich geförderte Einrichtungen. Den Eintrittspreis von 35.000 Dollar musste sie mithin nicht entrichten, es kommt aber eine Besteuerung des geldwerten Vorteils in Frage, wie eifrige Twitter-Nutzer anmerkten.

Das politische Statement rot auf weiß ist an und für sich nicht überraschend, gehört AOC schon lange zu vernehmbaren Stimmen, die eine Steuererhöhung für Millionäre und Firmen fordern, um Kindergärten, allgemeine Gesundheitsvorsorge und eine entschlossene Klimapolitik zu finanzieren. Ihre Forderung fällt allerdings in eine Zeit, in der moderate Demokraten versuchen, Steuererhöhungspläne im Kongress zu verwässern. Das Weiße Haus hatte ein Ausgabenpaket in Höhe von 3,5 Billionen Dollar auf zehn Jahre verteilt vorgeschlagen, für das noch Finanzierungsquellen gesucht werden.

Auf Twitter überschlagen sich die eher unbekannten Kritiker. Fox News konnte wenigstens einen Schauspieler namens Michael Rapaport ausfindig machen, der findet, dass sich die Teilnahme an dieser Elite-Veranstaltung für Funktionsträger, deren Aufgabe es sei, dem Volke zu dienen, schlicht nicht gehöre. Der bekannte konservative Kolumnist Jonah Goldberg findet, ihr Auftritt sei nicht mutig, sondern diene dazu, jene zu ärgern, mit denen sie feiere. Sie verbreite zudem mit ihrem Slogan reine Propaganda, schließlich würden die Reichen bereits besteuert.

Der Ökonom Jeremy Horpedal untermauert die Feststellung mit dem Hinweis, dass selbst die Ökonomen Thomas Piketty und Emanuel Saez in ihren Studien festhalten, das die oberen 1 Prozent zwischen 30 und 36 Prozent des Steueraufkommens in den Vereinigten Staaten beisteuern. Das Steuersystem sei zweifelsohne progressiv. Goldberg findet schließlich noch, dass ihre Kritik am Reichtum fadenscheinig sei, wenn sie gleichzeitig davon profitiere.

Ihre Verteidiger registrieren nicht ohne Schadenfreude, dass sich gerade weiße Trumpisten auf Twitter nicht mehr einkriegten. Die Met Gala wurde häufiger schon für provozierend Auftritte genutzt. Es ist ein Teil ihrer Funktion, ein Forum für gewagte Auftritte zu liefern: Prominente bekommen ersehnte Aufmerksamkeit, ihre Modeschöpfer die für den Aufstieg in der Gesellschaft nötige Presse.

In die Reihe der gezielten Skandälchen reiht sich ein Auftritt der Sängerin Madonna, die eine Kostüm trug, das einen ziemlich unverstellten Blick auf blanke Busen und Pobacken gestattete. Den Aufschrei konterte Madonna mit dem Hinweis, ihr Kleid sei ein politisches Statement, mit dem sie die Befreiung der Frauen unterstütze. Die Sängerin Rihanna wollte das Publikum 2020 mit einem Bischofsgewand inklusive Mitra beglücken. Einige Katholiken wähnten auf Twitter, es sei kein Wunder, dass damals der Ball wegen Covid abgeblasen wurde.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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