Schuhverkäufer Dominik Kossack

„Ich bin ein Krisenopfer“

Von Christoph Schäfer
Aktualisiert am 25.11.2020
 - 10:16
Auf Arbeitssuche: Verkäufer Dominik Kossack im Schuhgeschäft in Frankfurt
Die Corona-Krise hat Hunderttausende Arbeitsplätze vernichtet. Auch Schuhverkäufer Dominik Kossack wird jetzt arbeitslos. Ein Gespräch über die letzten Tage im alten Job, Abfindungen und eine Stellensuche in schwierigen Zeiten.

Herr Kossack, Sie arbeiten als Schuhverkäufer in Frankfurt, aber Ihre Filiale schließt Ende des Jahres. Warum eigentlich?

Das Geschäft ist nach dem Lockdown ab Mai einfach nicht angelaufen. In den Sommerferien hofften wir noch, dass es vielleicht an der Urlaubszeit liegt. Aber es kam auch danach nicht in Gang. Unsere Filiale liegt in der Nähe der Messehallen, aber die Messen sind ja geschlossen, da fehlen uns die ausländischen Besucher. Gerade Asiaten haben immer gut gekauft und Geld hier gelassen. Wir haben auch große Einbußen im Businessbereich, weil die Leute halt Home-Office machen, die brauchen gerade keine Business-Schuhe. Deshalb hatten wir alle schon geahnt, dass es zu Ende geht.

Wann genau ist Schluss?

Der Laden schließt am 31. Dezember offiziell, der letzte verkaufsoffene Tag ist am 5. Dezember. Danach wird nur noch zurückgebaut, denn die Räume müssen am Ende des Jahres leer sein.

Müssen Sie beim Abbau noch mithelfen?

Ja. Was genau wir da machen sollen, wurde uns noch nicht gesagt. Ich nehme an, es geht darum, die restliche Ware in die anderen Filialen zu verschicken. Meine Bereichsleiterin peilt für den Rückbau zehn Tage an. Am 15. Dezember ist dann wohl Schluss für mich, die restlichen zwei Wochen werden wir wahrscheinlich freigestellt.

Bekommen Sie eine Abfindung?

Nein, aber dafür zum ersten Mal in meinem Leben eine „Anwesenheitsprämie“ wenn wir die letzten drei Monate bis Jahresende noch hier bleiben. Das ist grob ein 13. Monatsgehalt. Ich finde das okay, aber reich werde ich davon nicht. Jetzt ist ja Weihnachtszeit und wer weiß, was im Januar für Rechnungen kommen.

Haben Sie schon eine neue Stelle in Aussicht?

Nein, noch nicht.

Haben Sie schon gesucht?

Ich habe mich vorletzte Woche hier beim Saturn beworben, da hat mir ein Kollege den Tipp gegeben, dass die Mitarbeiter suchen. Deshalb habe ich eine Bewerbungsmappe fertig gemacht und sie dem Bereichsleiter gegeben. Er hat mir aber gleich gesagt, dass er im Moment viel auf dem Schreibtisch hat und es ein paar Tage dauern wird. Bis jetzt habe ich auch noch nichts gehört.

Würden Sie bei Saturn mehr oder weniger Geld verdienen?

Das weiß ich nicht, darüber haben wir uns noch nicht unterhalten. Allerdings leite ich hier ein Team von sieben Leuten, ich mache den Dienstplan und die Stundenabrechnung, und beim Saturn habe ich mich als normaler Verkäufer beworben, die suchen gerade keine Teamleiter. Deshalb wird es am Anfang wohl weniger sein. Allerdings habe ich es bisher immer geschafft, mich nach oben zu arbeiten. Ich habe keine Angst davor, mir die Finger schmutzig zu machen und bleibe auch eine oder zwei Stunden länger, wenn Not am Mann ist.

Sie sind jetzt 41 Jahre, was haben Sie bisher gemacht?

In der Schule war ich faul und bin nach der neunten Klasse abgegangen. Irgendwann habe ich dann ein Berufsvorbereitungsjahr und meinen Führerschein gemacht. Ein Nachbar von mir hat bei einem Sicherheitsdienst gearbeitet, dort habe ich nachts als Pförtner angefangen. Da bin ich bei Wind und Wetter raus und habe meine Runden gedreht. 20 Tage im Monat, immer zwölf Stunden am Stück, oft auch sonntags und an Feiertagen. Damals habe ich 18,50 Mark die Stunde verdient, das war gut in Ordnung für jemanden, der keine Ausbildung hat. Ich habe mich gut angestellt und wurde Revierfahrer, später sogar Wachleiter in der Zentrale. Das habe ich fast acht Jahre gemacht.

Warum haben Sie aufgehört?

Als wir unser drittes Kind bekommen haben, wollte ich nicht mehr so viele Nachtdienste machen, abends auch zuhause sein. Ich habe dann in einem Lebensmittel-Laden angefangen und das Geschäft nach einer Weile mehr oder weniger alleine geführt. Der Laden wechselte später den Besitzer, deshalb bin ich vor eineinhalb Jahren als Teamleiter zu Dielmann gewechselt, wo ich seitdem Schuhe verkaufe.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie Lebensmittel verkaufen oder Schuhe?

Nein, es ist mir egal, was ich verkaufe. Derjenige, der reinkommt und etwas sucht, den möchte ich gut beraten. Gerade von Eltern mit Kindern bekomme ich immer nur positives Feedback.

Wie haben Sie davon erfahren, dass es hier zu Ende geht?

Schon im Sommer hatte ein Insolvenzverfahren begonnen, da hieß es schon: „Wir müssen einmal schauen, wie es weitergeht“. Ende September hatten wir dann ein Team-Meeting, wo die Bereichsleitung dazu kam. Die hat uns nach Ladenschluss die Hiobsbotschaften mitgeteilt: Das ganze Team wird gekündigt, keiner wird in eine andere Filiale übernommen. Geweint hat niemand, aber die Stimmung war natürlich im Keller.

Kamen Ihre Mitarbeiter am nächsten Tag noch zur Arbeit?

Ja, es sind auch jetzt noch alle da. Selbst die Aushilfen. Ich habe meinem Team schon gesagt: „Danke, dass Ihr mich jetzt nicht alleine lasst!“

Haben Sie sich beim Arbeitsamt gemeldet?

Ja, das ist alles erledigt.

Was haben die Ihnen geraten?

Ich soll mein Portfolio weiter bearbeiten, also mein Online-Profil, damit andere Firmen auf mich aufmerksam werden.

Hat sich jemand gemeldet?

Ja, zwei Sicherheitsdienste, die suchen immer Leute. Ich habe die Firmen dann gegoogelt. Die eine sah nicht gut aus, der anderen habe ich eine Bewerbung geschickt.

Sie schildern das mit wenig Begeisterung.

Bevor ich arbeitslos werde, mache ich das natürlich. Aber Sicherheitsdienst bedeutet immer Schichtdienst, Wochenenddienst, Nachtschichten. Deine sozialen Kontakte schrumpfen. Wenn die Freunde ein Feierabendbier trinken, gehe ich arbeiten. Und das alles für weniger Geld.

Macht Ihnen die Zukunft große Sorgen?

Gerade im Moment habe ich riesige Angst. Mein Arbeitsplatz ist weg und ich weiß nicht, wie das hier in Deutschland weitergeht mit dem ganzen Corona, was da noch alles auf uns zukommt. Irgendwie werde ich schon was finden, zumindest im Sicherheitsbereich wird was klappen. Und wenn nicht: Ich war in meinem Leben nur sechs Wochen arbeitslos und habe jetzt über 20 Jahre in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Warum soll ich mir nicht was vom Staat wiederholen? Ein bisschen runterfahren und dann neu starten? Aber wie gesagt, das habe ich nicht vor, ich werde in den nächsten Wochen bei den Bewerbungen Gas geben.

Fanden Sie den Lockdown richtig?

Den ersten irgendwie ja, irgendwie nein. Das Konzept war nicht ausgereift, da haben sich teilweise Sachen widersprochen. Wie jetzt beim zweiten Lockdown: In den Restaurants ist alles nur noch „to go“ aber wenn ich im Berufsverkehr in der Straßenbahn fahre, stehe ich gequetscht Schulter an Schulter und Hand an Hand an der Stange. Da sind auch keine 1,5 Meter Sicherheitsabstand gewährleistet. Das macht für mich keinen Sinn.

Ärgert Sie noch etwas anderes?

Vor unserem Laden haben wir einen Food-Court, das war hier in unserem Shopping-Center der Dreh- und Angelpunkt. Die hatten ein gutes Hygiene-Konzept, da hatte jeder seinen Sicherheitsbereich. Und jetzt geht keiner mehr Essen, geht nicht am Schaufenster vorbei und probiert mal einen Schuh an. Wir hatten in der Mittagspause viel weibliches Publikum, die kommen jetzt natürlich nicht mehr.

Sehen Sie sich als Krisenopfer?

Ja, definitiv. Die Leute haben so viel Angst, die gehen gar nicht mehr in den Laden. Das ganze Online-Shopping wird jetzt noch mehr gefördert. Das finde ich echt schade.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Schäfer
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.
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