Mäzenatin

Wie MacKenzie Scott ihre Milliarden einsetzen will

Von Roland Lindner
24.12.2020
, 11:12
Die frühere Frau von Amazon-Chef Jeff Bezos hat sich in kurzer Zeit als einflussreiche Wohltäterin profiliert. Sie verfolgt dabei einen ganz anderen Ansatz als Stifter wie Bill und Melinda Gates.

Im vergangenen Jahr schloss sich MacKenzie Scott, damals noch unter dem Namen MacKenzie Bezos, dem „Giving Pledge“ an. Das ist eine von den Multimilliardären Bill und Melinda Gates und Warren Buffett ins Leben gerufene Initiative, deren Unterzeichner versprechen, mehr als die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke auszugeben. Scott hatte sich wenige Wochen zuvor mit ihrem langjährigen Ehemann Jeff Bezos, dem Gründer und Vorstandschef des Online-Händlers Amazon.com, auf Konditionen für ihre Scheidung geeinigt. Demnach sollte sie ein Viertel der Amazon-Aktien erhalten, die das Paar zuvor gemeinsam gehalten hatte, womit sie sich auf einen Schlag separat von ihrem früheren Mann auf diverse Listen von Superreichen katapultierte.

„Ich habe eine unverhältnismäßig große Menge an Geld zu teilen“, schrieb sie, als sie ihre Teilnahme am „Giving Pledge“ bekanntgab. Sie versprach, zu spenden, „bis der Tresor leer ist“. Und sie deutete an, welchen Ansatz sie als Wohltäterin verfolgen werde. Sie beschwor den Wert schnellen Handels und zog eine Parallele zur Welt der Literatur, die ihr als Autorin zweier Romane wohlvertraut ist. Sie habe einmal gelesen, beim Schreiben sollten die besten Ideen nicht für spätere Kapitel aufgehoben, sondern sofort verwendet werden.

Tatsächlich legt Scott nun beim Spenden ein furioses Tempo vor. Kürzlich teilte sie mit, in den vergangenen vier Monaten fast 4,2 Milliarden Dollar an wohltätige Organisationen gegeben zu haben. Und dies kam, nachdem sie schon im Juli Spenden von 1,7 Milliarden Dollar publik gemacht hatte. Ihr gesamtes karitatives Engagement für dieses Jahr addiert sich damit auf fast sechs Milliarden Dollar. Das ist in der Welt der Philanthropie ein atemberaubend hoher Betrag. Nicht einmal die Bill & Melinda Gates Foundation, die größte Privatstiftung der Welt, gibt so viel Geld in so kurzer Zeit aus. Das Paar hat im vergangenen Jahr 5,1 Milliarden Dollar aus seinem rund 50 Milliarden Dollar umfassenden Stiftungsvermögen gespendet.

Es sind aber nicht nur die gewaltigen Summen an Geld, die Scotts Wohltaten besonders machen. Sie unterscheidet sich auch mit ihrer Philosophie von vielen anderen Großstiftern. Ihre Spenden kommen unaufgefordert und treffen viele ihrer Empfänger völlig unvorbereitet. Sie sind auch an keinerlei Vorgaben geknüpft, und Scott verlangt nicht, im Gegenzug mit ihrem Namen auf Gebäuden verewigt zu werden. Entsprechend fallen die Reaktionen aus. „Es ist wie ein Weihnachtswunder“, sagte der verblüffte Chef einer von Scott beschenkten YMCA-Niederlassung im Bundesstaat Idaho zu einer lokalen Radiostation. Die „New York Times“ schrieb, einige der E-Mails, in denen Scotts Vertreter Spenden ankündigten, seien erst in Spam-Ordnern der Organisationen gelandet. Manche Empfänger hätten auch erst einen möglichen Schwindel gewittert. Für viele Gruppen sei Scotts Spende die größte in ihrer Geschichte gewesen.

Für diese ebenso simple wie unkonventionelle Art des Gebens hat sich Scott bewusst entschieden. Wie sie in der Ankündigung ihrer jüngsten Spenden sagte, bringe die chronische Geldnot für viele gemeinnützige Organisationen eine ständige Ablenkung von ihrer eigentlichen Arbeit mit sich. Sie müssten viel Zeit mit dem Werben um Finanzmittel verbringen, und Spender erwarteten oft ausführliche Berichte, was mit ihrem Geld geschehe und erreicht werde.

Die Gates-Stiftung ist ein Kontrast zu Scotts Methode der langen Leine. Sie versteht sich nicht als reiner Geldverteiler, sondern ist eng in die von ihr gewählten Projekte eingebunden, setzt strategische Ziele und verfolgt sie genau. Dagegen hat Scott es zu ihrem ausdrücklichen Ziel erklärt, den Empfängern ihrer Wohltaten „maximale Flexibilität“ zu lassen.

Corona als „Abrissbirne“ im Leben Amerikaner

Scotts Geld ist bislang an insgesamt 500 verschiedene Organisationen geflossen. Ihre Schwerpunkte liegen auf der Bekämpfung von Ungleichheit und Diskriminierung. Sie hat zum Beispiel eine Reihe von Universitäten unterstützt, die vor allem von Afroamerikanern oder anderen unterrepräsentierten ethnischen Gruppen besucht werden. Wie sie selbst sagt, hat sie ihr Spendenvolumen in jüngster Zeit weiter erhöht, um Menschen zu unterstützen, die unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise leiden. Sie setzt dabei zum einen auf unmittelbare Nothilfe und hat Geld an Tafeln gegeben, daneben zielt sie mit längerfristigen Projekten wie der Finanzierung von Schulungen auf „systemische Ungleichheit“, die sich nach ihrer Auffassung in diesem Jahr verschärft habe. Die Pandemie sei eine „Abrissbirne“ im Leben vieler Amerikaner, schrieb sie und gab zu, dass gleichzeitig der Wohlstand von Milliardären erheblich gewachsen sei. Das gilt auch für sie selbst, da der Aktienkurs von Amazon in diesem Jahr stark gestiegen ist. In der „Forbes“-Liste wird ihr Vermögen derzeit auf mehr als 56 Milliarden Dollar beziffert. Ihr früherer Mann führt die Liste mit 187 Milliarden Dollar an.

Auch wenn sie ohne Vorwarnung spendet, heißt das nicht, dass sie einfach nach dem Gießkannenprinzip vorgeht. Sie sagt, sie sei in der Auswahl von Organisationen „datengetrieben und rigoros“ und hole dabei Rat und Vorschläge von Hunderten von Experten ein. Das alles tut sie weitgehend im Verborgenen. Sie hat bislang keine große Stiftungsorganisation wie das Ehepaar Gates, sondern spricht lediglich von einem „Team von Beratern“, und sie hat nicht einmal eine Internetseite.

Ihren heutigen Reichtum hat sie maßgeblich ihrer Verbindung mit Jeff Bezos und Amazon zu verdanken. Sie hat Bezos 1992 kennengelernt. Beide arbeiteten damals für den New Yorker Hedgefonds D.E. Shaw. Sie heirateten nach kurzer Zeit, 1994 verließen sie New York und fuhren mit dem Auto auf die andere Seite des Landes nach Seattle, wo Bezos Amazon gründete. Scott hat sich während ihrer Ehe auch selbst einen Namen als Autorin gemacht und brachte zwei Romane heraus, die auf freundliche Kritiken stießen. Sie hat einst an der Universität in Princeton unter der Schriftstellerin Toni Morrison studiert, und Morrison hat sie als eine der besten Studenten gelobt, die sie je gehabt habe. Gespendet hat Scott schon, als sie noch mit Bezos verheiratet war, wenn auch auf deutlich kleinerer Flamme als heute. Vor zwei Jahren startete das damalige Paar einen mit zwei Milliarden Dollar dotierten Fonds, der unter anderem Obdachlose unterstützen soll. Bezos selbst wiederum hat in diesem Jahr eine Initiative zur Bekämpfung des Klimawandels angekündigt und dafür zehn Milliarden Dollar versprochen. Anders als seine frühere Frau hat er sich bislang aber nicht dem „Giving Pledge“ angeschlossen.

Vor ein paar Monaten kürte die Zeitschrift „Time“ Scott zu einer der 100 einflussreichsten Personen des Jahres. Die Laudatio kam von Melinda Gates. Sie schrieb, Scott verfolge eine „kühne Vision“ von Philanthropie, und ihr Einfluss werde lange Zeit spürbar sein. „Wenn MacKenzies erstes Jahr des Gebens so aussieht, kann ich kaum erwarten, was als Nächstes kommt.“ Und das sagte Gates, noch bevor die jüngste Milliardenspende bekannt wurde.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Lindner, Roland
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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