Anhörung im EU-Parlament

Astra-Zeneca-Chef Soriot auf verlorenem Posten

Von Werner Mussler, Brüssel
25.02.2021
, 20:31
Der Chef des Impfstoffherstellers Astra-Zeneca kommt im Europaparlament nicht aus der Defensive. Der Ärger über die fortgesetzten Lieferausfälle seines Unternehmens hat sich in der EU festgesetzt.

„Monsieur Soriot, Sie sind wie ein Stück Seife. Man kann Sie zu greifen versuchen, wie man will, Sie entwischen uns immer wieder. Ernsthafte Antworten haben wir nicht bekommen.“ Die finnische Linken-Europaabgeordnete Silvia Modig spricht aus, worüber sich viele ihrer Kollegen genauso ärgern. Pascal Soriot, der Chef des in der EU zunehmend unbeliebten Pharmakonzerns Astra-Zeneca kann nicht wirklich erklären, warum sein Unternehmen bislang deutlich weniger Impfstoff in die EU geliefert hat als im Liefervertrag zugesagt.

Im Europaparlament findet am Donnerstagnachmittag eine „Weltpremière“ statt, wie Pascal Canfin, der französische Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, gleich dreimal stolz wiederholt. Und in der Tat: So viele Spitzenmanager auf einmal ließen sich im Parlament noch nie zusammen sehen. In einer Schaltkonferenz stellten sich Vorstandschefs und andere Spitzenkräfte aller Pharmaunternehmen, bei denen die EU Corona-Impfstoff bestellt hat, einer öffentlichen Anhörung.

Es war offenbar nötig: Die EU-Staats- und Regierungschefs forderten in ihrer parallel stattfindenden Videokonferenz von den Konzernen mehr Zuverlässigkeit und Transparenz ihrer Lieferpläne ein. Die Parlamentsanhörung glich deshalb einer Charmeoffensive der Manager.

Nicht allen Chefs gelang sie gleich gut. Besonders Soriot, dessen Unternehmen wegen seiner Lieferschwierigkeiten schon in den vergangenen Wochen am europäischen Pranger stand, machte einen etwas hilflosen Eindruck. Nicht nur die Finnin Modig, auch andere Abgeordnete feuerten Fragen an ihn ab, die er nicht wirklich beantworten konnte: Warum kann sein Unternehmen seinen Impfstoff nicht in den vereinbarten Mengen und zum vereinbarten Zeitpunkt liefern? Warum hat Astra-Zeneca früher nach Großbritannien als in die EU geliefert, obwohl die Verträge fast gleichzeitig abgeschlossen wurden? Hat der Konzern britische Subventionen unter der Bedingung erhalten, in der EU produzierte Impfstoffe zu Lasten der EU nach Großbritannien zu liefern? Behauptet Soriot immer noch, die EU habe keinen juristischen Anspruch auf die im Vertrag festgelegten Liefermengen, weil sein Unternehmen Produktion und Lieferung nur im Rahmen des ihm „nach besten Kräften“ (best efforts) Möglichen zugesagt habe?

Die frühere polnische Ministerpräsidentin Beata Szydło, die heute für die rechtskonservative PiS-Partei im Europaparlament sitzt, formulierte es besonders undiplomatisch: „Warum kommt kein Impfstoff? Warum sehen wir keine nachvollziehbaren Lieferpläne? Wissen Sie eigentlich nicht, dass jeder Tag zählt?“

Soriot wiederholte die immer gleichen Floskeln: Man sei noch in einer „Lernphase“, sein Team arbeite „rund um die Uhr“, der Produktionsprozess für einen neuen Impfstoff sei „hochkomplex“, der von „Tausenden von Parametern“ abhänge, normalerweise gebe es für die Markteinführung eines neuen Wirkstoffs viel mehr Zeit, das Liefernetzwerk seines Konzerns sei regional organisiert, weshalb es Verzögerungen gegeben habe. Zum umstrittenen Liefervertrag sagte Soriot kaum etwas. Sein auch schon bekannter Verweis darauf, dass Astra-Zeneca den Impfstoff als einziger Hersteller ohne Gewinnabsicht produziert, half ihm nicht. Im Gedächtnis blieb die Kritik der niederländischen Christdemokratin Esther de Lange, das Unternehmen führe sich auf wie ein „unzuverlässiger Gebrauchtwagenhändler“.

Der Astra-Zeneca-Chef hat das Pech, dass die EU (die Staats- und Regierungschefs wie die Parlamentarier) ihn und sein Unternehmen schon länger ins Visier genommen haben. Im ersten Quartal kann der Hersteller seine Lieferzusagen sicher nicht einhalten, im zweiten womöglich auch nicht – auch wenn Soriot Optimismus verbreitete.

In der Anhörung war der Manager in der Defensive: Denn jene Hersteller, die ihren Impfstoff wie Astra-Zeneca schon genehmigt bekommen haben, sind in der Produktion deutlich besser aufgestellt. Moderna-Chef Stéphane Bancel konnte sich etwa dafür loben, dass sein Unternehmen innerhalb eines Jahres in der EU eine voll funktionierende Lieferkette aufgebaut habe; Moderna hat derzeit auch keine Lieferprobleme. Bei Biontech und Pfizer läuft es nach Anfangsproblemen mittlerweile auch.

Und jene Unternehmen, deren Vakzin noch auf Zulassung wartet, müssen sich derzeit logischerweise noch nicht mit möglicher Kritik an ihren Lieferungen auseinandersetzen. Franz-Werner Haas, der Chef des Tübinger Herstellers Curevac, und der Manager Paul Stoffels von Johnson & Johnson konnten optimistisch äußern, bei ihnen könne die Produktion nach der Genehmigung bald starten. Bei Johnson & Johnson wird das wohl Mitte März soweit sein, bei Curevac im Mai. Moderna und Biontech wollen ihre Kapazitäten jetzt zügig ausbauen.

Abgesehen von der Kritik an Soriot waren sich Abgeordnete und Manager in Vielem einig. Letztere lobten einhellig die von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen initiierte Plattform „Hera Incubator“, auf deren Grundlage Industrie, Wissenschaft und Politik enger zusammenarbeiten wollen. Das von der Kommission in Reaktion auf das Astra-Zeneca-Fiasko aufgesetzte Exportregister, das eventuelle Impfstoffausfuhren aus der EU kontrollieren soll, behindert sie nach eigener Aussage nicht.

Und am Ende stimmten alle dem Urteil der Genfer Gesundheitswissenschaftlerin Suerie Moon zu, es sei jetzt wichtiger, den Impfstoff-Kuchen schnell erheblich zu vergrößern, als darüber zu streiten, ob ein Land zu viel oder zu wenig erhalten hat. „Wir haben jetzt mehr Klarheit, wie die Unternehmen das schaffen können“, sagte der Ausschussvorsitzende Canfin am Ende – und fügte hinzu, für Astra-Zeneca gelte das weiterhin nicht. „Wir wollen nicht hoffen, dass es bei diesem Hersteller in den kommenden Wochen neue Ausfälle gibt.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Mussler, Werner (wmu.)
Werner Mussler
Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.
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