Mittagspause

Ein Lob der Mahlzeit

Von Corinna Budras
24.08.2015
, 11:00
Die Mittagspause ist heute vielfach die Fortsetzung der Arbeitszeit: Business-Talk oder E-Mails schreiben
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Die Mittagspause soll der Erholung dienen, stattdessen verkommt sie zum Business-Event. Parlieren vor dem weißen Tischtuch, Netzwerken mit Kollegen - wie die Pause zur Überforderung wird.
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Es gibt wohl kaum eine Grußformel, die im deutschen Arbeitsalltag so verhasst ist wie das stets beherzt vorgebrachte „Mahlzeit!“. Das zeigt sich schon körperlich: im entsetzten Blick des so Begrüßten oder in seinem energischen Erschaudern. „Mahlzeit“ – die Kurzform des jahrhundertealten Ausspruchs „gesegneten Mahlzeit“ – ist zum Inbegriff einer veralteten Firmenkultur geworden, in der noch Stechuhr und Aktendeckel regieren und Kreativität keinen Platz hat. Denn Kreativität zeigt sich vor allem im Chaos: dem ungeplanten Arbeitsablauf, den Pizzakartons vor dem Computerbildschirm, den „Brainstorming-Sessions“ mit ungewissem Ende.

Dabei behaupten Wissenschaftler voller Überzeugung, dass nur wenig die Kreativität so sehr ankurbelt wie die Pause; ein Wort, das dem französischen Wort für Ruhe, „la pause“, entlehnt ist. Diese Ruhezeiten sorgen für Aus- und Durchblick und bewahren den Menschen vor dem grausamen Schicksal des Sisyphos, ununterbrochen weitermachen zu müssen, schreiben die Autoren Karlheinz und Jonas Geißler in ihrem gerade erschienenen Buch „Time is honey – Vom klugen Umgang mit der Zeit“.

Die Krönung des Innehaltens ist die Mittagspause. Sie ist die längste am Tag, mindestens eine halbe Stunde lang (das ist schon im Arbeitszeitgesetz so festgelegt), und sorgt für den nötigen Schwung für die Vollendung des Tagewerks. Sie zwingt zur Vollbremsung, wenn der Geist mit Karacho in die falsche Richtung brettert, sie sorgt für Austausch und befreit von unnötigem Ballast.

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Die Pause ist eine soziale Errungenschaft

Jedenfalls sollte sie das. Und von dieser Idee hat sie auch noch nichts eingebüßt. Deshalb ist sie auch so außerordentlich beliebt. Zwar ist Deutschland das einzige Land, das in Form von „Mahlzeit!“ einen eigenen Schlachtruf installiert hat, doch der Konsens bleibt: Für die Mittagspause konnten sich über die Jahrhunderte hinweg schon viele Kulturen begeistern. Besonders die Südeuropäer sind berühmt dafür, dass sie wegen der großen Sommerhitze das Essen immer noch durch einen ausgedehnten Mittagsschlaf, eine Siesta, ergänzen. Vor 17 Uhr kehren viele nicht zu ihren eigentlichen Pflichten zurück. Die Läden bleiben in der Zeit geschlossen, und auch sonst geht das Leben in dieser Zeit langsamer. Vielfach vergessen ist inzwischen, dass Pausen eine soziale Errungenschaft sind und keineswegs ein naturgegebenes Menschenrecht. Sie mussten erst mühsam von den Gewerkschaften erkämpft werden. Erst 1873 setzte der Verband der Buchdrucker eine Viertelstunde Frühstückspause am Vormittag und Vesperpause am Nachmittag durch. Davor war stets durchgearbeitet worden.

Hundert Jahre später erlebt die Pause ihren absoluten Höhepunkt, jedenfalls was die arbeitsrechtliche Anerkennung angeht. Nirgendwo zeigte sich das so deutlich wie in der berühmten Steinkühlerpause. Sie gilt als wichtiger Bestandteil der „Humanisierung der Arbeitswelt“, für die die IG Metall Anfang der siebziger Jahre auf die Barrikaden ging. 1973 setzte sie nach einem dreiwöchigen Streik für die Fabrikarbeiter kategorisch Pausenzeiten durch: Für jeden Akkordarbeiter war fortan eine Erholungspause von fünf Minuten je Arbeitsstunde festgelegt – ebenjene „Steinkühlerpause“, die nach dem damaligen Verhandlungsführer der IG Metall in Baden-Württemberg, Franz Steinkühler, benannt ist. Weitere drei Minuten je Arbeitsstunde sind für „persönliche Bedürfnisse“ reserviert. Auch die klassische Pinkelpause wurde damit in den Rang einer Tarifnorm erhoben.

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Von dieser Einsatzfreude für die Pause ist bei den Beschäftigten heute nicht mehr viel übrig. Für sie würde niemand mehr auf die Straße gehen, es fällt vielen Arbeitnehmern schon schwer genug, sie überhaupt wahrzunehmen, wie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bemängelt. Einer repräsentativen Umfrage von TNS Infratest zufolge nutzen zehn Prozent der Befragten die Pause selten oder nie. 20 Prozent nehmen die Pausen nur verkürzt in Anspruch.

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Fortsetzung der produktiven Arbeitszeit

Während die Kultur der kleinen Pause „zwischendurch“ zunehmend verlottert, erlebt die Mittagspause gerade einen unerwarteten Höhenflug – allerdings anders, als von den Verfechtern erhofft. Einfach nur „zu Tisch“ geht heutzutage kaum mehr jemand, inspiriert durch die Lunch-Tradition im Beratermilieu, wird die Mittagspause zunehmend zu einer Fortsetzung der produktiven Arbeitszeit mit anderen – meistens anstrengenderen – Mitteln.

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Snacks für die Mittagspause
Zurück zur Brotdose

Gepflegt wird nicht mehr das entspannte Geplauder mit den Kollegen in der Kantine oder gar an der frischen Luft, sondern der Business-Talk mit Geschäftspartnern, meist in Etablissements, die nicht gerade vor Gemütlichkeit strotzen. Es gilt, vor dem weißen Tischtuch die Etikette zu wahren und dabei auch noch geistreich über die Geschäftsentwicklung zu parlieren. So manchen überfordert schon eine dieser beiden Teilaufgaben. Von Entspannung kann keine Rede sein, meist wäre nach solchen Lunch-Meetings eine ordentliche „Mahl-Zeit“ vonnöten.

Wo nicht das Geschäftsessen schon die Mahlzeit-Kultur übernommen hat, schreitet das „Mittagessenmanagement“ der Unternehmen weiter voran. Es zielt im Wesentlichen auf den Umgang der Kollegen untereinander und wird dominiert von innovativen Ideen der Personalabteilung. Auch hier ist nicht Entspannung, gar das Abschalten, Zweck der Übung, sondern das Netzwerken. In scheinbar lockerer Atmosphäre können Kollegen Projekte besprechen, Ideen entwickeln und Herausforderungen vorantreiben. Das verspricht einen Produktivitätsschub ohnegleichen.

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Wo die natürliche Kontaktaufnahme ins Stocken gerät, etwa weil das Beziehungsgeflecht noch übersichtlich ist, kann ein Lunch-Roulette Abhilfe schaffen – das Intranet macht es möglich. Eine digitale Plattform ermittelt dabei wahllos Paarungen für den Gang in die Kantine, so muss in großen unübersichtlichen Konzernen niemand mehr allein essen gehen.

Mit dem DJ in die Mittagspause

Das scheint ohnehin der eigentliche Albtraum des Arbeitnehmers zu sein, allen Unkenrufen über die zunehmende Arbeitszeitverdichtung zum Trotz. Und diesen Albtraum versuchen die Unternehmen nach Kräften zu verhindern. Längst sind es nicht mehr nur die hippen Silicon-Valley-Unternehmen, die ihren Mitarbeitern in der Mittagspause ein buntes Programm bieten – auch große deutsche Unternehmen wie der Versandhändler Otto werfen sich mit Verve in die Mittagsgestaltung. Das Programm umfasst Filmvorführungen, Konzerte, gar einen Poetry Slam. Auch ein DJ legt mal Musik auf.

Bei einer solchen Mittagsgestaltung gelingt es allerdings nur wenigen, tatsächlich aus dem Arbeitsalltag auszubrechen, wie es Arbeitsforscher stets fordern. Das mag am ehesten noch beim Sport funktionieren, denn das ist das glatte Gegenteil dessen, was die meisten sonst so in ihrem Büroalltag vor dem Computer tun. Doch die Jogger in der Mittagspause gehören immer noch zu einer Minderheit, wohl auch, weil der Aufwand dafür groß ist. Es läuft sich schlecht in Kostüm und Pumps, da müssen schon schnell die Trainingsklamotten übergezogen werden. Für weniger als eine halbe Stunde lohnt es sich nicht einmal, das Büro zu verlassen. Deshalb dauert es meist deutlich länger, und das wiederum kann sich eigentlich nur das Management leisten. Wenn überhaupt. Und zu allem Überfluss ist danach auch noch Aufwand gefordert, um sich wieder zurück in eine bürotaugliche Form zu bringen, damit beim nächsten Meeting niemand etwas von den sportlichen Eskapaden mitbekommt. Es könnte ja jemand denken, man hätte sich entspannt.

Viel unaufwendiger, geradezu unspektakulär ist dagegen der ursprüngliche Gedanke, dass die Pause im Wesentlichen aus dem blanken Nichtstun bestehen sollte. Allenfalls die Stullenbox soll noch zur Hand genommen und die Thermoskanne geöffnet werden. Den Vorteil dieser zelebrierten Untätigkeit erkannten auch schon die chinesischen Philosophen: „Beim Nichtstun“, soll Lao-Tse formuliert haben, „bleibt nichts ungetan.“

Quelle: F.A.S.
Autorenportät / Budras, Corinna
Corinna Budras
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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