Aussehen als Qualifikation

Groß und fit soll der Manager sein

Von Inge Kloepfer
06.10.2012
, 17:47
Das Aussehen wird im Beruf immer wichtiger. Schlank ist unschlagbar, dick bleibt auf der Strecke. Wer seine Figur und seine Fitness nicht im Griff hat, der bekommt kaum eine Chance.

Frank Appel, Vorstandschef der Deutschen Post, ist ein schlanker Zwei-Meter-Mann. Dieter Zetsche von Daimler misst gut 1,90 Meter, von ähnlicher Statur sind Michael Diekmann, CEO der Allianz, und Peter Löscher, der Siemens-Spitzenmann. Auch Commerzbank-Chef Martin Blessing ist mindestens 1,90 Meter groß.

Keine dieser Wirtschaftsgrößen ist übergewichtig, und fett schon gar nicht. Im Gegenteil: Alle repräsentieren den neuen Phänotyp erfolgreicher Manager - hochgewachsen, kein Gramm Fett zu viel, eher asketisch und damit augenfällig kontrolliert. Kleine Konzernlenker wie der 170-Zentimeter-Recke Hartmut Mehdorn sind in Deutschland die Ausnahme, und dicke Vorstände sucht man fast vergebens. Sie sind aus der Mode gekommen, seit der Schlankheitswahn nicht nur Kinderzimmer, sondern auch die Büros erreicht hat.

Keine Gesetze gegen Dicken-Diskriminierung

Wenn die Großen und Dünnen es weit bringen können, heißt das im Umkehrschluss: Dick führt nicht gut. Diese Annahme hat sich jedenfalls in den Köpfen derjenigen festgesetzt, die Karrieren befördern oder bremsen. „Wenn Sie hier im Verlagskonzern mehr werden wollen, dann müssen Sie ordentlich abnehmen.“ Das musste sich der deutlich übergewichtige, aber nicht minder ambitionierte Bereichsleiter Robert D. unlängst anhören. Seine Frage nach dem Warum erntete eine verblüffend ehrliche Antwort: „Weil Sie mit Ihrem Körperumfang nicht die Intellektualität ausstrahlen, die unsere Kunden von unseren führenden Mitarbeitern zu Recht erwarten dürfen.“

Dass Dicke als unintellektuell gelten, war für Robert D. eine neue Erkenntnis. Die glänzende Karriere kann er sich - unabhängig von seinen Fähigkeiten - vorerst abschminken. Als auch sein Anwalt ihm erklärte, es gebe keine Gesetze gegen Dicken-Diskriminierung, kaufte er sich Jogging-Schuhe.

Aussehen kommt an zweiter Stelle

Dass Attraktivität die Karriere beflügelt, ist wissenschaftlich hinlänglich bewiesen. Neu ist, dass die Bedeutung des Aussehens im Job rapide zunimmt. Mag die Frage nach der Qualifikation sich noch an erster Stelle halten, gleich danach kommt das Aussehen, bestätigt Sonja Bischoff, BWL-Professorin in Hamburg: „Der einzige relevante Erfolgsfaktor neben der Ausbildung ist die äußere Erscheinung.“ Nix Softskills, nix Networking.

1986 hielten gerade einmal 6 Prozent der deutschen Führungskräfte den Faktor Optik für den Berufseinstieg für bedeutsam.2008 war der Wert um 32 Prozent in die Höhe geschossen. Das ergaben Bischoffs Langzeitstudien, die regelmäßig unter dem Titel „Wer führt in (die) Zukunft?“ erscheinen. „Kein anderer Erfolgsfaktor hat in dem Maße zugelegt“, sagt die Wissenschaftlerin. Sie ist überzeugt: Diese Entwicklung ist noch lange nicht am Ende und betrifft längst nicht nur den Einstieg: Rund ein Drittel der Befragten hielten ein „normgerechtes Aussehen“ auch für den Aufstieg für sehr wichtig.

Übergewichtige haben kaum eine Chance

Größe und Gewicht sind auch finanzielle Erfolgsfaktoren. So verdienen große Männer im Durchschnitt mehr als kleine. Vor ein paar Jahren haben Forscher herausgefunden, dass sich für westdeutsche Männer ein Zentimeter Körpergröße in 0,6 Prozent mehr Bruttomonatsgehalt niederschlägt. In Australien verdient ein 1,83 Meter großer Mann etwa 1000 Dollar mehr als jemand, dem die Natur nur fünf Zentimeter weniger spendiert hat. Allerdings ist der Zusammenhang nicht linear. Ab 1,91 Metern Körpergröße nimmt der Vorteil wieder ab. Man sollte eben auch nicht alle überragen.

Nicht minder wichtig als die Statur ist die Figur. Den Marsch an die Spitze bremst das Hüftgold ganz empfindlich, zeigte Ende August dieses Jahres eine aufsehenerregende Untersuchung der Universität Tübingen unter Personalentscheidern. Ihnen wurden zwölf Fotos von Bewerbern vorgelegt. Alle waren etwa gleich alt, mit ähnlichem sozioökonomischen Status, wobei die Forscher ein paar Kandidaten mit Migrationshintergrund beimischten, um ihre Probanden abzulenken. Einige Fotos zeigten stark übergewichtige Kandidaten. „Die Ergebnisse sind eindeutig“, sagt die federführende Wissenschaftlerin Katrin Giel. Die Übergewichtigen schnitten viel schlechter ab. „Ihnen wurde fast nie ein Beruf mit hohem Prestige zugetraut, und sie wurden selten für eine Abteilungsleiterstelle ausgewählt.“

Gewicht ist die eigene Schuld

Kein Wunder, wissen die Personaler doch: Für seine Größe kann der Mensch nichts, für sein Gewicht gemeinhin schon. Wer klein ist, hat Pech. Wer dick ist, der ist schuldig. Schuldig der Trägheit und Disziplinlosigkeit. Genetische oder physiologische Ursachen werden ignoriert. Offiziell würde dies aber kein Arbeitgeber zugeben. „Über so einen Unsinn denken wir gar nicht erst nach“, heißt es - eine glatte Lüge. Das bestätigen Personalberater: „Dass sich dicke Männer oder Frauen erfolgreich für höhere Führungspositionen bewerben, ist die absolute Ausnahme“, sagt der Partner einer Firma, die für die Führungsetagen der Wirtschaft Kandidaten sucht.

Leute wie Umweltminister Peter Altmaier (140 Kilo: „Ich habe Waffenstillstand mit meinem Gewicht geschlossen.“) hätten in der Wirtschaft kaum eine Chance. Lang vorbei sind die Zeiten, in denen Top-Manager in Karikaturen mit Schmerbauch, dicker Uhrenkette, Zigarre und Cognac-Glas gezeichnet wurden. Der Chef von heute ist durchtrainiert, asketisch, signalisiert Energie und Effizienz. Morgens quält er sich um 5.00 Uhr aus dem Bett zum Waldlauf. „Es gibt kaum jemanden, der einem nicht erzählt, er würde im nächsten Jahr wieder Marathon laufen“, lästert der Personalberater.

Soziale Auslese durch BMI

Der psychische Druck, gegen Übergewicht und Unsportlichkeit anzukämpfen, ist enorm. Denn Bierbauch und Fettrollen stehen nicht nur für Faulheit und Inflexibilität, sondern auch für einen zu hohen Blutdruck oder Cholesterinspiegel. Seit Jahren beschäftigt sich der Arzt und Gesundheitsberater Gunter Frank mit der Gesundheit von Top-Managern. „Über die Hälfte der Führungskräfte will abnehmen“, weiß er von Manager-Checks - sogar wenn sie gar nicht zu viel wiegen: „Hier findet eine soziale Auslese über den Körperumfang oder den BMI statt.“

BMI, der „Body-Mass-Index“, bei dem das Gewicht durch das Quadrat der Körpergröße geteilt wird, ist die neue Richtschnur, nach der Menschen in „zu dünn“, „normal“, „übergewichtig“ und „fettleibig“ eingeteilt werden. Kein Unternehmen will von Menschen repräsentiert werden, die unter dem Generalverdacht der Trägheit stehen. Gunter Frank findet die Haltung archaisch und primitiv, lässt sie sich medizinisch doch nicht eindeutig begründen. Im Gegenteil tut ein leichtes Übergewicht ab 50 statistisch gesehen der Gesundheit sogar ganz gut.

Arbeitgeber registiert Gewicht

Dennoch machen die Unternehmen das Gewicht ihrer Mitarbeiter ganz offiziell zum Thema. Betriebssport, Firmenläufe, Fahrradaktionen und Gesundheitschecks sind an der Tagesordnung. So kann der Arbeitgeber ganz offen Gewicht und Körpergröße registrieren, den BMI errechnen und bei Überschreitung einer fast willkürlich gesetzten Norm ein Kreuzchen an der Stelle „übergewichtig“ setzen. Ein Mann von 1,80 Meter Körpergröße wird dann schon ab 81 Kilo als zu dick eingestuft.

„Viele Führungskräfte verfolgen dies mit Unbehagen“, berichtet der Mediziner Frank. Sie befürchten nicht zu Unrecht, dass ihr BMI, falls es die Karriereleiter weiter hinaufgeht, zum Gradmesser ihrer Eignung wird, unabhängig vom Allgemeinzustand. Unternehmen und ihre Mitarbeiter müssten sich dem Thema stellen, sagt Betriebswirtin Sonja Bischoff. „Es hat schon seinen Grund, warum die Probespiele großer Orchester oft hinter einem Vorhang stattfinden.“ So hat schon mancher Musiker Karriere gemacht, den sein Aussehen sonst wohl aus der Bahn geworfen hätte.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kloepfer, Inge (ink.)
Inge Kloepfer
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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