Aussteiger

Wir tauschen Uckertaler

Von Jan Grossarth
21.04.2011
, 13:26
Hof in Grünz, günstig wie eine Garage in Frankfurt.
In der Uckermark stehen für wenig Geld alte Bauernhöfe zum Verkauf. Das lockt Aussteiger aus Berlin, sie leben als Selbstversorger und entdecken die Tauschwirtschaft neu. Erinnerung an eine Reise ins einfache Leben.

In Ostvorpommern war das Leben nicht leicht, es gab Landflucht und Arbeitslosigkeit, aber das konnte ein Nährboden für neues Leben sein, das freiwillig einfach war. Die verlassenen Höfe mussten Menschen anziehen, die wieder von der freien Feldarbeit träumen, die hierhergezogen waren, um ihren flachen Fernseher, ihre goldene Verbeamtungsurkunde und ihre Zahnzusatzversicherung wegzuwerfen. In Ostvorpommern gab es mittlerweile Bauernhöfe für fünfundzwanzigtausend Euro, dazu so viel Land, wie es ein Mensch benötigt, um sich selbst zu versorgen. In Frankfurt kostete eine Autogarage so viel.

Das Taxi von Prenzlau nach Grünz an der polnischen Grenze fuhr durch ein weites Rapsfeld. Es war der Beginn einer Reise zu Aussteigern von Vorpommern bis Turin, einen Sommer lang, in Ökodörfer, zu einem Waldmenschen oder in ein Kloster. Hier vor Grünz zeigte sich die Energiewende gelb blühend, und die Rapsfelder erinnerten daran, dass das Erdöl nicht ewig sein würde, auch wenn das die Zivilisationsskeptiker schon seit Jahrzehnten sagten. Windräder warfen ihre Schatten auf die Felder, das Taxi überquerte die Gaspipeline Nord Stream. Hier und da standen, zwanzig Jahre danach, immer noch sozialistische Betonruinen. Sie waren von guter Qualität.

Grünz bestand aus einer Allee und einer Straße. Die führte zu einem See bergab. Es wäre möglich, sein Reihenhaus im Westen für zweihunderttausend Euro abzugeben, hier einen Hof zu kaufen und von Gartenarbeit und vom Aldi bis zum Tod zu leben. "Sorgenfrei", "ausgesorgt" - zwei Lebensziele, die weit oben standen in der bürgerlichen Agenda.

Thomas und Sabine: „Wir haben hier eine gute Überlebenschance”
Thomas und Sabine: „Wir haben hier eine gute Überlebenschance” Bild: Jan Grossarth

An einer Hofeinfahrt stand eine Frau, die eine Weste aus Wolle trug und Arbeitskleidung. Sie trug auch eine Brille, ihr Haar war lang und grau. "Was suchen Sie?", fragte sie. "Wahrscheinlich Sie." "Mich?" Der Backsteinhof war liebevoll hergerichtet mit Möbeln vom Flohmarkt aus hundert Jahren, er stand in einem wilden, weiten Garten. Im Wohnzimmer kochte ihr Mann den ersten Spargel. Die beiden lebten hier seit fast 15 Jahren. Sie waren Wendeverlierer, als Berlin frei wurde, mussten sie aus der Stadt herausziehen, weil die Mieten schneller stiegen als ihre Einkommen. Statt Plattenbauten wählten sie Grünz. "Ich wollte mich lösen von den Dingen, die alle taten. Von der rasanten Anpassung", sagte Sabine.

Da hier im Kreis Uecker-Randow viele Zugezogene lebten, fanden die beiden schnell Anschluss, erzählten sie. Für ihre Kinder konnten sich Sabine und Thomas hier mehr leisten als in Berlin, denn die Zugezogenen hatten einen Tauschring gegründet, den es heute noch gibt. Der Tauschring in der Uckermark war eine interessante Konstruktion für eine Welt, in der das Geld knapp war: Ein Bekannter hatte neulich die Spülmaschine von Sabine und Thomas repariert, ein Sohn der beiden bekam Gitarrenunterricht, dafür arbeiteten sie immer wieder auf den Höfen der anderen mit. Dank des Tauschrings konnten die Zugezogenen hier ganz gut leben. Etwa fünfzig Menschen nahmen daran teil. Einige boten Honig und Brot an, andere Fleisch und Ziegenkäse, andere Pullover aus Filz, gehäkelte Socken, Saatgut, Obstwein, Keramik, Polnischunterricht, Reiturlaub, Lebensberatung, Bauarbeiten. "Wir haben hier eine gute Überlebenschance", sagte Thomas, Sabines Mann.

Im Tauschring bestimmten nicht Angebot und Nachfrage den Preis, es gab keinen anonymen Markt, sondern eine Ökonomie, in der man sich in die Augen schaute. Der Wert der Dinge wurde nach der dafür eingesetzten Arbeitszeit bemessen. Auf dem Etikett des Kirschmarmeladenglases, das auf dem Tisch stand, war geschrieben: "Die Herstellung dieser Ware hat mich etwa ½ Stunde meiner Lebenszeit gekostet. Sie hat demnach einen Wert von sechs Uckertalern."

Sabines und Thomas' gemeinsames Monatseinkommen lag bei etwa tausend Euro, das sie als Teilzeit-Bauarbeiter und Verkäuferin verdienten. Ohne den Euro konnte man auch hier nicht leben. Aber genau so wichtig war die Parallelwährung, der Uckertaler. Zwölf Uckertaler hatten einen Gegenwert von einer Stunde Arbeitszeit. Ein Glas Tomatensoße kostete vier Uckertaler. Es war eine komplizierte Rechnung, die dem Preis zugrunde lag, schließlich stecken Samennachzucht, Aufzucht, Umpflanzarbeit, Kompostgewinnung, Ernte und Einkochzeit in der Tomatensoße. Preisunterschiede waren zugelassen und gewollt, von der Planwirtschaft hatten die meisten Siedler auch genug. Das Modell schien nicht nur für die Uckermark interessant in einer Gesellschaft, die sich von Atomstrom und Wachstum verabschiedet.

Wasser aus dem eigenen Brunnen

Einige Dörfer weiter lebten die Selbstversorger Heike und Reiner, die eigentlich anders hießen. Auf dem Areal rund um einen Backsteinhof, den sie für fünfzig Euro im Monat von einem Großagrarier gemietet hatten, der froh war, dass der Hof nicht zerfiel, hatten sie phantasievolle Häuschen gebaut. Eines war das Badehaus aus Glas, Pflanzentriebe sprossen darin. Die Badenden hatten aus der Wanne heraus einen freien Blick in den Garten, und die Pflanzen des Gartens hatten einen freien Blick auf die Badenden. Dann gab es ein Klohaus. Es war aus Holz und Ikea-blau gestrichen. Eine weitere Laube, es war Reiners Wohnhaus, ähnelte einem Iglu. Heikes Domizil war größer, es sah aus wie eine Gartenlaube. Ein Getreidefeld umgab das Anwesen, das die beiden Paradies nannten. Im Paradies lebten Molche, Kröten, Schmetterlinge und natürlich Schlangen.

Vom Arbeitslosengeld hätten auch diese beiden unbeschwerter leben können, aber das wollten sie nicht. Sie wollten Selbstversorger sein. Reiners Geld reichte noch für Miete, Benzin und die Autoversicherung aus und die paar Sachen, die sie noch aus dem Supermarkt brauchten, er hatte vor dem Einzug ins Paradies sein Haus verkauft. Arbeit gab es das ganze Jahr lang, auch im Winter. Die Ernte dauerte bis in den November, es folgte die Verarbeitung des Saatguts. Die Arbeitssaison begann Mitte Februar wieder mit der Anzucht der Auberginen.

Ohne Zinsen geht es auch

Sein Geld, sagte Reiner, liege unverzinst auf dem Sparkonto. Denn mit Zinsen wolle er nichts zu tun haben. Darüber nachgedacht, was werde, wenn sein Erspartes aufgebraucht sei, habe er nicht. Denn er habe Gottvertrauen: "Es wird immer wieder einen Weg geben, wie wir zu Geld kommen." Er war so entspannt wie die Jogginghose, die er trug.

Das Wasser kam aus dem eigenen Brunnen. Reiner hatte dessen Qualität mit einem Pendel geprüft, das Ergebnis war positiv. Er glaubte an solche Dinge. Das klang schräg, aber ich wollte es auf dieser Reise mit Foucault halten, der meinte, dass wenn der selbsternannte Vernünftige nicht mehr mit dem Wahnsinnigen kommuniziert, er mit Sicherheit selbst schon wahnsinnig sei.

„Es girbt nirgendwo einen Hinweis darauf, dass Gott Staaten wollte"

Reiner war, wie Heike, nicht krankenversichert und hatte in seinem Leben nicht viel in die Rentenkasse eingezahlt. Das entsprach auch nicht ihrem Bild davon, was in Zukunft wichtig sei. Reiner sah die nahe Zukunft der Weltwirtschaft in Tauschökonomien, im Zeitalter nach dem Erdöl. "Interessanterweise gibt es nirgendwo einen Hinweis darauf, dass Gott Staaten wollte", erzählte Reiner beim Frühstück. In dieser Welt gäbe es wenige Autos, und die führen ohne Benzin, es gäbe auch keine Sozialhilfe, keine Entwicklungshilfe, keine Arbeitslosen, keine Staaten, sondern Gemeinschaften, so wie im Utopia der französischen Pamphletisten, die mit dem Buch "Der kommende Aufstand" gerade einige Anhänger für solch eine Welt der Kommunen fanden.

Im Garten experimentierte Reiner viel, damit diese Zukunft gelinge: Da stand ein selbstgebauter Kräutertrockenschrank, darin erwärmte sich die Luft durch die Sonne, die auf ein sich am Rücken des Schranks entlang schlängelndes schwarzes Rohr schien. Ein anderes Gerät konnte acht Liter Wasser innerhalb weniger Stunden mit Sonnenkraft auf fünfundvierzig Grad aufwärmen. Auch diese Geräte hätten zwar Hoffnung machen können für die Jahrtausende nach dem Öl und nach der Atomkraft, aber sie sahen andererseits so hölzern und wackelig aus, dass darauf kein Mut zu gründen war, denn sie funktionierten nicht im Winter, wenn sie am dringendsten benötigt wurden.

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch Vom Aussteigen und Ankommen - Besuche bei Menschen, die ein einfaches Leben wagen von Jan Grossarth, das am 26. April im Verlag Riemann erscheint.

Quelle: F.A.Z.
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