HIV-Fehlalarm

Australien muss Entwicklung der eigenen Impfung abbrechen

Von Christoph Hein, Singapur
Aktualisiert am 11.12.2020
 - 06:52
Forscher des Pharmakonzerns CSL
Forscher nutzten ein Protein, das einen „Fehlalarm“ einer HIV-Infektion auslöst. Nun greifen die Australier auf Impfstoffe von Biontech und Pfizer, Astra-Zeneca und Novavex zu.

Die australische Regierung hat die Entwicklung einer erfolgversprechenden Impfung gegen das Corona-Virus beendet. Sie wurde von Wissenschaftlern der Universität Queensland in Brisbane und dem Pharmakonzern CSL vorangetrieben. Zwar habe der Impfstoff nicht etwa eine HIV-Infektion hervorgerufen, wohl aber kam es bei einige freiwilligen Probanden nach der Impfung zu positiven HIV-Tests. Der Kurs der Aktie von CSL gab an der Börse in Sydney nach der Mitteilung fast 4 Prozent auf 291,45 Australische Dollar nach. Nach Ausbruch von Corona hatte das Papier bei 342, vor drei Jahren aber nur bei 140 Australischen Dollar notiert.

Die Regierung hatte 51 Millionen Dosen der australischen Impfung bestellt. Sie sollten drei weitere Impfstoffe aus dem Ausland ergänzen. Ministerpräsident Scott Morrison erklärte am Morgen, Australien werde nun weitere 20 Millionen Dosen des Impfstoffes von Astra-Zeneca und Oxford sowie elf Millionen zusätzliche Dosen von Novavex kaufen. Bislang hatte es geheißen, Canberra habe neben der Bestellung in Queensland auch zehn Millionen Dosen der Impfung von Biontech und Pfizer, 40 Millionen Impfungen von Novavex und 33,8 Millionen Impfungen von Astra-Zeneca und Oxford geordert. „Von den vier Impfstoffen, die wir im Voraus bestellt haben, sind zwei die mit Blick auf die Erprobungsphase 3 am weitesten fortgeschrittenen und stehen entweder kurz vor der Zulassung oder sind schon zugelassen in anderen Teilen der Welt“, sagte Brendan Murphy, der Leiter der australischen Gesundheitsbehörde.

Probleme offenbar schon länger bekannt

Die Falschangaben mit Blick auf eine HIV-Infektion waren den Forschern augenscheinlich schon länger bekannt. Sie führen nun zu Auseinandersetzungen in der Forschergemeinschaft: Nikolai Petrovsky, der mit seinem Unternehmen Vaxine im südaustralischen Adelaide an einem eigenen Impfstoff arbeitet, bemerkte öffentlich, er habe schon vor Monaten auf die Fehlmeldungen mit Blick auf HIV bei der Konkurrenz hingewiesen. „Niemand wollte das wissen“, sagte Petrovsky.

Der Impfstoff löst im Körper das Bilden von Antikörpern gegen HI-Viren aus, weil die Entwickler unter anderem das Protein gp41, das auch bei HIV vorkommt, als „Stabilisator“ nutzten. Eine Ansteckung ist dadurch nicht möglich, doch schlagen die Tests bei einigen Probanden aus. Damit blieben zwei Möglichkeiten: Die HIV-Tests umzuändern, oder aber den Impfstoff neu aufzubauen – was wohl weitere zwölf Monate gekostet hätte, die mit Blick auf Corona aber nicht zur Verfügung stehen. Petrovsky kritisierte schon länger, dass seine eigenen Forschungen, anders als die in Queensland, nicht durch Regierungskäufe gestützt würden und sprach mit Blick auf einige der bestellten Dosen „als eher dubiose Impfstoffe“.

Seit Juli wurde die Impfung aus Queensland an Freiwilligen getestet. Die Regierung entschied Mitte der Woche, die Entwicklung abzubrechen, obwohl Wissenschaftler durchaus gute Aspekte an dem Impfstoff aus Brisbane erkennen: „Unter anderen Umständen, wenn es keine Impfstoffe gäbe, die zu funktionieren scheinen, hätte die Welt wohl ein paar falsche HIV-Ergebnisse hingenommen, um zugleich immun gegen Corona zu werden“, sagte die Melbourner Epidemiologin Nancy Baxter im Fernsehsender ABC. Sie betonte noch einmal, die Spritze habe nicht etwa eine HIV-Infektion ausgelöst, sondern nur einen „Fehlalarm“ mit Blick auf eine Ansteckung geliefert – der sich über weitere Tests aufdecken ließe.

Quelle: FAZ.NET
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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