Folgen für Kinder

Die ungezählten Pandemie-Opfer

Von Christoph Hein, Singapur
26.04.2021
, 18:16
Corona-Test in Quezon-Stadt auf den Philippinen: Die Vorsorge gegen andere Krankheiten kommt zu kurz.
Weil Corona Ressourcen bindet, werden Millionen Kinder nicht mehr gegen Masern, Gelbfieber oder Polio geimpft. Länder mit schwachen Gesundheitssystemen werden die Folgen spüren.

Corona bremst die Gesundheitssysteme rund um die Welt aus. Weil sich alle Kräfte darauf konzentrieren, Leben in Zeiten der Pandemie zu schützen, ist die Abwehrkraft gegenüber anderen Krankheiten stark geschmolzen. Die Gesundheitssysteme rund um die Erde sind überlastet, es klemmt in den Lieferketten, und das Geld wird knapp. Mit Blick auf die Krankheiten jenseits von Corona warnt Henrietta Fore, Direktorin des Kinderhilfswerks Unicef: „Längere Unterbrechungen bei Schutzimpfungen haben langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder.“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte am Montag, dass besonders Länder mit schwachen Gesundheitssystemen wie im Süden Asiens oder in Afrika die Folgen der Unterbrechungen in der eigentlich alltäglichen Gesundheitsversorgung spüren würden. Unter dem Strich meldeten 90 Prozent der 135 Regierungen, die auf eine WHO-Umfrage antworteten, Unterbrechungen und Belastungen des normalen Gesundheitssystems aufgrund der Probleme mit der Pandemie. 50 Länder hätten die wichtigsten 60 Impfkampagnen ausgesetzt – damit stünden rund 230 Millionen Menschen, vor allem Kinder, vor dem Risiko, sich an Masern, Gelbfieber oder Polio anzustecken, warnt Unicef. „Wenn wir mehrfache Ausbrüche lebensbedrohlicher Krankheiten wie Masern, Gelbfieber und Diphtherie vermeiden wollen, müssen wir in allen Ländern der Welt den Schutz von Routineimpfungen sicherstellen“, fordert der Generalsekretär der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Die Kassen sind leer

Besonders bitter erscheint Unicef, dass 37 Prozent der Länder Unterbrechungen bei den Schutzimpfungen für Kinder verzeichnen. „Die Corona-Pandemie stellt die globale Gesundheit weiterhin vor ernsthafte Herausforderungen, die über die direkten Auswirkungen der Krankheit selbst hinausgehen“, sagt Unicef-Direktorin Fore. Für Kinder hätten Unterbrechungen im Impfprozess ernste Konsequenzen. Während Industrieländer wie Deutschland die Impfungen gegen Corona hochfahren, müssten sie zugleich sicherstellen, dass das nicht auf Kosten der grundlegenden Kinderschutzimpfungen geschehe.

Rund ein Drittel der vor Corona üblichen Dienstleistungen des jeweiligen Gesundheitssystems sei unterbrochen, ergab die Umfrage der WHO. Die Kassen sind leer, so dass 43 Prozent der Regierungen von Engpässen in der Gesundheitsversorgung sprechen, weil sie keine ausreichenden Mittel mehr hätten. In der Malariavorsorge fehlt es nun sogar an imprägnierten Moskitonetzen.

Die Pandemie bindet die Kräfte und Ressourcen. Insbesondere Langzeitpflege für chronisch Kranke, Rehabilitation und Palliativpflege zählen zu den Opfern, die der Kampf gegen Corona nun fordert, so dass massive Langzeitschäden drohen.

Allerdings müssen nicht alle der tiefgreifenden Folgen des Kampfes gegen Corona für die Struktur des jeweiligen Gesundheitssystems negativ sein: So beschäftigen einige Länder inzwischen mehr Menschen in dem Sektor, andere zwingen die Patienten, früher zu Hause zu bleiben, um sie dort zu versorgen. Behandlungen werden teilweise über Monate verordnet, damit die Patienten nicht weiter in die Krankenhäuser oder zu Ärzten müssen. Und der Einsatz von Telemedizin etwa über Telefon oder Computer nimmt deutlich zu.

Impfstoff und Rohstoffe für Indien

Die amerikanische Regierung hat wachsendem politischen Druck nachgegeben und lockert ihre „America first“-Impfpolitik für das besonders hart von der Pandemie betroffene Indien. Die Vereinigten Staaten bunkern bisher noch Impfdosen in zweistelliger Millionenhöhe und blockieren die Ausfuhr wichtiger Rohmaterialien für die Produktion von Impfstoffen und nötigem Zubehör.

Nun verkündete Präsident Joe Bidens Sicherheitsberater Jake Sullivan eine teilweise Lockerung der Exportbeschränkungen. Therapeutika, Schnelltests, Beatmungsgeräte und Schutzkleidung dürfen geliefert werden. In vielen großen Städten Indiens kollabiert das Gesundheitssystem angesichts des Ansturms von Corona-Kranken. Indische Unternehmen hatten sich selbst lautstark über ausbleibende Zulieferungen beschwert.

Wegen der schlimmen Lage hält Indien, die „Apotheke der Welt“, seinerseits den Exportbann für dort hergestellte Impfstoffe aufrecht. Vor diesem warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich: „Wir sind in Hinsicht auf Indien nun in einer Situation, dass wir wegen der dortigen Notlage besorgt sind, dass Arzneimittel überhaupt noch zu uns kommen.“ Deutschland und Europa hätten es „Indien erlaubt, ein so großer Pharmaproduzent zu werden – in der Annahme, dass Verträge dann auch eingehalten werden. Wenn das jetzt nicht der Fall sein sollte, müssen wir neu denken.“

Washington wendet sich auch weiter gegen die Bestrebungen Indiens und Südafrikas bei der Welthandelsorganisation, die geistigen Schutzrechte auf Impfstoffe vorübergehend aufzuheben. Die Länder wollen Generika der Impfstoffe herstellen. wvp./che.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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