Laut Pendlerstudie

Kein erhöhtes Infektionsrisiko im Nahverkehr

Von Jan Hauser
10.05.2021
, 13:33
Viele Fahrgäste meiden den Nahverkehr aus Furcht vor einer Corona-Infektion. Eine Studie hat 600 Pendler begleitet und sieht in Bus und Bahn kein höheres Risiko als im Individualverkehr.

Verkehrsbetriebe und Verkehrspolitiker sind immer dem Bild des Nahverkehrs als Corona-Gefahrenherd entgegengetreten. Jetzt haben sie auch untersuchen lassen, wie berechtigt die Ängste sind, sich während der Fahrt im Bus und Bahn mit dem Corona-Virus anzustecken. Die neue Studie wird an diesem Montag vorgestellt und kommt zu dem Schluss, dass das Infektionsrisiko im öffentlichen Nahverkehr nicht höher als im Individualverkehr ist.

Die Untersuchung entstand im Auftrag des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen VDV und einem Großteil der Bundesländer. An den Kosten von 2 Millionen Euro hat sich der VDV zu 20 Prozent beteiligt sowie die Länder Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Die Federführung liegt beim Land Baden-Württemberg, welches 230.000 Euro der Ausgaben bezahlte.

Das Ergebnis dürfte Pendler, Mitarbeiter und Politiker gleichermaßen beruhigen. Maike Schaefer (Grüne), Bremer Mobilitätssenatorin und Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, nennt die Ergebnisse eine gute Nachricht für Stammkunden und Fahrgäste, die in den vergangenen Monaten auf Bus und Bahn verzichtet haben. „Es gab viel Misstrauen gegenüber dem Nahverkehr“, sagte sie der F.A.Z. Die Studie diene dazu, zu sehen, wie sicher der öffentliche Nahverkehr ist. „Wenn man zuhause mit bekannten Menschen beim Kaffeetrinken ohne Maske drinnen zusammensitzt, geht man ein höheres Infektionsrisiko ein, als wenn man mit Fremden in der Bahn fährt.“

Das Berliner Forschungsinstitut Charité Research Organisation (CRO) hat seit Februar fünf Wochen lang 681 freiwillige Teilnehmer begleitet, die zwischen 16 und 65 Jahre alt sind und sich im Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) rund um Frankfurt bewegt haben. Die Teilnehmer wurden gleichmäßig in eine Gruppe für den öffentlichen Nahverkehr und eine Gruppe für den Individualverkehr aufgeteilt, um deren alltägliche Fahrt von 15 bis 30 Minuten (einfache Fahrt) zur Arbeit, Ausbildung oder Schule zu verfolgen. Während des Untersuchungszeitraumes lag die Auslastung der RMV-Fahrzeuge im Tagesmittelwert bei etwa 47 Prozent.

Kein erhöhtes Infektionsrisiko

Zu Beginn und am Ende der Studie sind die Teilnehmer durch PCR-Testung (akute Infektion) oder Antikörpertestung (überstandene Infektion) medizinisch untersucht worden. Dabei fand das Forschungsinstitut keinen Unterschied im Hinblick auf ein mögliches erhöhtes Infektionsrisiko bei der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs im Vergleich mit dem Individualverkehr. Regelmäßige Fahrten in Bussen und Bahnen führte demnach nicht zu einer höheren Ansteckungsgefahr. Die Studie begann nach einem positiven Votum der Ethikkommission der Berliner Ärztekammer. Ein solcher Ansatz soll im Rahmen von Covid-Untersuchungen im Mobilitätssektor bislang einzigartig sein. Die Teilnehmer führten auch ein digitales Tagebuch, über das zusätzlich zum Mobilitätsverhalten Kontakte, Erkältungssymptome oder die Einhaltung von Hygieneregeln im Nahverkehr festgehalten wurden.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann erwartet angesichts des Studienergebnisses, dass die Menschen wieder mit einem besseren Gefühl und auf einer gesicherten Faktengrundlage in Bus und Bahn einsteigen können. „Der öffentliche Nahverkehr ist keine Virenschleuder und keine Gefahr“, sagte er der F.A.Z.

Hermann sieht nun wissenschaftliche Klarheit, dass die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel im Verhältnis zu anderen Verkehrsmitteln nicht mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko verbunden ist. Diese diffuse Sorge habe dazu beigetragen, dass die Fahrgastzahlen teilweise deutlich eingebrochen sind und mittlerweile sogar Stammkunden ihre Abos kündigen. „Wer im öffentlichen Nahverkehr unterwegs war, hat kein höheres Risiko.“ Er spricht mit Bezug auf die Studie davon, dass die Einhaltung der Hygieneregeln, häufige Reinigung und Lüftung der Fahrzeuge einerseits sowie Abstand halten und Maske tragen andererseits wirkungsvolle Mittel zum Infektionsschutz seien.

Seit Beginn der Corona-Pandemie fahren weniger Menschen als früher mit Bus und Bahn. Einerseits ist die Mobilität insgesamt zurückgegangen, weil Geschäfte, Kitas und Schulen teilweise geschlossen sind und mehr Menschen von zuhause aus arbeiten. Andererseits meiden Passagiere auch den Nahverkehr, wenn sie es können, weil sie eine Ansteckung mit dem Coronavirus fürchten. Dabei kommt es für die ausgerufene Mobilitätswende gerade darauf an, dass mehr Menschen vom Auto auf die Bahn und den Bus umsteigen. Vor den Folgen warnt die Bremer Ministerin Schaefer. „Wir brauchen die Mobilitätswende, um die verschärften Klimaziele 2030 zu erreichen“, sagte sie.

Schaefer berichtet davon, wie viel sich mit der Corona-Pandemie im Nahverkehr verändert hat. In Bremen wurden nachgefragte Linien verstärkt, die Reinigungsintervalle erhöht, Türen automatisch geöffnet, mehr Fahrzeuge beschafft, die Maskenpflicht eingeführt und kontrolliert. „Die Conona-Pandemie ist ein Lernprozess und im Nahverkehr ist ständig nachgebessert worden“, sagte sie. Der Nahverkehr habe seine Leistung in der Pandemie erbracht, aber Lockdown, Homeschooling und Homeoffice hätten die Fahrgastzahlen einbrechen lassen. „Wir sehen das an den Fahrgastzahlen, die dramatisch eingebrochen sind, aber auch an Stammgästen, die ihre Fahrkarten kündigen.“

Milliarden für Bus und Bahn

Die Aussichten für den Nahverkehr sind trüb und spiegeln sich auch in den Finanzen der Nahverkehrsbetriebe wider, die in der Regel ohnehin auf Subventionen der öffentlichen Hand angewiesen sind. Mit der Pause vieler Fahrgäste durch Homeoffice und geschlossene Geschäfte fehlt den kommunalen Unternehmen viel Geld. Das macht sie abhängiger von staatlicher Hilfe. Die Nahverkehrsbetriebe haben im vergangenen Jahr rund 3,3 Milliarden Euro Mindereinnahmen verzeichnet und werden nach der Prognose in diesem Jahr auf 3,6 Milliarden Euro weniger kommen.

Im vergangenen Jahr haben Milliardenzahlungen von Bund und Ländern das Defizit weitgehend ausgeglichen. Gerade spannen die Verkehrsminister einen zweiten Rettungsschirm für den öffentlichen Nahverkehr, um für dieses Jahr zu helfen. „Es ist erfreulich und notwendig, dass auch die Bundesregierung die Hälfte des Rettungsschirms für den Nahverkehr zahlt„, sagte Schaefer. Weiterhin geben die Länder Geld an die Nahverkehrsbetriebe, um die Mindereinnahmen auszugleichen und den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Die Bremer Ministerin erwartet nicht, dass die Nahverkehr so weitermachen kann wie zuvor. „Wir müssen auch künftig den Nahverkehr robuster aufstellen und mit mehr Fahrzeugen und höheren Takten dafür sorgen, dass sich Fahrgäste nicht in Bussen und Bahnen drängen“, sagt sie. In Bremen haben sie mehr Fahrzeuge gekauft. Nach der Corona-Pandemie wird auch der Nahverkehr anders sein als vorher.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hauser, Jan
Jan Hauser
Redakteur in der Wirtschaft.
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