Ausrichtung auf E-Mobilität

Daimler baut acht Giga-Batteriefabriken

Von Susanne Preuß, Stuttgart
22.07.2021
, 14:57
Karosserien für die vollelektrische Luxuslimousine EQS im Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen
Daimler gibt Gas beim Ausbau der Elektromobilität. Das Unternehmen will nun doch in die Produktion von Batteriezellen einsteigen. Und auch zum Verbrennungsmotor gibt es eine Ansage.

Daimler beschleunigt den Umbau seiner Autosparte zu einem voll auf Elektromobilität ausgerichteten Anbieter. Gerade im Luxus-Segment, wo Mercedes-Benz zuhause sei, gewinne die Transformation an Fahrt, sagte Daimler-Vorstandschef Ola Källenius, als er am Donnerstag sein Strategie-Update vorstellte. Von „Electric first“ steuere man jetzt um auf „Electric only“.

Seine Präsentation startete der seit gut zwei Jahren amtierende Daimler-Chef mit einer emotionalen Videoszene von einem verschneiten Elektro-Mercedes, aufgenommen in Källenius‘ schwedischer Heimat – verbunden mit dem Wunsch, dass solche Szenen in Frost und Eis auch in der Zukunft erlebbar sein müssten. „Die ganze Welt ist aufgewacht. Wir müssen alle unser Verhalten ändern in Richtung einer CO-neutralen Welt“, sagte Källenius später in einer Telefonkonferenz mit Journalisten mit Blick auf die neuen Klimaregeln der EU, die vorsehen, dass ab 2035 praktisch keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr neu zugelassen werden.

Ein klares Enddatum für den Verbrenner-Motor von Mercedes nannte Källenius im Gegensatz zu anderen Automanagern nicht. „Wir werden bereit sein, wenn die Märkte bis zum Ende des Jahrzehnts vollständig auf Elektroautos umstellen“, versprach er aber. Eindringlich mahnte der Daimler-Chef, gleichzeitig müsse auch seitens der Politik alles dafür getan werden, die Infrastruktur für die Elektromobilität aufzubauen und auch CO2-neutralen Strom zur Verfügung zu stellen.

Harte Einschnitte angekündigt

Allein Mercedes-Benz wird in dieser Dekade 40 Milliarden Euro an Investitionen für den Weg ins Elektrozeitalter schultern, erklärte Finanzvorstand Harald Wilhelm. Gleichzeitig sollen die Ausgaben für konventionelle Technik bis zum Jahr 2026 um 80 Prozent sinken. Trotz dieser Kraftanstrengung halte man an den bisherigen Rendite-Versprechen fest, betonte Wilhelm mit Blick auf die Investoren. Im vorigen Herbst war als Ziel ausgegeben worden, in „normalen Zeiten“ eine Marge im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich zu erwirtschaften (operative Umsatzrendite) und in guten Zeiten sogar eine zweistellige Marge, obwohl Elektroautos zunächst nicht so gewinnbringend sein könnten. Dazu sollen die Fixkosten deutlich gesenkt werden.

Die Transformation werde nicht ohne harte Einschnitte im Personalbereich klappen, erklärte Sabine Kohleisen, Personalvorständin von Mercedes, aber sie versprach, man werde faire Lösungen finden. Die Maßnahmen seien mit dem Betriebsrat schon im vorigen Jahr abgesprochen worden. Mehr als 20 000 Mitarbeiter seien schon im vorigen Jahr auf Tätigkeiten in der Welt der Elektromobilität geschult worden.

Auch Maybach und G-Klasse elektrisch

Wilhelm betonte, dass die jetzt bestätigten Rendite-Prognosen noch unter der Annahme gemacht worden seien, dass bis zum Jahr 2025 der Anteil der elektrisch angetriebenen Autos (einschließlich Plug-in-Hybrid) einen Anteil von 25 Prozent erreichen soll. Diese Quote liegt jetzt doppelt so hoch. Um die Innovation intern schnell voranzutreiben, will Mercedes schon im nächsten Jahr ein Auto mit dem Namen EQXX vorstellen, das eine Reichweite von mehr als 1000 Kilometern hat und einen einstelligen Verbrauchswert für Kilowattstunden pro 100 Kilometer erreicht, „und zwar in Autobahn-Geschwindigkeit“, wie Källenius sagte.

Die Entwicklungen aus diesem Konzeptauto sollen in die neuen Plattformen einfließen, die vom Jahr 2025 an nur noch rein elektrisch sein sollen. Mercedes-Vorständin Britta Seeger kündigte drei Fahrzeugarchitekturen an, eine für mittlere und große Autos, eine für Vans und eine für Hochleistungsfahrzeuge wie AMG – ein großer Schritt für diesen Teil der Autowelt, wie Seeger einräumte. Auch Maybach und die G-Klasse sollen eine elektrische Zukunft haben.

Die Verwendung sogenannter Synfuels als CO2-armer oder CO2-neutraler Sprit plane Mercedes nicht, sagte Ola Källenius auf Nachfrage. Er sehe eine Entwicklung solcher Treibstoffe aber als wertvoll an, weil man sie etwa für den Fahrzeugbestand mit Verbrennermotoren und für andere Anwendungen wie in der Luftfahrt brauchen könne.

Zu den großen Investitionsvorhaben gehört auch eine eigene Batterie-Zellfertigung. Geplant seien acht Gigafabriken mit Kapazitäten von insgesamt mehr als 200 Gigawattstunden, berichtete Källenius. Vier davon sollen in Europa entstehen, teilweise in Partnerschaften, über die offenbar noch nicht abschließend verhandelt ist, eine in Amerika, wo Mercedes-Benz Geländewagen und Vans montiert, die übrigen drei in Asien.

Das ist eine deutliche Änderung der Strategie. Zwar hatte Daimler sich schon im Jahr 2008 mit Evonik zusammengefunden und eine Batteriezellfabrik in Kamenz gebaut. Die Zellen wurden vor allem für die früh schon elektrisierten Smart-Autos verwendet, aber betriebswirtschaftlich erschien das Projekt als Flop. Auch fand Daimler keinen neuen Partner, als Evonik aussteigen wollte, und schließlich griff man – wie die anderen europäischen Autohersteller auch – auf Batteriezellen von den klassischen Lieferanten zurück. Zellen seien ein austauschbares Massenprodukt, lautete zuletzt die Argumentation des langjährigen Daimler-Vorstandschefs Dieter Zetsche.

Unter der Führung von Ola Källenius wurde immer deutlicher betont, dass man auch die Technologie der Zelle verstehen wolle, um Produkte anbieten zu können, die besser sind als andere. Dabei geht es um Energiedichte, Ladetempo, Sicherheit, Reichweite, Lebensdauer, Wiederverwertbarkeit und weitere Eigenschaften, die für die Qualität des Autos relevant sind. Die eigene Entwicklung und Produktion von Zellen und Modulen für Batterien zusammen mit Partnern werde dazu beitragen, dass „Europa auch im Elektrozeitalter ein Zentrum der Autoindustrie bleibt“, sagte Källenius.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Preuss, Susanne
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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