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Lungenärzte wehren sich im Streit um Stickoxid-Grenzwerte

Von Patrick Bernau
16.02.2019
, 17:57
Viel Verkehr wenig frische Luft zum Atmen. Doch wie gesundheitsgefährdend ist es, an einer vielbefahrenen Straße zu leben? Bild: dpa
Die Grenzwerte für Diesel-Abgase sind nicht richtig, sagt der Lungenarzt Dieter Köhler. Doch er hat sich verrechnet. Jetzt kontert der Mediziner. Und auch seine Unterstützer bleiben ihm treu – sie feilen an einer gemeinsamen Erklärung.
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Wer einmal falsch rechnet, dem glaubt man nicht? Nein, Rechenfehler ändern überhaupt nichts, zumindest nicht wenn es den Deutschen um ihre Autos geht. Zwei Wochen lang haben Befürworter und Gegner des Diesels über eine Stellungnahme zu Stickoxid-Grenzwerten (NOx) gestritten, die mehr als 100 Lungenärzte unterschrieben hatten, angeführt von dem Lungenarzt Dieter Köhler und drei Ko-Autoren. Ihre Kernaussage: Die Grenzwerte für das Diesel-Abgas Stickoxid und für Feinstaub seien nicht ausreichend wissenschaftlich begründet. Am Donnerstag rechnete die „Tageszeitung“ vor, dass in der Stellungnahme ein Fehler war: Köhler verglich die Feinstaub-Belastung an Hauptverkehrsstraßen mit der von Rauchern, dabei habe er allerdings die Belastung von Rauchern falsch eingeschätzt, weil er eine EU-Verordnung von 2004 ignoriert habe. Zudem habe er 2018 in einer Rechnung für das „Deutsche Ärzteblatt“ die Stickoxid-Belastungen von Rauchern überschätzt – auch die Ergebnisse dieser Rechnung seien in der Stellungnahme aufgetaucht.

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Bemerkenswert ist, dass dieser Aufruf zwar große Fans und empörte Gegner hatte, der Rechenfehler trotzdem zwei Wochen lang unbeachtet blieb. Offenbar drehte sich die Debatte weniger um die inhaltlichen Argumente der Stellungnahme und mehr darum, ob Köhler und seine Kollegen zu diesem Thema überhaupt etwas sagen dürfen.

Der Rechenfehler ändert nichts an den Fronten

Köhler ist nicht der erste, dem Rechenfehler vorgeworfen werden. Der Ökonom Kenneth Rogoff machte einst Furore mit der These, Staatsverschuldungen über 90 Prozent der Wirtschaftsleistung seien gefährlich. Ein Student wies ihm einen Excel-Fehler nach, reicherte das mit einiger Weltanschauung an und vermittelte so den Eindruck, Rogoffs Schlussfolgerung wäre falsch. Danach tauchte Rogoffs Stimme in der politischen Diskussion deutlich seltener auf. Thomas Piketty, der mit Thesen von strukturell wachsender Ungleichheit Furore machte, hatte gleich mehrfach mit Vorwürfen zu kämpfen, er habe sich verrechnet oder Daten falsch interpretiert. Seine Fans aber ließen sich von diesen Vorwürfen nicht beirren. Derzeit sieht es so aus, als würde es Köhler eher so gehen wie Thomas Piketty.

Die Frontlinien haben sich seit der Enttarnung des Rechenfehlers nicht verändert. Wer Köhlers Stellungnahme vorher schon mochte, lässt sich auch jetzt nicht abbringen. „Die von Professor Köhler und anderen Experten angestoßene Debatte über die Verhältnismäßigkeit der Grenzwerte bleibt im Kern sinnvoll und berechtigt. Noch wichtiger als der Grenzwert sind auch die fragwürdigen, uneinheitlichen Messverfahren und Modellrechnungen“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Oliver Luksic.

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Wer mit Köhlers Stellungnahme vorher schon nicht mochte, spottete hinterher über den Rechenfehler. Die Grünen machten sich zum Anstifter einer Meuterei. Nach F.A.S.-Informationen schickte der grüne Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar eine Mail an alle Unterzeichner des Köhler-Aufrufs– darin die Frage, ob sie jetzt ihre Unterschrift zurückzögen. Bisher allerdings hatte er damit offenbar keinen Erfolg. Bis Samstagnachmittag hatte sich niemand gemeldet, der seine Meinung ändert.

Die Initiatoren feilen an einer Stellungnahme, die am Sonntag veröffentlicht werden soll. Darin heißt es: „Die medizinischen Aussagen zur gesundheitlichen Relevanz der geltenden Grenzwerte bleiben für die Autoren unverändert. Die Zahl der Unterzeichner hat sich seit der ursprünglichen Stellungnahme erhöht.“

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So klingen auch die Unterzeichner. „Ich habe nicht unterschrieben, um damit alle Rechnungen als richtig zu bestätigen, sondern um die Hauptaussage zu unterstützen, dass nämlich die NO2-Grenzwerte nicht wissenschaftlich begründet sind“, sagt Horst Olschewski, der an der Universität Graz die Abteilung für Lungenmedizin leitet. Tatsächlich ist der Grenzwert für eine langfristige niedrige Belastung mit Stickoxiden, der gerade in vielen Städten zu Fahrverboten führt, sehr umstritten. Die Befürworter scharfer Grenzwerte betonen zwar häufig, dass „Luftverschmutzung“ Menschen krank macht – aber meinen damit vor allem den Feinstaub. Gerne spielen sie herunter, dass die Beweislage in Sachen Stickoxid deutlich weniger klar ist.

Wie schädlich sind Stickoxide?

Sicher ist nur, dass Menschen an Hauptverkehrsstraßen häufiger krank werden. Ob das am NO2 liegt, ist nicht sicher. Je nach Krankheitsbild verursache die langfristige NO2-Belastung die Krankheiten höchstens „wahrscheinlich“, wie die zuständigen Behörden in Kanada und den Vereinigten Staaten resümieren, für die meisten Krankheitsbilder gilt das sogar nur als „naheliegend“. In einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt es: „Die Evidenz ist begrenzt“.

Umstritten ist, ob es andere Luftschadstoffe sind, die Menschen krank machen – dann wären andere Ideen nötig als ein Diesel-Fahrverbot. Möglicherweise ziehen aber auch Leute, die gut auf ihre Gesundheit achten und beispielsweise ihre Medikamente regelmäßig nehmen, von vornherein nicht an Hauptverkehrsstraßen. Stickoxide jedenfalls, darauf verweist der Experte für Kinder-Lungenheilkunde Hermann Lindemann, kämen in menschlichen Körperzellen sowieso vor. Ob das reicht, zehntausenden Dieselfahrern die Fahrt durch die Stadt zu verbieten, zumal wenn bald sowieso viel sauberere Diesel auf die Straßen kommen, darum geht der Streit.

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Lungenärzte spielen Rechenfehler herunter

Die Lungenärzte spielen jetzt auch den Rechenfehler herunter. In ihrem ursprünglichen Papier hatte es geheißen, Raucher erreichten in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben einatmen würde. In ihrer neuen Pressemitteilung schreiben sie: „Die detaillierte Rechnung führt nun zu 2,1 Monaten.“ Und: „Mit dieser Rechnung werden nicht nur die Aussagen der Stellungnahme in vollem Umfang bestätigt, sondern auch der konservative Charakter des ursprünglichen Vergleichs unterstrichen.“ Zigarettenrauchen könne nach wie vor als Experiment zur Toxizität des Feinstaubs angesehen werden. Diesem Schluss halten allerdings andere Wissenschaftler entgegen, dass der Körper beim Rauchen immer wieder Ruhepausen bekomme.

Die Rechnung, die die „Tageszeitung“ über NOx angestellt habe, sei unsinnig: „Da NOx als Gas im Organismus als Naturstoff in den Stickstoffkreislauf eingebunden wird, ist die Berechnung einer kumulativen Dosis, wie von der TAZ ausgeführt, unsinnig.“ Eine Korrektur der ursprünglichen Stellungnahme sei nicht nötig. Allerdings hatten die Lungenärzte in ihrem ersten Papier die NOx-Belastung selbst aufsummiert.

„Auch die wiederholt geäußerte Behauptung, dass die Autoren durch die Automobilindustrie korrumpiert seien, entbehrt jeglicher Grundlage und wird mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen“, schreiben die Autoren in ihrem neuen Papier. „Vielmehr wurde bereits in der ursprünglichen Stellungnahme explizit Kritik geübt, dass die Manipulationen von Teilen der Autoindustrie bezüglich des Schadstoffausstoßes unentschuldbar sind.“

Quelle: F.A.S.
Patrick Bernau
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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