Mehr Geld für Start-up

Digitale Spedition Sennder wird zum Einhorn

Von Hanno Mußler
14.01.2021
, 07:31
Sennder erhält von Investoren weitere 160 Millionen Dollar. Damit will die Logistik-Plattform die Anreize für Spediteure erhöhen – und die Partnerschaft mit Uber mit Leben erfüllen.

Das Berliner Start-up Sennder steigt nach einer neuen Finanzierungsrunde in den illustren Kreis der Einhörner auf – so nennt man Unternehmen mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Dollar. Von Investoren erhält die digitale Speditionsplattform weitere 160 Millionen Dollar, davon kommt die Hälfte von einem bisher nicht investierten neuen Wagniskapitalfinanzier, der anonym bleiben wolle, wie Co-Gründer David Nothacker im Gespräch mit der F.A.Z. sagte. Da alle bisherigen Investoren wie Scania, Accel, Lakestar, HV Holtzbrinck und Project A sich auch an der neuen Finanzierungsrunde („Series D“) beteiligen wollten, sei mehr Geld zusammen gekommen als ursprünglich geplant.

Nothacker hat 2015 mit zwei früheren Kollegen von der Unternehmensberatung Roland Berger Sennder gegründet. Unterstützt vom Lastwagenhersteller Scania und dem Industriekonzern Siemens haben sich die Sennder-Gründer zum Ziel gesetzt, die Routen für Lastwagentransporte in Europa zu optimieren und Leertransporte zu verringern wenn nicht sogar auszuschließen. Sennder hat selbst keine Lastwagen und beschäftigt keine Lastwagenfahrer.

Es handelt sich bei Sennder vielmehr um eine Technologieplattform, die gewerbliche Verlader, darunter nach eigenen Angaben mehr als die Hälfte aller 30 Dax-Unternehmen, mit Tausenden oft mittelständischen Spediteuren zusammen bringt. Spediteure können sich auf der Plattform registrieren und erhalten dort Aufträge. Das Start-up schließt für die Vermittlung sowohl mit der Spedition wie auch mit dem Verlader einen Vertrag. Im Jahr 2021 plant Sennder, mehr als eine Million LKW-Ladungen von mehr als 10.000 mit der Plattform vernetzten Lastwagen abzuwickeln.

Spediteure mit digitalem Nachholbedarf

Das neue Geld der Investoren will Nothacker in die Technologieentwicklung, aber auch in die Schulung der Spediteure stecken. Die derzeit 200 Personen starke Mitarbeitermannschaft des Technologieteams solle erweitert werden, um Automatisierung und Digitalisierung des Straßengüterverkehrs zu beschleunigen. Dafür müssten auch die Spediteure geschult werden. Die Digitalisierung der Spediteure – etwa ihren Umstieg von Excel Sheets zum digitalen Laden der Dokumente auf der Plattform – will er zulasten des Geschäftsergebnisses von Sennder belohnen, indem die Spediteure schneller ihre Rechnungen bezahlt bekommen, wenn sie weitgehend auf der Plattform agieren. Außerdem will die Logistik-Plattform ihren Industriekunden bei der Suche nach „grünen Transporten“, etwa nach besonders CO2-sparsamen Lastwagen, Lösungen bieten.

Im September 2020 war Sennder schon mit dem Kauf des Frachtgeschäfts des amerikanischen Fahrdienstes Uber aufgefallen. Das Berliner Start-up zahlte mit eigenen Aktien, seither ist Uber Freight an dem Unternehmen beteiligt und es besteht eine strategische Partnerschaft, die beide Unternehmen von diesem Jahr an mit Leben erfüllen wollen. Sennder mit seinem Straßenfrachtgeschäft in Europa und Uber mit seinem Frachtgeschäft in Nordamerika wollen etwa gemeinsam Schnittstellen (APIs) definieren und so technische Standards setzen, an denen sich Spediteure orientieren, um sich an die Plattform anzudocken.

Börsengang als Ziel

Sennders Konkurrenten wie Cargo One, Forto (vormals Freighthub) und Cargonexx könnten so ein Stück weit abgehängt werden. Auch im Wettbewerb mit den großen Logistikern DB Schenker und Kühne + Nagel sieht Sennder-Gründer Notacker sein Unternehmen gut aufgestellt, auch wenn Branchenkenner die Position der Platzhirsche durch digitale Speditionen noch nicht in Gefahr sehen.

Im September soll Sennder dem Vernehmen nach erst mit rund 900 Millionen Dollar bewertet worden sein. Durch die neue Finanzierungsrunde von 160 Millionen Dollar – insgesamt erhielt das Unternehmen von Investoren bisher 260 Millionen Dollar – steigt Sennders Unternehmenswert nun anscheinend auf mehr als 1,3 Milliarden Dollar (1,1 Milliarden Euro). Damit dürfte diese Plattform zum Dutzend der wertvollsten deutschen Start-ups gehören.

Genaue Zahlen über sein eigenes Geschäft nennt Sennder kaum. Neben Deutschland mit dem Hauptsitz Berlin und in Amsterdam, wo Uber Freight seinen Firmensitz hat, verfügt Sennder auch über ein starkes Italien-Geschäft. Dank eines Gemeinschaftsunternehmens mit der italienischen Post werden nach Angaben von Nothacker fast alle Pakete und Briefe in Italien mit Hilfe von Sennder Italia transportiert. Dieses Geschäfte bringe Sennder allein 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Wie viel Sennder insgesamt im Jahr erlöst, verrät der Gründer nicht. Wohl aber seine Ziele: Bis 2023 soll Sennder eine Milliarde Euro Umsatz machen, 2024 die Gewinnschwelle überschreiten und 2025 die 2 Milliarden-Euro-Umsatzgrenze durchstoßen. Zwischen 2023 und 2025 hält Nothacker einen Börsengang von Sennder für möglich.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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