Bahntechnikkonzern Vossloh

In jeder Krise gibt es Gewinner

Von Jonas Jansen, Düsseldorf
29.07.2021
, 15:05
Raue Gleise: Sensible Weichen müssen regelmäßig überprüft und geschliffen werden.
Der Bahninfrastrukturkonzern Vossloh ging durch eine lange Restrukturierung. Nun profitiert er nicht nur von Investitionen in mehr Nachhaltigkeit und der Erholung in China – auch das Reparieren der Flutschäden wird dem Unternehmen Gewinn bringen.

In jeder Krise gibt es auch Gewinner, die Hochwasserkatastrophe macht da keine Ausnahme. Die Deutsche Bahn schätzt die Schäden durch die Flut vorerst auf 1,3 Milliarden Euro – und diese zerstörte Infrastruktur muss möglichst bald wiederhergestellt werden. Ins Spiel kommen dann nicht nur Brückenbauer und Transportunternehmen, sondern auch Bahninfrastrukturkonzerne wie Vossloh aus Werdohl im Sauerland. „Was die Flutschäden in Deutschland angeht, werden wir ganz sicher – auch wenn mir das angesichts der Katastrophe schwer über die Lippen geht – irgendwann davon profitieren“, sagt dessen Vorstandsvorsitzender Oliver Schuster.

Das Unternehmen hat seinen Sitz in einem Ort, der selbst stark vom Hochwasser betroffen war, als der Fluss Lenne über die Ufer getreten ist. Vossloh hat dort gerade in eine brandneue Fabrik 40 Millionen Euro investiert – und hat selbst Glück gehabt, dass keine großen Schäden entstanden sind.

Lange Jahre herrschte in der Fabrik, in der die Unternehmensgeschichte 1888 ihren Anfang genommen hatte, ein ziemlicher Investitionsstau. Die Historie lag also nicht nur in der Fabrik, sondern auch in der Sub­stanz. Vossloh hatte sich in seinen verschiedenen Geschäftsbereichen verzettelt, vor allem die Produktion von Lokomotiven verschlang viel Geld, das woanders fehlte. Die Restrukturierung, bei der Vossloh nicht nur Unternehmensteile wie das Lokomotivengeschäft verkaufte, sondern auch gut 7 Prozent seiner Stellen abbaute, wurde 2019 abgeschlossen.

Der Umsatz soll jetzt zwischen 900 und 950 Millionen liegen

Seitdem weht wieder Zuversicht durch die Hallen. „Immer zu sparen und zu restrukturieren wirkte sich auch auf die Moral aus. Die Kollegen tauschen sich auch aus, das macht schlechte Stimmung“, sagt Schuster. „Das ist heute anders, inzwischen eilt Vossloh von einem Rekord zum nächsten.“

Der Vorstandsvorsitzende von Vossloh, Oliver Schuster
Der Vorstandsvorsitzende von Vossloh, Oliver Schuster Bild: Vossloh

Gerade hat Schuster, der das Unternehmen seit Oktober 2019 führt und vorher für die Finanzen zuständig war, die Prognose für das Jahr erhöht. Der Umsatz soll zwischen 900 und 950 Millionen liegen, zuvor war er noch von einem Korridor zwischen 850 und 925 Millionen Euro ausgegangen. Die Erlöse im ersten Halbjahr lagen mit 462,6 Millionen Euro fast 18 Prozent über dem Wert des Vorjahres von 393,2 Millionen.

Auch wenn die deutlich gestiegenen Materialpreise vor allem im zweiten Halbjahr auf das Ergebnis drücken werden, weshalb Vossloh die Ebit-Marge weiterhin zwischen 7 und 8 Prozent erwartet, ist Schuster mit der Profitabilität des Geschäfts sehr zufrieden. „Wir haben durch das Restrukturierungsprogramm unsere Wettbewerbsfähigkeit dramatisch erhöht. Das zahlt sich aus.“

Vossloh profitiert von einer erhöhten Bautätigkeit im Schienenverkehr

Die neue Fabrik soll dabei einen wichtigen Beitrag leisten, dort stellt Vossloh nämlich inzwischen viel mehr selbst her, was früher eingekauft wurde. Bestimmte Kunststoffe werden dort entwickelt, die Schrauben kommen auch aus eigener Produktion aus einem anderen Werk. „Wir holen uns vermehrt die Margen, die Vorlieferanten gemacht haben, ins eigene Haus und sind damit deutlich schlagkräftiger als in der Vergangenheit“, sagt Schuster.

Rund 40 Millionen Spannklemmen im Jahr werden in Werdohl produziert. Mit seinen Befestigungen für Schienen war Vossloh früher mal ein Monopolist und wurde dann im Wettbewerb zurückgedrängt. Mit einem Großauftrag für die Deutsche Bahn haben sich die Sauerländer wieder als Marktführer in dem Bereich etabliert. „Durch den Produktionskostenvorteil waren wir viel wettbewerbsfähiger in Deutschland. Das wäre ohne die Investition in die Leitfabrik nicht möglich gewesen“, sagt Schuster.

Auch wenn wegen der Corona-Krise viele Staatsbahnen etwas zögerlich sind, was die Instandhaltung der Infrastruktur anbelangt – das ist etwa in Frankreich und Deutschland so –, profitiert Vossloh generell von einer erhöhten Bautätigkeit im Schienenverkehr. „Das Interesse an unseren Produkten ist momentan extrem hoch, weil wir in einem nie da gewesenen Maße Investitionsförderprogramme sehen“, sagt Schuster. „Die kommen zum einen aus Nachhaltigkeitsgründen und zum anderen aus dem Ziel, die Wirtschaft nach Corona wieder anzukurbeln.“

Im abgelaufenen Halbjahr kamen die Impulse vor allem aus China, wo das Geschäft nach der Corona-Pandemie wieder anzieht. Die Schienenbefestigungssysteme, die Vossloh in seiner Fabrik nahe Schanghai in einem Gemeinschaftsunternehmen herstellt, werden vor allem am Ende eines Projekts gebraucht. „Das Besondere in China ist die außerordentlich gute Profitabilität, wir sind dort aktuell vor allem im attraktiven Hochgeschwindigkeitssegment tätig. Der Kunde möchte, dass wir ihm die beste aller denkbaren Qualitäten liefern, und ist bereit, dafür gutes Geld zu bezahlen“, sagt Schuster.

Kooperationen mit chinesischen Konzernen

Ein schweres Zugunglück vor zehn Jahren hat die Sichtweise darauf verändert, was die Schieneninfrastruktur leisten muss. Neben dem Hochgeschwindigkeitsgeschäft hat Vossloh aber erst kürzlich ein zweites Gemeinschaftsunternehmen mit einem privaten chinesischen Konzern gegründet, das sich auf den Nahverkehr fokussiert hat. „Das wird etwas Zeit in Anspruch nehmen, bis man da Fuß fasst, aber wir werden das erreichen“, ist Schuster überzeugt.

Durch die Kooperation erhofft sich der Vossloh-Chef auch Impulse für andere Geschäftsbereiche. So hat Vossloh bislang nur Spannklemmen hergestellt, die kalt gebogen werden bei Raumtemperatur. Der neue Partner hat aber auch die Technik, dickere Stahlstäbe warm zu biegen. „Vossloh hat jahrzehntelang nur die eine Hälfte des Weltmarktes bedient, nun hat sich unser potentielles Marktvolumen für Schienenbefestigungssysteme mal eben verdoppelt.“ Aus dem Werk in China liefert Vossloh deshalb jetzt auch an Kunden aus den Vereinigten Staaten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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