FAZ plus ArtikelVerkehr in der Großstadt

Jeder gegen jeden

Von Anna-Lena Niemann, Tim Niendorf, Sarah Obertreis, Tobias Schrörs, Kai Spanke, Theresa Weiß
02.08.2019
, 06:13
Morgendlicher Stau im Frankfurter Nordend.
Auf Frankfurts Straßen ist es eng. Und kaum ein Verkehrsteilnehmer hat diejenigen im Blick, die sich anders fortbewegen. Es droht der Verkehrskollaps. Sechs Perspektiven.

Mitten in der morgendlichen Rushhour trennt sich ein mit Heizöl beladener Sattelanhänger von seiner Zugmaschine und kippt um. Die Fracht läuft aus, die Straße wird gesperrt. Gut anderthalb Stunden nach dem Unfall bildet sich ein Stau von mehreren Kilometern. Der Anhänger kann erst geborgen werden, nachdem die Feuerwehr das Heizöl abgepumpt hat. Die Polizei richtet Umleitungen ein und rät dazu, das Gebiet weiträumig zu umfahren. Ende der Sperrung: vorerst nicht in Sicht. Schauplatz: A44. Im Radio wird alle dreißig Minuten ein Update zur Entwicklung der Lage durchgegeben, was bei den chaoserprobten Frankfurter Autofahrern eine Art Phantomschmerz auslösen dürfte. Denn hier, wo mehr als 380000 Kraftfahrzeuge die Straßen verstopfen, wo also 540 Autos auf 1000 Einwohner kommen, wo das Kopfschütteln die wichtigste nonverbale Kommunikationsform überhaupt ist, herrscht in den Sommerferien eine fast bizarre Ruhe.

Normalerweise läuft es auf Frankfurts Straßen etwa so: erst der Stau, dann das Hupkonzert und nebenbei noch massenweise Kohlendioxid, das an den Ampeln Richtung Hauptbahnhof in den Himmel steigt. Radfahrer ziehen an dem Blechgeschwader vorbei und quetschen sich durch kleine Schlupflöcher, um noch eine Ampel mitzunehmen – oder überfahren sie einfach, nachdem sie auf Rot gesprungen ist. Radwege enden unvermittelt auf einem Bürgersteig oder der Autospur. Kraftfahrer müssen hinter den Zweirädern herzuckeln. Auf dem Gehweg bedrängen elektrische Tretroller die Fußgänger, auf Fahrradtrassen versperren sie Radlern den Weg. An einer Kreuzung im Wohngebiet wird ein Radfahrer fast von einem Auto umgenietet, das ihm die Vorfahrt nimmt. Daneben eine Mutter, die mitten auf der Straße stehen bleibt, weil sie den Schnuller im Mund des Nachwuchses neu ausrichtet, und ein Transporterfahrer, der den Zebrastreifen überrollt, ohne richtig zu gucken, bevor er abbiegt. Jeder will in dieser vollen Stadt möglichst schnell ans Ziel, und kaum einer duldet Hindernisse auf dem Weg dorthin. Warum so wenig Rücksicht?

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Stadt ohne Stau: Wie wir künftig mobil bleiben. Teil 4.

380.000 Kraftfahrzeuge sind in Frankfurt zugelassen. 37 der 111 Frankfurter S-Bahn-Stationen sind nicht barrierefrei. 107 Stunden haben Frankfurter Autofahrer im vergangenen Jahr im Stau verbracht. 22.861 Unfälle haben sich 2018 in Frankfurt ereignet. 45 Kilometer Radweg sollen in Frankfurt bis 2023 neu gebaut oder ausgebaut werden.

Quelle: F.A.Z.
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