Bald im S&P 500

Was Teslas Aufstieg für Anleger bedeutet

Von Mark Fehr
17.11.2020
, 14:16
Der Elektroauto-Pionier gehört nun ganz offiziell zum Establishment. Für spekulative Anleger wird die Tesla-Aktie dadurch ein Stück langweiliger, für risikoscheue Aktionäre hingegen attraktiver.

Der Aufstieg vom einst belächelten Außenseiter in den Kreis der Etablierten ist perfekt: Die Aktie des Autoherstellers Tesla wird in den prestigeträchtigen Börsenindex S&P 500 aufgenommen, der den amerikanischen Aktienmarkt in seiner Breite repräsentiert. Bestimmt wollte Tesla-Gründer Elon Musk nie zum Establishment gehören, doch der Erfolg seines Unternehmens am Automarkt und an der Börse erzwingen geradezu die Aufnahme in den Kreis der Arrivierten.

Der Meilenstein beinhaltet allerdings auch eine Botschaft, die für Bewunderer von Angreifern und Außenseitern einen bitteren Beigeschmack haben könnte: Das Unternehmen wird erwachsen und wechselt allmählich von der Sturm-und-Drang-Phase in die Reifephase.

Tesla ist aus Sicht der Börse dann nicht mehr nur die kreative Ideenschmiede, deren Aktie im volatilen Technologieindex Nasdaq 100 oft genug starke Kursschwankungen hingelegt hat. Der Pionier wird künftig in einem Atemzug genannt mit Traditionsmarken wie Coca-Cola, General Electric, Johnson & Johnson oder Kellog's – die Unternehmen hinter diesen Alltagsprodukten sind ebenfalls Mitglied des S&P 500, der die 500 wichtigsten amerikanischen Börsenunternehmen beinhaltet.

Wie Tesla hatten diese Platzhirsche einst charismatische und unbeirrbare Gründer, die sich gegen Widerstände durchsetzen mussten, zunächst belächelt wurden und schließlich zu einem unaufhaltsamen Siegeszug aufbrachen. Heute verwalten professionelle aber namenlose Manager das Erbe aus Gründerzeiten. Die Aktien von Energiekonzernen, Konsumgüterriesen oder Hausgeräteherstellern wurden von Spekulationsobjekten zu Stabilitätsankern, die auch in den Depots von risikoscheuen Anlegern ihren Platz fanden. Diese Entwicklung zeichnet sich ebenso für Tesla ab.

Wegen der Aufnahme in den S&P 500 müssen auch Vermögensverwalter und Fondsgesellschaften bei Tesla einsteigen – ob sie wollen oder nicht. Passive Fonds, die den Index nachbilden, werden Tesla-Aktien in entsprechender Gewichtung kaufen. Diese zusätzliche Nachfrage, die regelmäßig mit dem Indexaufstieg von Unternehmen einhergeht, verhalf der Tesla-Aktie nach der Verkündung der guten Nachricht zu einem nachbörslichen Kursplus von rund 10 Prozent.

Wir erinnern uns: Mitte September hatte der im ersten Anlauf gescheiterte Indexaufstieg eine Schockreaktion der Tesla-Anleger ausgelöst. Der Kurs brach an einem Handelstag um 21 Prozent ein. Damals wie heute hatten die Kursreaktionen nichts mit der Geschäftspolitik des Unternehmens zu tun. Die Hoffnung ist nun, dass Teslas Aktionäre künftig seltener mit starken Kursschwankungen konfrontiert werden. Das wird die Aktie weniger attraktiv für spekulative Anleger machen, könnte Tesla aber gleichzeitig zu mehr Akzeptanz in der breiten Zielgruppe der Risikoscheuen verhelfen.

In dieses Profil passt die Entscheidung des Unternehmens, den Massenmarkt erschließen zu wollen. Tesla will in den kommenden Jahren auch ein Billigmodell ab 25.000 Dollar anbieten, was durch eine immer effizientere Batteriefertigung möglich werden soll. Hat dieser Plan Erfolg, kann der Umsatz in neue Dimensionen steigen, doch sinkt im Volumensegment natürlich auch die Marge. Tesla muss sich dann in einem umkämpften Markt behaupten, in dem sture Effizienz und disziplinierter Vertrieb mehr zählen als Kreativität.

Dieses Brot- und Buttergeschäft ist mühsam, zudem nimmt auch die Konkurrenz durch klassische Autohersteller immer stärker zu. So drängen in Europa bis Ende nächsten Jahres rund 200 neue Elektromodelle auf den Markt. Allein in Deutschland wird sich die Zahl der Modelle von 70 auf 150 mehr als verdoppeln. Die Unternehmensberatung McKinsey spricht von einer Modelloffensive der internationalen Hersteller. Spitzenreiter sind demnach China mit 169 Modellen und Japan mit 145 Modellen. Kein Wunder, dass der Pionier Tesla sich dagegen stemmen muss, will er nicht zum Nischenanbieter werden.

Unabhängig vom künftigen Marktanteil werden Tesla und insbesondere Gründer Elon Musk den Nimbus als Wegbereiter der individuellen Elektromobilität für immer behalten. Doch an der Börse zählt der Platz in den Geschichtsbüchern wenig. Die künftige Kursentwicklung wird daher wohl stetiger und in weniger großen Sprüngen verlaufen – was für stabilitätsorientierte Anleger ein Vorteil ist. Dass eine Aktie jedoch auch nach dem Übergang eines Unternehmens von der Innovationsphase in die Reifephase attraktiv bleiben kann, zeigen die Beispiele von Apple und Microsoft. Diese Unternehmen haben selbst dann noch Börsenrekorde aufgestellt, als die Gründer nicht mehr an Bord waren.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Fehr, Mark
Mark Fehr
Redakteur in der Wirtschaft.
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