Automanager Tavares:

„Tesla ist ein großer Antrieb für uns“

Von Martin Gropp und Christian Schubert
19.01.2021
, 17:32
Carlos Tavares führt den aus PSA und Fiat-Chrysler fusionierten Autokonzern Stellantis. Alle Marken und Werke bekommen ihre Chance, sagt er. Sie müssten aber effizienter werden.

Herr Tavares, als Ihr Unternehmen PSA Peugeot Citroën vor vier Jahren Opel gekauft hat, erzählten Sie, dass Ihr Vater früher einen Opel Manta gefahren hat. Jetzt, wo Sie PSA gerade mit Fiat-Chrysler zum Autokonzern Stellantis verschmolzen haben: War Ihr Vater zufällig auch Fahrer einer Fiat-Marke?

Das zwar nicht, aber Sie werden lachen, mein allererstes eigenes Auto war ein Alfa Romeo Sprint, 1,5 Liter, dunkelblau. Ich kaufte ihn während des Abschlusses an der Ingenieurschule in Frankreich. Auch eines meiner privaten Rennautos wird von einem Alfa-Motor angetrieben. Die italienischen Marken haben eine reiche Historie, was Tempo, Eleganz oder Produktkonzept betrifft, dazu kommt die mediterrane Leidenschaft. Diese Geschichte werden wir nutzen, um an einer erfolgreichen Zukunft zu bauen. Man kann nicht anders, als diese Autos zu lieben.

Emotionen sind in der Autobranche wichtig, noch mehr zählt aber Größe. Ist das das Hauptargument für die Fusion zu Stellantis?

Größe ist erst einmal nützlich, sollte aber kein Ziel an sich sein. Wir müssen den Kunden zufriedenstellen. In einer Zeit, in der sich durch Umweltregulierung die Vorgaben für die Autobranche immer schneller ändern, kann Größe jedoch entscheidend sein, um in neue Technologien investieren und diese Kosten auf eine größere Menge verteilen zu können. Die von uns vorangetriebene Elektrifizierung kostet zum Beispiel eine Menge Geld, und die Politik gibt Zeitrahmen und Bedingungen vor, manchmal ungeachtet aller physikalischen Grenzen. In solch einem Szenario ist Größe enorm wichtig. Damit schützen wir auch die Bezahlbarkeit von emissionsfreien Autos, was wiederum dem Klima hilft. Wenn sich nur eine Minderheit Elektromobilität leisten kann, kommen wir auch nicht weiter.

Auf der anderen Seite ist der amerikanische Elektroautohersteller Tesla noch nicht besonders groß, was das Produktionsvolumen angeht. Was können Sie von Tesla lernen?

Eine ganze Menge. Wir nehmen Tesla sehr ernst, und man muss dem Unternehmen auch Tribut zollen für das, was es in Sachen Innovation erreicht hat. Tesla ist ein großer Antrieb für uns. Aber wir wollen auch beweisen, dass wir nicht nur ein herkömmlicher, alteingesessener Autohersteller sind. Stellantis hat nicht die Absicht, sich zu verteidigen, wir werden in die Offensive gehen. Das ist auch für die Gesellschaft wichtig: Die Autobranche in Europa hat in den vergangenen Jahrzehnten einen beträchtlichen Teil des Wohlstandes erwirtschaftet, von dem die gesamte Gesellschaft heute massiv profitiert.

Umfasst Ihre Offensivstrategie für Stellantis alle Werke und alle Marken, oder müssen Sie auch restrukturieren?

Alle Marken und alle Werke werden eine Chance bekommen, und zwar aus einem einfachen Grund: Ich glaube an Menschen. Wenn man ihnen eine faire Chance gibt, sich zu entwickeln und zu verbessern, werden sie es versuchen. Das bedeutet freilich nicht, dass wir nicht Dinge verändern müssen, wir müssen cleverer und effizienter werden.

Eine Chance zu haben klingt aber erst mal nicht nach großer Sicherheit für Arbeitsplätze, sondern vor allem nach Druck.

Nun, die Autoindustrie steht insgesamt unter enormem Druck aus verschiedenen Richtungen. Da sind Wettbewerb, Regulierung, Handelsbarrieren, um nur ein paar zu nennen. Und wenn man auf ein Objekt ständig Druck ausübt, wird irgendwann irgendwo etwas brechen. Jeder in dieser Branche hat Druck, und dieser Druck wächst weiter an. Meine Aufgabe ist es, alles zu tun, dass meinem Unternehmen nichts passiert, dass es nicht zerbricht. Das Ziel ist, ein nachhaltiges und krisenfestes Unternehmen aufzubauen. Dafür muss ich aber auch selbst Druck ausüben. Das Beste, was ich für alle Tochtergesellschaften und ihre Mitarbeiter machen kann, ist, sie mit gewiss starkem, aber angemessenem Druck dazu zu bringen, wettbewerbsfähiger zu werden. Das schützt auch Arbeitsplätze.

Im Falle von Opel sind aber eine ganze Menge Arbeitsplätze weggefallen.

Das liegt aber daran, dass Opel vor der Übernahme durch PSA fast 20 Jahre lang nur Verluste geschrieben hat. Seitdem hat Opel unter der Leitung von Michael Lohscheller einen phantastischen Job gemacht, die Mitarbeiter haben das Unternehmen in 18 Monaten umgedreht und so Zehntausende Arbeitsplätze gesichert. Aber die Welt steht nicht still, und es wird immer schwieriger. Wir können nicht pausieren und nachlassen. Das sagen mir übrigens auch die Gewerkschaften. Und sie unterstützen auch das Zusammengehen von PSA und FCA, weil diese Fusion einen klaren Weg in eine nachhaltige Zukunft aufzeigt.

Um in Zukunft zu bestehen, muss Stellantis vor allem in China erfolgreich sein – ein Land, in dem weder PSA noch Fiat-Chrysler bisher reüssiert haben. Was ist Ihre Strategie für den größten Automarkt der Welt?

Es stimmt: Weder PSA noch FCA haben bisher besonders viel in China erreicht. Stellantis ist daher die Möglichkeit, sich die Gegebenheiten anzuschauen und dann noch mal von vorn anzufangen. Das ist eine der größten Herausforderungen für die nächsten Monate. Und wir werden unsere Schlüsse daraus ziehen, was dort warum bisher nicht funktioniert hat. Darum wird sich eine eigene Mannschaft und ein eigener Vorstand kümmern. Gleichzeitig dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass unser Unternehmen mit seinen Marken sowohl in Amerika als auch in Europa sehr profitabel ist. Es ist also nie nur schwarz oder weiß.

Wenn man den Erfolg deutscher Automarken in China betrachtet: Wäre Opel nicht der natürliche Kandidat für den Neustart dort?

Die Idee ist gut, in der Tat sind deutsche Autos in China sehr beliebt. Aber ich will nicht, dass wir diese Chance vergeben, weil wir sie schlecht ausführen. Wir müssen also erst mal unser operatives Geschäft in China ordnen.

Sind Sie nicht zu spät dran, was das China-Geschäft betrifft?

Möglicherweise. Aber wissen Sie, ich bin ein Wettkämpfer und sehr widerstandsfähig.

Wie sieht es mit dem Erreichen der CO2-Vorgaben in Europa aus? Schaffen Sie die Ziele auch mit den Fiat-Marken, die in Sachen Elektromobilität noch nicht viel zu bieten haben?

Mit PSA erreichen wir die europäischen Klimaschutzziele schon jetzt und sind führend im Markt. Die dahinterstehende Technik ist jetzt eine Stellantis-Technik. Diese steht damit nun auch den FCA-Marken zur Verfügung, genauso wie die PSA-Marken auf deren Lösungen für das autonome Fahren zugreifen können. Wir werden sicherstellen, dass alle Marken des neuen Konzerns von der PSA-Emissionstechnik profitieren und auch die Ziele erfüllen werden.

Der verstorbene FCA-Chef Sergio Marchionne hat zu Lebzeiten eine Konsolidierung im Automarkt propagiert. Meinen Sie, er wäre zufrieden mit der Fusion von PSA und Fiat-Chrysler zu Stellantis?

Erst einmal bin ich sicher, dass Sergio uns von da oben zuschaut. Ich habe tiefen Respekt für seine Arbeit und sein visionäres Denken. Sein Andenken ist für uns eine große Verantwortung, mit der Fusion erfolgreich zu sein. Und wenn er uns zuschaut, ist er hoffentlich glücklich mit dem, was wir gerade tun. Vor allem müssen wir Stellantis dann aber weiter voranbringen. Und das ist auch eine moralische Verpflichtung gegenüber allen Menschen, die für dieses Unternehmen arbeiten.

Herrscher über Stellantis

Seit dem vergangenen Samstag ist Carlos Tavares der Vorstandsvorsitzende des neuen Autokonzerns Stellantis. Damit herrscht der 62 Jahre alte Manager nun nicht mehr nur über die Bestandteile des französischen Autoherstellers PSA Peugeot Citroën, zu dem auch die deutsche Tochtergesellschaft Opel gehört. Vielmehr ist er auch für Marken und Fabriken des italienisch-amerikanischen Fusionspartners Fiat-Chrysler (FCA) verantwortlich. Alles in allem gehören zu Stellantis 14 Automarken, darunter auch klingende Namen wie Jeep, Maserati oder Alfa Romeo.

Was den Jahresabsatz vor der Covid-19-Pandemie angeht, rangierte der fusionierte Konzern auf Platz vier in der Welt hinter dem Volkswagen-Konzern, Toyota sowie dem Verbund aus Renault, Nissan und Mitsubishi. Im Jahr 2019 verkauften PSA und FCA zusammen mehr als acht Millionen Fahrzeuge und erwirtschafteten einen kombinierten Jahresumsatz von rund 170 Milliarden Euro.

Von der Fusion auf Augenhöhe erhoffen sich die Unternehmen vor allem Verbundeffekte. Der Zusammenschluss soll Einsparungen von bis zu fünf Milliarden Euro im Jahr ermöglichen, indem die Marken des neuen Konzerns zum Beispiel gemeinsam Teile von Zulieferern beziehen oder Entwicklungskosten. (magr.)

Quelle: F.A.Z.
Martin Gropp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Martin Gropp
Redakteur in der Wirtschaft.
FacebookTwitter
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot