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Balance-Akt

Herzchen, Herzchen

Von Bettina Weiguny
 - 14:21

Wie die Zeit rast. Es ist noch kein Jahr her, da habe ich an dieser Stelle von meinem anstehenden Durchbruch als „Netz-Aktivistin“ berichtet. Wie gut, dass ich mir den Stress erspart habe. Ständig hätte ich sonst barbusig oder zumindest mit Talkshow-tauglicher Frisur – ich dachte an etwas Pudeliges mit viel Farbe – durch die Republik touren müssen, um auf großer Bühne zu kommentieren, was die Welt bewegt. Oder besser: was das Zeug zum Skandal hat. Nur: Was bleibt an skandalträchtigem Material, seit Präsidenten und Prinzen alle Tabus brechen? Tiraden gegen Feuerwehrleute, blitzsaubere Mordkomplotte, Sexismus, das bekommen wir alles frei Haus geliefert. Wie gut, dass ich mir die Karriere als Netz-Aktivistin aus dem Kopf geschlagen habe. Viel zu anstrengend. Außerdem „total 80er“, wie unsere Kinder meinen. So titulieren sie alles, was uralte Menschen mögen, also wir, ihre Eltern. Wenn schon, dann sollte ich mein Glück als Influencerin versuchen, riet die Teenie-Tochter. Das gefiel mir. Influencer rauschen von Party zu Party. „So wird man ganz schnell reich“, sagen die Kinder. Ich müsste von nichts, was die Welt bewegt, Ahnung haben. Nur hübsche Selfies machen. Wie ich mich im Hunkemöller-Top räkle. Wie ich mein Gucci-Täschchen schlenkere. Mich in den Louis-Vuitton-Mantel kuschle. Dazu dichte ich: „Berlin, bei Schnee. LV hält mich warm.“ Herzchen, Herzchen.

Das kriege ich hin. Allerdings haben richtige Influencer richtig viele Fans in den sozialen Medien. Eine Million Follower sollten es schon sein, so wie bei BibisBeautyPalace, damit die Konzerne was rüber schieben aus ihrem Marketingetat. Das klingt nach Arbeit. So was will ich nicht. Zum Glück ist das Problem erkannt: In der Szene wurde der „Micro-Influencer“ erfunden. Der hat deutlich weniger Follower, ist also weniger anstrengend, aber „gaaanz authentisch“. So jemand verbiegt sich nicht, nur um der Masse zu gefallen. Klasse. Reichweite ist nicht alles. Und es kommt noch besser, jetzt gibt es das Ganze noch eine Nummer kleiner: Ich gehe unter die „Nano-Influencer“. Da brauche ich nur eine Handvoll Anhänger, damit ich mit jedem Fan persönlich chatten kann. Was heute zählt, so habe ich bei Social-Media-Experten gelernt, ist die „engagement rate“, die persönliche Interaktion. Da bin ich super, wirklich. Fragen Sie meinen Mann. Der regt sich jedes Mal furchtbar auf, wenn ich mit Freundinnen am Smartphone düddle. Das ist Arbeit, hoffentlich versteht er das endlich!

Quelle: F.A.S.
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Bettina Weiguny
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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