BASF-Chef Kurt Bock

„Wer Wachstum verbietet, verhindert das Denken“

21.04.2012
, 16:43
Kurt Bock
Die Geschäfte des größten Chemiekonzerns der Welt laufen weiter gut. Der Chef Kurt Bock hält die Aktie aber für unterbewertet. Und er kritisiert die Fortschrittsskepsis der Deutschen.

Herr Bock, die Schuldenkrise in der EU schwelt weiter, China hat gerade seine Wachstumsprognose reduziert. Haben sich Ihre Erwartungen für die Chemiekonjunktur im Allgemeinen und die BASF im Besonderen eingetrübt?

Nein, das Jahr ist bisher vernünftig angelaufen. Im Februar wurden wir kritisch hinterfragt, weil wir auch in diesem Jahr mit Wachstum bei Umsatz und Ergebnis rechnen, aber es gibt auch aus heutiger Sicht keinen Grund, diese Ziele in Frage zu stellen.

Dass die Chinesen auf die Bremse treten, trifft den größten Chemiekonzern der Welt nicht?

Die Dynamik in Asien ist noch hinter ihrem Vorjahresniveau zurück, das stimmt. Aber wir sind grundsätzlich optimistisch, was die Entwicklung dort angeht. Die Chinesen haben ihre Wachstumserwartungen bisher immer übererfüllt, China bleibt ein Wachstumsmarkt.

Wie groß ist denn die Bedeutung von China für die chemische Industrie?

Sehr groß. Schon heute kommt mehr als die Hälfte des Branchenwachstums aus den Schwellenländern und davon wiederum mehr als die Hälfte aus China. Das wird eher noch zunehmen.

Sorgen Sie sich um die immer wieder aufflammenden Unruhen im Land?

Die chinesische Regierung hat Herausforderungen wie die Diskrepanz zwischen Arm und Reich erkannt, und Umweltthemen werden verstärkt angegangen. Wir gehen davon aus, dass die Politik der Öffnung weitergeht und es mehr Partizipation geben wird, gerade über das Internet, das merken wir schon heute.

Woran?

Als wir in Chongqing eine neue MDI-Anlage planten, das sind Vorprodukte für Polyurethan-Schaumstoffe - immerhin eine Investition im Volumen von 1 Milliarde Dollar -, hat es anfangs Kritik von heimischen Nichtregierungsorganisationen (NGO) gegeben, ob dieses Projekt oberhalb des Jangtse vertretbar ist.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben die NGOs nach Ludwigshafen und in unser Werk nach Antwerpen eingeladen, damit sie sehen, wie wir Chemie betreiben und welchen Stellenwert bei uns Sicherheit und Umweltschutz haben. Das hat die Kritiker überzeugt. Wir wollen über Transparenz Vertrauen gewinnen - und das funktioniert.

In der Debatte um die grüne Gentechnik in Europa hat es nicht funktioniert.

Das stimmt leider. Wir sehen eine immer stärkere Emotionalisierung des Themas, da haben wir es mit unserer naturwissenschaftlichen und rationalen Herangehensweise schwer. Wir haben mit guten Argumenten jahrelang für die grüne Biotechnologie in Europa gekämpft, von der Gegenseite wurden wir als Brunnenvergifter verunglimpft, und am Ende haben wir die Konsequenzen gezogen.

Macht Ihnen die Fortschrittsskepsis Angst?

Es ist schon merkwürdig, wie wir in Deutschland manchmal wie auf einem moralischen Feldherrnhügel stehen und auf den Rest der Welt schauen. Wir sollten stattdessen versuchen, von anderen zu lernen. Ohne Wachstum werden in Europa und Deutschland die Verteilungskonflikte zunehmen. Die Wachstumsskepsis ist deshalb schon ein Problem. Wachstum kommt in entwickelten Ländern fast ausschließlich aus Innovationen. Wenn wir Wachstum verhindern, verbieten wir den Menschen zu denken. Nur die Wirtschaft schafft Wohlstand und Wachstum, und dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen.

Denken Sie, der Nanotechnologie könnte ein ähnlicher Weg beschieden sein wie der Gentechnik?

Nein, ich bin auch da grundsätzlich optimistisch. Aber der Entwurf der EU zur Definition von Nanomaterialien macht uns schon Sorge. Wenn dieser Realität wird, dann fällt praktisch alles unter Nano, schlichter Sand wäre dann beispielsweise ein Nanoprodukt. Wir plädieren stattdessen dafür, auch Nanomaterialien mit der bestehenden Chemieverordnung Reach zu regulieren. Damit Sie mich richtig verstehen: Es gibt gute Gründe, den Anforderungen der Gesellschaft für neue Technologien Rechnung zu tragen, und wir sind deshalb für Transparenz. Aber wir lehnen ein zu enges Korsett ab.

Wird Europa denn die Schuldenkrise meistern?

Ja, davon bin ich überzeugt, auch wenn der Weg noch länger sein wird und es schmerzhaftere Einschnitte geben muss, als sich das manche heute vorstellen. Aber es hat sich auch schon einiges getan: Sehen Sie sich nur die Sparbemühungen in Spanien, Italien und auch in Frankreich an. Das hätte früher kaum jemand für möglich gehalten.

Sollen wir am Euro festhalten?

Ja, er ist in jedem Fall verteidigungswürdig, ich sehe dazu keine vernünftige Alternative. Wenn alle ihre Hausaufgaben machen, schaffen wir das auch. Nur Geld drucken, wie manche es fordern, wird nicht funktionieren. Dass es klappen kann, sieht man an Deutschland. Das ist das Ergebnis von jahrelanger Restrukturierung. Wir haben uns diese Position erarbeitet, weil wir fast zehn Jahre lang nur moderate Einkommenszuwächse hatten. So verbesserten wir unsere Wettbewerbsposition. Lohnabschlüsse mit Augenmaß, mehr Flexibilität und richtige Rahmenbedingungen - da haben Unternehmen, Mitarbeiter und Gewerkschaften an einem Strang gezogen.

Gilt diese Vorbildfunktion auch für die Energiewende?

Das Ganze ist ein riesengroßer Laborversuch am lebenden Objekt unter erschwerten Bedingungen. Photovoltaik ist in Deutschland nicht wettbewerbsfähig, die Gewinne machen chinesische Produzenten. Windparks in Schleswig-Holstein zu bauen reicht nicht aus, der Strom muss auch nach Süddeutschland transportiert werden können. Die Anbindung klappt bei weitem nicht so, wie sie sollte. Wir brauchen deshalb dringend ein Monitoring, um nachzujustieren.

Welche Rolle spielen die gestiegenen Energiepreise für die BASF?

Energiekosten, samt Gas und Öl, sind der größte Kostenfaktor für die BASF-Gruppe. Und natürlich spielt es eine Rolle, dass Energie fast überall auf der Welt billiger ist. Was unsere Wettbewerbsfähigkeit besonders hindert, sind immer neue Vorschriften und mehr Bürokratie. Wir brauchen nicht noch mehr Auflagen, um effizienter zu werden. Die BASF ist heute schon Weltmeister in der Energieeffizienz. Ähnliches gilt für große Teile der deutschen Industrie. Ludwigshafen ist heute der effizienteste Chemie-Standort: In unserem Produktionsverbund sparen wir Energie und Einsatzstoffe in ganz hohem Maßstab. Wir sind schon aus eigenem Interesse davon überzeugt, dass Energiesparen der beste Weg ist, die Energiekosten zu senken. Das große Sparpotential liegt aber in den Gebäuden und im Straßenverkehr, dort ist es aber politisch schwerer, zu regulieren. Um es klar zu sagen: Die CO2-Abgabe führt nicht dazu, dass wir neu über Energieeffizienz nachdenken. Das tun wir schon seit Jahren mit Erfolg.

Ist denn die Regulierung in anderen Weltregionen so anders?

Nehmen Sie Amerika. Seitdem es dort wegen der vielen Schiefergasfunde billige Energie gibt, sehen die Amerikaner darin eine Chance für mehr Wachstum und eine Möglichkeit, die Abhängigkeit von den Ölstaaten zu vermindern. Vor ein paar Jahren haben die Amerikaner über Import von Gas gesprochen, heute reden sie über Export. Das ist schon bemerkenswert. Die amerikanische Konjunktur hat wieder an Dynamik gewonnen, das merken wir auch in der BASF. Die Amerikaner hoffen sogar, mit dem billigen Schiefergas ihre Reindustrialisierung voranzubringen.

Was bedeutet das für die BASF?

Das Schiefergas beflügelt auch die Chemieindustrie in Amerika. Es gibt alleine gut zehn Projekte für neue Cracker, also Großanlagen zur Herstellung wichtiger chemischer Grundstoffe. Einen neuen Cracker werden wir zwar nicht bauen, aber wir entwickeln eigene Ansätze. Wir profitieren auch von den günstigen Rohstoffen.

Sie haben in den vergangenen Jahren das Portfolio stark umgebaut, Düngemittel verkauft und stattdessen Spezialchemikalien hinzugekauft - wird sich dieser Trend fortsetzen?

Ja, es wird auch künftig Akquisitionen geben. Was Devestitionen angeht, haben wir mit der Ausgliederung des Styrolkunststoffgeschäfts und dem Verkauf der Düngemittelaktivitäten in Belgien und Frankreich die wesentlichen Schritte gemacht. Wir sind jetzt bei über 70 Milliarden Euro Umsatz. Mit Zukäufen in der Größenordnung von 3 bis 5 Milliarden Euro haben wir da ganz gute Erfahrungen gemacht. Nehmen Sie die Cognis-Akquisition, die Integration hat hervorragend geklappt. Aber wir werden auch organisch wachsen und unsere Strategie fortentwickeln. Wir haben einen großen Vorteil: Unsere Märkte wachsen.

Die BASF produziert als einziges Großunternehmen der Petrochemie nicht im Mittleren Osten. Wird das so bleiben? Ihr Konkurrent Dow Chemical baut in Saudi-Arabien für 20 Milliarden Dollar gerade eine komplett neue Produktion. Schreckt Sie das nicht auf?

Nein, wir sind sehr erfolgreich damit, unseren Kunden zu folgen. Wir kennen ihre Märkte und unterstützen sie vor Ort. Wir sind darüber hinaus als einziges Unternehmen der Branche auch noch in der glücklichen Lage, mit der Wintershall ein eigenes Öl- und Gasgeschäft zu betreiben. Das ist ein großer strategischer Vorteil. Und dass wir auch direkt am Bohrloch investieren, belegt zum Beispiel unsere profitable Partnerschaft mit Gasprom entlang der Wertschöpfungskette bei Förderung, Transport und Vertrieb.

Also sehen Sie den steigenden Ölpreis mit einem lachenden und einem weinenden Auge ...

Ja. Natürlich profitieren wir im Öl- und Gasgeschäft davon. In der Chemie können wir die höheren Kosten aber nur weitergeben, wenn die Konjunktur einigermaßen hält.

Ist das zur Zeit der Fall?

Ja, das funktioniert ganz gut.

Die Wettbewerber im Mittleren Osten und in Asien werden nicht in ihren Heimatregionen bleiben. Wie sehen Sie die mögliche neue Konkurrenz?

Die nehmen wir sehr ernst, weil die richtig gut sind. Wir stehen da in einem harten internationalen Wettbewerb. Die Chemie entwickelt sich in dieser Hinsicht dynamisch. Bei uns gibt es heute schon große Wettbewerber, die hatte vor zehn Jahren niemand auf dem Zettel. Diese Entwicklung wird weitergehen, ganz sicher.

Sie wollen sich seit längerem von den Aktionären wieder die Erlaubnis zum Aktienrückkauf geben lassen. Ist das ein probates Mittel, um den Aktienkurs zu stützen?

Investitionen für organisches Wachstum, der Ausbau von Forschung und Entwicklung sowie Akquisitionen haben natürlich Vorrang, aber ein Aktienrückkauf ist neben Dividenden eine gute Möglichkeit, den Aktionären etwas zurückzugeben.

Hat denn der Aktienkurs noch Potential?

Selbstverständlich. Wir sind das führende Chemieunternehmen der Welt, und unsere Aktie wird im Schnitt noch immer mit einem kleineren Multiple gehandelt als die unserer Wettbewerber. Aber die Märkte honorieren, dass wir die Volatilität verringern.

Das Gespräch führten Bernd Freytag, Carsten Knop und Holger Steltzner.

Quelle: F.A.Z.
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