Bedenken der Wirtschaft

Indische Regierung kippt Plastikverbot

Von Christoph Hein, Singapur
03.10.2019
, 11:40
Viel Plastik in Neu Delhi
Im letzten Moment hat die indische Regierung ihr geplantes Plastikverbot gestoppt. Dennoch soll der Verbrauch deutlich reduziert werden.
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Ihren Plan, Einwegplastik zum Monatsanfang zu verbieten, hat die indische Regierung im letzten Moment gekippt. Ministerpräsident Narendra Modi hatte zum 150. Geburtstag von Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi den Bann von sechs Plastikprodukten wie Tüten aussprechen wollen. Im letzten Moment aber hieß es, ein solches Verbot gegen die Industrie durchzusetzen sei zu schwierig.

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Indien braucht insbesondere angesichts seiner schwächeren Wachstumsrate von nur noch 5 Prozent Arbeitsplätze – sie zu verlieren, kann sich keine Regierung erlauben. Der Verband der indischen Industrie erklärte zuvor, das angedachte Verbot sei ein Überlebensthema für mehrere Branchen, weil es derzeit keine Alternativen gebe. In Indien wird, wie im Rest Asiens, fast alles in Plastik verpackt – auch Getränke, Shampoos oder Kekse in kleinsten Mengen, weil Menschen sich keine großen Flaschen leisten können.

Der Verband forderte, diese Sachets wie auch kleine Flaschen für Medizin von jedem Verbot auszunehmen, weil es dafür keinen Ersatz gebe. Indien verbraucht rund 14 Millionen Tonnen Plastik im Jahr, hat aber kein breites Sammel- oder gar Wiederaufarbeitungssystem. Das führt dazu, dass viele den Abfall liegen lassen.

Belasteter Ganges

Plastiktüten verstopfen dabei gerade in Monsun-Zeiten die Abwasserkanäle, sodass es zu gefährlichen Überflutungen kommt. Der Ganges gilt mit einem geschätzten Transport von etwa 120.000 Tonnen Plastik gen Meer als der am stärksten belastete Fluss der Welt nach dem Jangtse in China.

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Die große Bevölkerung Indiens von fast 1,4 Milliarden Menschen auf der einen, die geringe Industrialisierung auf der anderen Seite aber führen zu einem im Weltmaßstab noch geringen Verbrauch: Komme Indien im Durchschnitt auf etwa 11 Kilogramm Plastikverbrauch je Kopf, liege der Durchschnitt der Welt bei 28 Kilogramm, erklärt der Verband der indischen Kammern für Handel und Industrie (FICCI).

Nachdem sie das Verbot nicht durchsetzen konnten, nutzten Minister die Feiern nun, um für einen geringeren Plastik-Verbrauch zu werben. Die Fluggesellschaft Air India und die staatliche Bahn wollen ganz auf Einwegplastik verzichten oder es zumindest nach Gebrauch einsammeln. Ein Indien-weiter Bann soll nun bis 2022 schrittweise ausgesprochen werden. Zugleich delegiert die Regierung die Verantwortung an die Länder, die vorhandene Gesetze gegen spezielle Formen von Plastik durchsetzen sollten.

Quelle: FAZ.NET
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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