Fahrdienstleister Didi

Peking will Techkonzern offenbar zum Börsenrückzug zwingen

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
26.11.2021
, 08:07
Die chinesische Alternative zu Uber: Ein Mann blickt im Pekinger Straßenverkehr auf die Didi-App.
Der Fahrdienst Didi war erst im Juni in New York gelistet worden. Aus Sorge vor Spionage befiehlt Chinas Regierung einem Bericht zufolge den Abschied. Die chinesische Internetbranche befürchtet weitere Schläge Pekings.
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Das wäre der bisher heftigste Schlag in der seit über einem Jahr andauernden Kampagne der chinesischen Regierung gegen die heimische Internetindustrie: Laut der Nachrichtenagentur „Bloomberg“ soll sich der chinesische Fahrdienst Didi, der im Sommer bei seinem Gang an die New York Stock Exchange (NYSE) von Anlegern 4,4 Milliarden Dollar eingesammelt hatte, auf Befehl Pekings wieder von der Börse verabschieden.

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Nach seinem Börsengang am 30. Juni war Didi mit 68 Milliarden Dollar bewertet worden – rund 13 Milliarden Dollar weniger, als der amerikanische Konkurrent Uber derzeit am Kapitalmarkt wert ist. Die Kommunistische Partei Chinas, die einen Tag später ihr 100-jähriges Bestehen beging, fand den Erfolg des Pekinger Technologiekonzerns dennoch nicht zum Feiern.

Regierungsbeamte ermittelten in der Unternehmenszentrale

Angeblich hatten Regulatoren zuvor Bedenken angemeldet, dass über den Gang an die Börse in den Vereinigten Staaten die amerikanische Regierung Zugriff auf die Daten über Fahrgäste, Fahrziele und Videoaufnahmen der Didi-Taxis in China erlangen könnten. Didi soll den Warnungen keine große Beachtung geschenkt haben. Zwei Tage nach dem Börsengang verbot die chinesische Regierung dem Dienst daraufhin jegliches Neugeschäft und ließ die Didi-App aus den App-Stores in China löschen, woraufhin der Aktienkurs des frisch notierten Unternehmens an der NYSE einbrach.

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Später verschafften sich Regierungsbeamte verschiedener Behörden und Ministerien für eine Untersuchung zur „Cybersicherheit“ des Didi-Geschäfts Zutritt zu der Unternehmenszentrale. In China wurde spekuliert, dem Konzern drohe eine „noch nie dagewesene Strafe“.

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Diese könnte laut dem „Bloomberg“-Bericht sogar noch höher ausfallen als erwartet. Demnach hätten führende Manager des Konzerns von den Regulatoren den Auftrag erhalten, einen Plan für ein De-Listing von der Börse in New York auszuarbeiten. Den Anlegern soll demnach mindestens 14 Dollar je Aktie für einen Rückkauf angeboten werden, dem Ausgabepreis beim Börsengang. Denkbar sei allerdings auch, das Unternehmen nach einem De-Listing in New York wieder an der Börse in Hongkong notieren zu lassen.

Die Kapitalmärkte in Asien reagierten am Freitagvormittag prompt auf die Meldung. An der Börse in Tokyo verlor der Aktienkurs des Konglomerats Softbank, das mehr als 20 Prozent an Didi hält, bis zum frühen Nachmittag 5 Prozent. Weil Investoren das Vorgehen gegen Didi als einen weiteren Schlag gegen Chinas Tech-Industrie insgesamt interpretieren, verloren auch die anderen großen Internetkonzerne des Landes.

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Andere Techwerte sind von den Entwicklungen ebenfalls betroffen

So gab der Aktienkurs von Tencent an der Börse in Hongkong bis zum Nachmittag um mehr als 3 Prozent nach. In ähnlichem Umfang verlor auch die Aktie von Alibaba. Meituan, ein Lieferservice, bei dem in über 1000 chinesischen Essen bestellt werden kann, sackte im Kurs sogar um mehr als 4 Prozent ab.

Tatsächlich nehmen die meisten Beobachter an, dass die Kampagne von Chinas Regierung zur Regulierung der bis vor kurzem extrem mächtigen und durchgängig von Privathand gehaltenen Tech-Konzerne noch lange nicht vorbei ist, sondern gerade erst an Fahrt aufnimmt. Über die Gründe, warum Peking es in Kauf nimmt, dass die erfolgreichen Unternehmen immens an Wert verlieren und durch die harten Staatseingriffe geradezu verstümmelt werden, kann nur spekuliert werden, da aus der ausschließlich im Geheimen agierenden Führung so gut wie nichts nach draußen dringt.

Aus Reden des Staatsführers Xi Jinping, Leitartikeln der Parteipresse und dem im Frühjahr vorgestellten Fünf-Jahres-Plan der Regierung ist jedoch abzuleiten, dass der KP der Einfluss der Internetkonzerne auf das Alltagsleben der 1,4 Milliarden Chinesen zu groß geworden ist und die Unternehmen unter die faktische Kontrolle des Staats gebracht werden sollen. Zudem investieren die Tech-Anbieter laut Vorstellung Xis in die falschen Bereiche.

So geht es dem Staatsführer ganz offensichtlich gegen den Strich, dass die Innovationskraft von Alibaba, Didi & Co. bisher Geschäftsmodelle hervorgebracht hat, mit dem die Unternehmen am Konsum der chinesischen Verbraucher verdienen. Xi will jedoch, dass die Tech-Konzerne Hardware wie Halbleiter entwickeln. Weil China bisher keine wettbewerbsfähigen Hochleistungschips herstellen kann, muss es diese unter anderem aus den USA beziehen.

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Im Fall des Smartphoneherstellers Huawei, den Washington von amerikanischen Chips abgeschnitten hat, hat das im Handelskrieg die Verwundbarkeit der Volksrepublik aufgezeigt. Um Autarkie zu erreichen, hat die Partei deshalb den Plan für einen „dualen Kreislauf“ aufgestellt. Damit ist gemeint, dass die chinesische Staats- und Privatwirtschaft in einer gemeinsamen nationalen Kraftanstrengung global führende Hochtechnologie entwickeln soll.

Wie die privaten Internetkonzerne auf Parteilinie gebracht werden sollen, hat Peking begonnen, im Herbst vergangenen Jahres zu zeigen. Damals hatte es den Börsengang des Finanzdienstleisters Ant Financial in fast allerletzter Minute abgesagt, nachdem Gründer Jack Ma die Regierung öffentlich für zu strenge Regulierung kritisiert hatte. Der Börsenkurs des Ant-Mutterkonzerns Alibaba hat seitdem bis heute um 56 Prozent an Wert verloren. Die Aktie des Spieleentwicklers Tencent, dem die Partei im Frühjahr vorgeworfen hat, die chinesische Jugend zu verdummen und wie auch Alibaba und andere Internetkonzerne monopolistisch zu handeln, hat seitdem um fast 40 Prozent eingebüßt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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