Bilfinger-Chefin

„Kernenergie bringt Wachstum“

Von Daniel Mohr
19.03.2021
, 11:06
Riesenbaustelle Hinkley Point: Großbritannien baut mit Bilfingers Hilfe ein neues Atomkraftwerk.
Bilfinger-Chefin Christina Johansson über ihren Beitrag zu einer umweltfreundlicheren Welt, den mickrigen Börsenwert und ihren Vorgänger Roland Koch.
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Frau Johansson, muss man etwas selbstquälerisch veranlagt sein, um zu so einem krisen- und skandalgeschüttelten Konzern wie Bilfinger zu wechseln?

Ich bin ein sehr unternehmerisch denkender Mensch, ich komme aus einer Unternehmerfamilie und ich hatte das Gefühl, dass man aus der Bilfinger-Gruppe mehr machen könnte, als man in den letzten fünf bis zehn Jahren erlebt hat. Ich bin kein Verwalter, ich bin ein Macher. Und ich glaube, dass diese Herausforderung zu mir passt.

Sie sind jetzt in die Chefrolle bei Bilfinger etwas plötzlich hineingeraten. Warum hat ihr Vorgänger Thomas Blades hingeschmissen?

Das sind persönliche Gründe. In diesem Jahr wird er 65. Das muss man respektieren.

Sie sagten, Sie sind keine Verwalterin, sondern eine Macherin. Warum wollen Sie nicht dauerhaft Chefin Ihrer 30.000 Mitarbeiter bleiben oder hat Sie Ihr Aufsichtsratsvorsitzender Eckhard Cordes nur noch nicht gefragt?

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Ich bin da ziemlich klar und authentisch. Ich bin eine Macherin als Finanzvorstand. Ich bin ein starker Co-Pilot. Aber ich sehe nicht, dass ich mit meinen Erfahrungen und Stärken der am besten geeignete CEO auf Dauer bei Bilfinger wäre. Ich glaube, da gibt es bessere Kandidaten.

Wie ist der Zeitplan?

Ich weiß nicht, wie lange diese Rolle bei mir interimistisch bleibt. Ich habe dem Aufsichtsrat zugesichert, dass ich bereit bin, die notwendige Zeit zu überbrücken und mein Bestes zu geben, die Rolle zu erfüllen.

Für die Frauenstatistik in der Dax-Familie wäre es natürlich schön, Sie würden an der Spitze bleiben, aber das ist wahrscheinlich nicht das Hauptkriterium.

Nein.

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist im Kern Ihre Aufgabe, den Wert des Unternehmens möglichst kurzfristig zu steigern, damit der Finanzinvestor Cevian, Ihr Großaktionär, sein verlustreiches Bilfinger-Desaster nach zehn Jahren endlich beenden kann und ein anderer Finanzinvestor dann das Unternehmen zerschlägt?

Wir haben einen längeren Zeithorizont. Wir haben Pläne für dieses Jahr und auch mittelfristig. Ich sehe meine Aufgabe darin, nachhaltig den Wert zu erhöhen.

Christina Johansson
Christina Johansson Bild: Bilfinger

Warum sollte jemand Bilfinger kaufen wollen, was können Sie, was andere Unternehmen nicht können?

Wir machen ja eine Transformationsreise. Wir haben 2014 das Baugeschäft veräußert und 2016 haben wir uns vom Facility-Management getrennt, auch wenn wir eine Finanzbeteiligung behalten hatten. Aber seit 2016 sind wir ganz klar als Industriedienstleister für die Prozessindustrie unterwegs. Das Wichtigste ist unsere Größe. Wir sind immer Nummer eins oder Nummer zwei in allen Ländern in Mittel- und Nordeuropa. Vor allem in der Chemie und Petrochemie, Energie und Versorgung und Öl und Gas.

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Wenn man sich ganz plastisch vorstellen will, was Sie genau machen, welches Bild sollte man da vor Augen haben?

Es gibt mehrere Bilder. Wir haben relativ viele Facetten. Wir machen tägliche Instandhaltungsarbeiten auf Industrieanlagen, wo Mitarbeiter Ersatzteile auswechseln und sicherstellen, dass der Prozess der Anlage ungestört weitergefahren wird. Aber auch große Revisionen von Anlagen, bei denen wir ganze Fabriken abstellen. Oder aber auch Neubau.

Zum Beispiel von Atomkraftwerken.

Ja, wir arbeiten am Neubau des Kernkraftwerks Hinkley Point mit. Es ist eins unserer größeren Projekte momentan.

Sie sprachen die Größe und Vielfältigkeit an. Manche meinen, eine Aufspaltung von Bilfinger wäre wertschaffend.

Wenn man sich Bilfinger heute anschaut, macht es Sinn, das zusammenzuhalten. Die Bereiche, die nicht dazugepasst haben, die haben wir verkauft. Was wir jetzt noch bei Bilfinger haben, das gehört zusammen, das ist ein großes Ganzes.

Sie arbeiten viel für die Atomindustrie, für Öl oder Gas, Kohle oder Zement. Da zucken viele umweltbewegte Gemüter zusammen. Auch Investoren schließen das aus ihren Portfolios aus.

Sehr viel von dem, was wir heute machen, ist darauf ausgerichtet, unseren Kunden zu helfen, umweltfreundlicher zu werden. Diese haben sich hohe Ziele gesetzt, wie sie umweltfreundlicher in die Zukunft gehen werden.

Und die ESG-Verteter oder wenn Sie mit Fridays for Future und ähnlichen reden, die verstehen das oder sind Sie da überhaupt in einem Dialog?

Alle Kunden nehmen das Thema sehr ernst und arbeiten an Konzepten, um ihre Umweltziele auch zu erreichen. Teilweise ist es immer noch schwierig, den Fortschritt zu messen und Daten zu erheben, die zeigen, dass sie tatsächlich eine bessere Firma geworden sind, was die Umwelt betrifft. Da ist sehr viel Aufbauarbeit im Gange.

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Ihre Kunden gelten oft als Sünder. Ihre Industrien werden abgeschafft oder stillgelegt. Brauchen Sie neue Kunden?

Wenn ich auf unsere drei Hauptsegmente schaue, sehe ich bei Chemie und Petrochemie kurzfristig, mittelfristig und langfristig eine sehr gute Stabilität. Energie und Versorgung geht aufwärts. Hier geht es sehr stark um Umstellung auf neue Energiequellen. Wir gehen da in Europa sehr unterschiedliche Wege. Öl und Gas wird Jahr für Jahr weniger, ist aber immer noch wichtig. Aber in anderen Bereichen, die Energie betreffen, zum Beispiel der Kernkraft, da haben sich ja einige Märkte entschieden, den Weg des Ausbaus zu gehen, zum Beispiel Großbritannien. Hier sehen wir sehr hohe Wachstumsraten, was den Neubau betrifft.

Und beim Rückbau von AKWs sind Sie ja einer der Marktführer.

Ja, aber so wahnsinnig viel Rückbau hat es ja noch nicht gegeben. Jenseits von Deutschland und meiner Heimat Schweiz sind sehr viele Länder eher in einer anderen Richtung unterwegs in der Frage.

Der Bau des Atomkraftwerk Hinkley Point dauert länger und die Kosten laufen aus dem Ruder. Profitieren Sie davon oder wird das zum Problem für Bilfinger?

Durch die Verzögerungen sehen wir auf keinen Fall einen negativen Einfluss auf Bilfinger.

Mit 30.000 Mitarbeitern sind Sie noch ein Großkonzern. Mit aber nur 1,3 Milliarden Euro Börsenwert im S-Dax. Haben Sie zu viele Mitarbeiter oder erkennt die Börse noch nicht richtig, was Bilfinger alles kann?

Wir kommen zurück zu dem Thema, dass wir eine Transformationsreise machen. Ich bin ja Ende 2018 zu Bilfinger gekommen. Zuvor hatte Bilfinger einige Male an der Börse solche profit warnings aussprechen müssen. Bekanntlich kann damit Vertrauen sehr schnell zerstört werden und Vertrauen aufzubauen, das dauert dann häufig lange. Ich glaube, dass die Zeit jetzt für uns arbeitet und wir legen extrem viel Wert darauf, dass wir jetzt wirklich auch das halten, was wir versprechen.

Ihr Unternehmen hatte viel Ärger, weil es am Einsturz des Kölner Stadtarchivs mit Schuld war, wurde vier Jahre vom amerikanischen Justizministerium wegen Korruptionsvergehen beaufsichtigt und hat zwölf ehemalige eigene Vorstände, darunter Roland Koch, auf Schadenersatz verklagt. Haben Sie noch mehr Leichen im Keller?

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Nein, das ist jetzt alles abgehakt. Die Situation in Köln haben wir 2020 juristisch abschließen können. Jetzt wird dort demnächst weitergebaut, damit die Kölner endlich mal diese Baustelle los sind und eine durchgehende U-Bahn haben. Bezüglich Vorstandsklage haben wir das auch mit einer Vereinbarung einvernehmlich lösen können und das ist extrem wichtig, denn das ist alles aus der Vergangenheit und hat sehr wenig oder vielleicht auch gar nichts zu tun mit Bilfinger heute. Auch wir im Vorstand wollen uns fokussieren auf heute und morgen. Und je mehr dieser Themen abgeschlossen sind, je mehr Risiken wir reduzieren, umso weniger Zeit müssen wir dafür aufwenden.

Haben Sie mit Roland Koch Kontakt?

Nein.

Die Baubranche boomt. Trauern Sie der Tradition nach, seit 1880 Baukonzern gewesen zu sein?

Ich könnte mir vorstellen, dass der ein oder andere dem nachtrauert, aber man hatte gute Gründe damals, da auszusteigen. Es ist eindeutig keine Option mehr, in diese Richtung zurückzugehen.

Sie haben nun auch die letzte Beteiligung am Facility-Geschäft verkauft. Warum schütten Sie das Geld an die Aktionäre aus und investieren nicht in die Zukunft des Unternehmens?

Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Das Geld kommt erst im zweiten Quartal. Wir im Vorstand können uns gut vorstellen, dass Bilfinger nach einer relativ langen Zeit ohne Akquisitionen, das eine oder andere dazukaufen würde. Die Dividende steigt dieses Jahr nur, weil wir sie letztes Jahr wegen der Covid-Unsicherheiten gekürzt hatten.

Kletterer gefragt: Bilfinger-Mitarbeiter bei der Wartung einer Industrieanlage in Rotterdam
Kletterer gefragt: Bilfinger-Mitarbeiter bei der Wartung einer Industrieanlage in Rotterdam Bild: dpa

Das Unternehmen ist jahrelang geschrumpft was Umsatz und Mitarbeiterzahl angeht. Wann kommt der Wendepunkt?

Wir sind zuversichtlich. Wir haben 2020 noch sehr viel restrukturiert und auch gesagt, dass wir mit 4000 Mitarbeitern weniger in die Zukunft gehen. Das liegt vor allem am schrumpfenden Ölgeschäft in Großbritannien und Norwegen. Außerdem haben wir mehrere Großprojekte in den USA fertiggestellt. Wir glauben jetzt, dass weitere größere Restrukturierungen nicht notwendig sind.

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Wie ist die mittelfristige Perspektive. Können Sie den Mitarbeitern und Kapitalmärkten sagen, wir sind wieder ein Wachstumsunternehmen?

Ja, eindeutig. Ich habe ja schon erwähnt, dass die Kernenergie in den kommenden Jahren im Energiebereich eine Wachstumsgeschichte ist. Das ist kurzfristig der größte Wachstumstreiber. Mittelfristig sind es sicherlich auch die Erneuerbaren Energien. Im Bereich Wasserstoff sehen wir sehr gute Möglichkeiten zu wachsen, auch im Bereich Biopharma. Da können wir uns auch Zukäufe vorstellen.

Bei Nordstream 2 sind Sie ausgestiegen. Warum?

Da haben wir Dienstleistungen erbracht. Es war aber nie ein großes Projekt bei uns. Wir haben diese Arbeiten abgeschlossen und haben uns entschieden, uns für keine weiteren Projekte bei Nordstream 2 zu bewerben.

Welchen neuen Eigentümer wünschen Sie sich, wenn Ihr Großaktionär Cevian den geplanten Verkauf umsetzt?

Wichtig ist, dass Bilfinger auf seiner Transformationsreise Jahr für Jahr weiterkommt und das ist unabhängig davon, wer der Besitzer ist.

Ihre Mitarbeiter haben die vergangenen Jahre einiges mitgemacht. Ist es noch möglich, bei Bilfinger ein Wir-Gefühl und Zukunftoptimismus zu erzeugen?

Ich habe das Gefühl, es herrscht ein guter Spirit in der Firma und wir haben Jahr für Jahr Fortschritte gemacht. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Gesellschaften, die heute zu Bilfinger gehören, alle erst in den letzten 10 bis 20 Jahren gekauft worden sind. So etwas braucht Zeit, um zusammenzuwachsen. Und das motiviert mich auch weiterzumachen. Wir sind stolz, dass wir Mehrwert schaffen können als Familie, als „ein Bilfinger“.

Quelle: F.A.S.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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