Biometrische Gesichtserkennung

Mehr Sicherheit durch das digitale Abtasten

Von Carsten Knop
27.10.2006
, 19:37
Alles im Blick: Kameras im Mainzer Hauptbahnhof
Beim Kampf gegen Terror setzen die Fahnder verstärkt auf biometrische Videoüberwachung. Immer mehr Unternehmen wittern einen lukrativen Wachstumsmarkt. In der Regel werden jedoch einheimische Anbieter bevorzugt.
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Am Mainzer Hauptbahnhof halten Überwachungskameras seit Anfang Oktober Ausschau nach Gesichtern von Probanden. Auf der Suche nach leistungsstarken Fahndungssystemen erprobt das Bundeskriminalamt in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, ob die biometrische Gesichtserkennung wie erwartet funktioniert. Die Technik soll aus der Menschenmenge 200 Pendler herausfiltern, die sich verpflichtet haben, bis Ende Januar des kommenden Jahres regelmäßig den entsprechenden Bereich im Hauptbahnhof zu passieren.

Eingesetzt wird nichts anderes als ein sogenanntes biometrisches System. Dabei handelt es sich, so hoffen jedenfalls immer mehr Unternehmen, um einen interessanten Wachstumsmarkt, der noch in den Kinderschuhen steckt. Nach der Ansicht von Marktforschern wird der Weltmarkt für biometrische Systeme im laufenden Jahr ein Volumen von 2,68 Milliarden Dollar erreichen und sich auch künftig durch hohes Wachstum auszeichnen. Schon 2008 ist ein nahezu doppelt so hoher Umsatz mit diesen Systemen zu erwarten.

Aufklärung in London dank Videoaufnahmen

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Die Videoüberwachung ohne den zusätzlichen Einsatz biometrischer Systeme ist ohnehin längst allgegenwärtig. Die - rückwirkende - Aufklärung über die Hintermänner der Terroranschläge in der Londoner U-Bahn im vergangenen Jahr ist nicht zuletzt Videoaufnahmen zu verdanken. Die Biometrie hingegen beschäftigt sich mit der sofortigen Vermessung quantitativer Merkmale von Lebewesen mit der Hilfe statistischer Verfahren.

Auf den Treppen werden die Gesichter erfaßt
Auf den Treppen werden die Gesichter erfaßt Bild: AP

Aus einzelnen oder einer Kombination von biometrischen Daten wird dann mit der Unterstützung eines Computers auf die Identität einer Person geschlossen - und zum Beispiel der Zugang zu einem Gebäude gewährt oder ein Fahndungsalarm ausgelöst. Die biometrischen Merkmale müssen dafür allerdings zuerst als Referenzmuster in digitaler Form verschlüsselt abgespeichert werden. Beim nächsten Kontakt mit dem biometrischen System wird dann ein aktuelles Probemuster aufgenommen und mit dem gespeicherten Referenzmuster verglichen.

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Größte Skepsis derzeit in Lateinamerika

Einen großen Schub bekam die Biometrie im Oktober 2003: Seither wird bei der Beantragung eines Visums für die Vereinigten Staaten ein Fingerabdruck verlangt. Und nach einer vom amerikanischen Informationstechnologie-(IT-)Dienstleister Unisys in Auftrag gegebenen Umfrage gehen Verbraucher inzwischen auch offener mit solchen Erkennungssystemen um als in der Vergangenheit.

Jedenfalls dann, wenn sie von vertrauenswürdigen Organisationen betreut werden und der Bekämpfung des Identitätsdiebstahls dienen. 66 Prozent der Befragten, so das Ergebnis der Studie, bevorzugen Biometrie-Lösungen wie die digitale Erkennung des Fingerabdrucks oder der Sprache, um Betrug und Identitätsdiebstahl zu bekämpfen. Verbraucher aus Nordamerika können sich mit den Methoden am ehesten anfreunden. Die größte Skepsis gibt es in Lateinamerika.

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Eine große Barriere beim Markteintritt

Der Markt für biometrische Sicherheitssysteme ist noch sehr fragmentiert und wird von einer Vielzahl von Anbietern bis hin zu Kleinstunternehmen aus der Elektrotechnik bedient. Deshalb gehen die Marktforscher der Agentur Frost & Sullivan davon aus, daß es im Zuge des stürmischen Wachstums noch zu einer Reihe von Übernahmen kommen wird. Einerseits werde es eine Konsolidierung innerhalb der Branche geben. Andererseits würden Anbieter von bisher nicht in der Branche tätigen Unternehmen, die in den lukrativen Markt eintreten wollten, übernommen.

Auf dem Markt gibt es nur eine große Eintrittsbarriere: Denn wichtigste Auftraggeber für biometrische Sicherheitssysteme sind in der Regel staatliche Institutionen. Und die bevorzugen bei der Auftragsvergabe meist einheimische Unternehmen.

Beschleunigter DNA-Abgleich als Ziel

„Wir sind in den Vereinigten Staaten stark, in Deutschland wird hingegen oft Siemens bevorzugt“, sagt Roberto Tavano, der bei Unisys für das entsprechende Geschäft zuständig ist. Soeben hat zum Beispiel das amerikanische Bundeskriminalamt FBI Unisys beauftragt, eine neue System-Generation für den Abgleich von Erbgut (DNA) zu entwickeln und einzuführen.

Ziele sind eine effektive Verbrechensaufklärung und eine verbesserte Suche nach vermißten Personen. Dank einer neuen Suchmaschinentechnologie soll das System den DNA-Abgleich um ein Vielfaches beschleunigen. Der Vertrag zur Systementwicklung zwischen Unisys und dem FBI hat eine Basislaufzeit von zwei Jahren und Optionen für insgesamt weitere vier Jahre. Werden alle Optionen wahrgenommen, kann das Gesamtvolumen 50 Millionen Dollar betragen.

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Eigenes Biometrie-Zentrum in Brüssel

Auch biometrische Personalausweise oder Grenzkontrollsysteme sind schon unter der Regie von Unisys eingeführt worden. Allerdings nimmt nach den Worten von Tavano der Anteil privater Auftraggeber zum Beispiel aus der Unternehmenswelt zu. So könne über biometrische Sicherheitssysteme auch die Sicherheit eines Containerhafens gegen terroristische Anschläge verbessert werden. Unisys tritt in allen Fällen, sei es gegenüber staatlichen Stellen oder Unternehmen, ohnehin nur als Systemintegrator auf, der für eine funktionstüchtige Lösung garantiert - eigene biometrische Geräte entwickeln die Amerikaner nicht.

Einer der wesentlichen europäischen Wettbewerber von Unisys auf diesem Markt heißt Siemens. Um künftig einen besseren Zugang zum europäischen Markt zu erhalten, hat Unisys in diesem Jahr ein eigenes Biometrie-Zentrum in Brüssel eröffnet.

Quelle: F.A.Z., 28.10.2006, Nr. 251 / Seite 20
Autorenporträt / Knop, Carsten
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