Börsen

Die Macht der Computer

Von Nadine Oberhuber und Dyrk Scherff
01.10.2011
, 20:30
Runter und wieder rauf: Anleger müssen sich immer häufiger mit Kursschwankungen auseinandersetzen
Wer ist schuld, wenn die Börse an einem Tag einbricht und am nächsten zehn Prozent steigt? Ein Grund sind Maschinen, die ohne Menschen handeln.
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Anleger müssen derzeit schon einiges aushalten: Die Aktienkurse sind in den vergangenen Wochen nicht nur tief gefallen. Sondern sie schwanken auch noch heftig. Fünf Prozent runter, sechs Prozent rauf, das erlebt der Dax so häufig wie seit der Lehman-Krise nicht mehr. Manche Aktien wie die der Deutschen Bank gewannen in der vergangenen Woche bis zu 30 Prozent.

Normal ist das alles nicht. Doch wer ist schuld daran, dass die Indizes dieser Welt so unkontrolliert ausschlagen – mal in die eine, mal in die andere Richtung? Es erinnert arg an das Spiel mit dem Schwarzen Peter, wenn man die Beteiligten fragt. Da sagen manche Fondsgesellschaften, die Indexfonds (ETF) tragen zu den gestiegenen Schwankungen bei. Weil immer mehr Indexfonds passiv die Indizes dieser Welt abbildeten, liefen immer mehr Investoren im Gleichstrom in die gleiche Richtung. Dadurch pegele sich der Markt nicht mehr aus.

Mit Vollautomatik in die Kursschwankungen

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Der Vorstand von Blackrock Deutschland, Dirk Klee, hält kräftig dagegen. Er ist selbst einer der großen passiven Fondsanbieter und sagt: „Die passiven Fonds sind nicht schuld. Die gehen ja nicht aus dem Markt, wenn die Kurse sinken.“ Sie tun dann eben einfach nichts und halten ihre Anteile. Damit liegt der Schwarze Peter woanders: im vielkritisierten Hochfrequenzhandel. Der besteht aus vollautomatisch agierenden Computern, die im Millisekundentakt Handelsaufträge an die Börsen jagen. In einer Sekunde sind sie Käufer, in der nächsten schon wieder Verkäufer. Sie machen mittlerweile einen bedeutenden Teil des gesamten Handelsvolumens an der Börse aus. Sie könnten also die heftigen Kursschwankungen auslösen.

Die hohen Kursausschläge sind Folge des starken Einsatzes automatisch handelnder Computer und verbesserter Börsentechnik
Die hohen Kursausschläge sind Folge des starken Einsatzes automatisch handelnder Computer und verbesserter Börsentechnik Bild: F.A.Z.

Ein Beleg für diese These scheint der Mai 2010 zu liefern, als eine Stunde lang die Börse an der Wall Street verrückt spielte: Die Papiere von Schwergewichten wie Procter & Gamble sanken kurzzeitig auf Centbeträge, während andere Aktien ihren Kurs verhundertfachten. Der automatisierte Computerhandel hat den Blitzcrash zwar wohl nicht ausgelöst, aber dennoch arg verstärkt. Seitdem sind die auch Algotrader genannten Computer vielen ein Dorn im Auge, und die Aufsichtsbehörden wollen sie strenger überwachen.

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Ackermann: „Hochfrequenzhandel trägt zur Liquidität bei“

Eine Überprüfung der deutschen Terminbörse Eurex für einen Handelstag im August ergab, dass Auslöser für den Kursrutsch an dem Tag nicht die Hochfrequenzhändler waren. Dem Vernehmen nach soll es eine ausländische Großbank gewesen sein. In der Folge hätten viele verkauft, auch die Hochfrequenzhändler. Sie waren aber auch unter den Käufern zu finden. Sie sorgten so für zusätzliche Liquidität, hatten also sogar eine positive Wirkung. „Die oft unterstellte Beschleunigung der Abwärtsbewegung durch computerbasierte Handelsstrategien war nicht zu beobachten“, heißt es in der Untersuchung.

Selbst Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist sich nicht ganz sicher. Der Hochfrequenzhandel trage zur Liquidität und Preisbildung bei, sagte er in Zürich. Aber es gebe auch Hinweise, dass dieser Handel in schwierigen Marktphasen die Probleme vergrößere. Eine Analyse des Karlsruhe Institute of Technology (Kit) von Daten der Terminbörse Nasdaq aus den Krisenjahren 2008 und 2009 ermittelte hingegen, dass Hochfrequenzhändler Kursstürze sogar abgemildert haben. Kursanstiege allerdings auch. Und nach Auswertungen mehrerer Studien kommt auch die Frankfurter Goethe-Universität zum Schluss, dass die meisten Untersuchungen Hochfrequenzhändlern positive Wirkungen zubilligen. Sie halten zudem wenig Kapital vor, könnten also die Märkte auch nicht so stark bewegen.

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Computer lassen Stop-Loss-Orders steigen

Ein Freispruch für den automatisierten Computerhandel generell ist das aber nicht. In den Großbanken und bei Hedgefonds agieren Computer manchmal zwar nicht im Millisekunden-Takt, aber etwa, wenn die automatische Analyse von maschinenlesbaren Konjunkturdaten ein Handeln erfordert. Oder wenn bestimmte Kursschwellen unterschritten werden. Das löst weitere Verkäufe aus, der Trend verschärft sich. Die gestiegene Zahl von Stop-Loss-Orders unterstreicht das. Das sind Aufträge, die automatisch ausgeführt werden, wenn die Kurse unter einen bestimmten Wert fallen. Großbanken haben zudem deutlich mehr Kapital zur Verfügung als Hochfrequenzhändler.

Die Hedgefonds wehren sich gegen die Vorwürfe. „Die Branche macht mit einem verwalteten Vermögen von weltweit knapp 2000 Milliarden Dollar nur einen Bruchteil des von Investmentfonds verwalteten Vermögens aus“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes Alternativer Investments (BAI) Frank Dornseifer. Immerhin: In einigen Teilbereichen wie dem Devisenhandel oder Rohstoffteilmärkten, reicht das Volumen der Hegdefonds allemal, um die Kurse zu treiben. Und die Branche verweigert sich der Analyse ihrer Handelsdaten durch die Wissenschaft, Studien über die Folgen ihrer Transaktionen gibt es daher anders als bei Hochfrequenzhändlern nicht.

Einsparungen verstärken Umstellung auf Computer

Klar ist: Die moderne Börsentechnik hat automatisierten Computerhandel und seine Folgen gefördert. Sie ermöglicht die Abwicklung von Handelsvolumen, die vor kurzem noch undenkbar gewesen sind. Damit können größere Transaktionen viel negativere Folgen haben als früher. „Je größer das Ordervolumen, desto größer die Ausschläge und desto höher die Ungleichgewichte am Markt“, sagt Andreas Park, Wirtschaftsprofessor an der Universität Toronto.

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Die Einsparung von Personal in den Banken und die Umstellung auf Computer haben die Entwicklung verstärkt. Das soll nicht nur Kosten sparen, sondern auch die ungewünschten Emotionen beim Börsenhandel ausschalten. Computer handeln kühl – aber eben auch nicht immer überlegt. Da die Banken immer globaler aktiv sind, verstärken sich Trends auch schnell weltweit.

Aktuelle Krise ist Neuland

Ein weiterer Grund für die hohen Kursschwankungen liegt in der Einzigartigkeit der aktuellen Krise, für die es kaum Vorbilder gibt. Das erhöht die Unsicherheit besonders und damit die Ausschläge. Es handelt sich zum einen um eine Bankenkrise, die mit der Lehman-Pleite begann und die erste seit den 30er Jahren ist. Die erfasst immer die ganze Wirtschaft. Schlechte Nachrichten zu den Banken belasten damit über die Sorge um die Finanzierung immer auch die Kurse vieler anderer Aktien. Es gibt kaum mehr Aktien, die mit einer positiven Entwicklung die Kursverluste abmildern. Und über die Ansteckungsgefahr von Krisen innerhalb einer Währungsunion in Europa gibt es auch keine Erfahrungswerte.

Fazit: Die hohen Kursausschläge sind Folge des starken Einsatzes automatisch handelnder Computer, verbesserter Börsentechnik in einer globalen Finanzwelt und einer ganz besonderen Krise.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scherff, Dyrk
Dyrk Scherff
Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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