Börse

Fehlstart

15.04.2005
, 19:43
FRANKFURT, 15. April. Schlechter hätte der Auftakt zur Berichtssaison kaum verlaufen können. Erst ächzte General Motors unter hohen Kosten und der Last der Gesundheitsversorgung für die Mitarbeiter. Dann zog Ford nach und reduzierte das Gewinnversprechen.

FRANKFURT, 15. April. Schlechter hätte der Auftakt zur Berichtssaison kaum verlaufen können. Erst ächzte General Motors unter hohen Kosten und der Last der Gesundheitsversorgung für die Mitarbeiter. Dann zog Ford nach und reduzierte das Gewinnversprechen. Dazu kamen am Mittwoch der enttäuschende Umsatz im amerikanischen Einzelhandel, der den geringsten Zuwachs seit einem Jahr aufweist, und das Rekorddefizit in der amerikanischen Handelsbilanz. Das hat vielen Anlegern die Kauflaune verdorben und sie an die Risiken auf den Kapitalmärkten erinnert. Vor allem am Freitag sind die Kurse nach unten gerauscht, so daß für die Wochenbilanz der europäischen Börsen unter dem Strich ein Minus von 1,5 bis 2 Prozent bleibt. Mit einem Abschlag von 2,5 bis 3,5 Prozent traf es die Wall Street etwas härter.

Innerhalb kurzer Zeit hat sich der Blick auf die Risikofaktoren gewandelt. En vogue ist nun wieder die Furcht vor einem Abflauen des Wirtschaftswachstums. Entsprechend stark waren die Kursreaktionen bei den jüngsten negativen Konjunkturdaten. Doch was ist schon passiert? Selbst wenn sich das Wachstumstempo in den kommenden Monaten in Amerika beruhigt, ist für die Weltwirtschaft immer noch ein schönes Plus drin. Sicher werden es nicht 5 Prozent wie im Vorjahr, auch die von Analysten erhofften 4 Prozent sind nun fraglich. Aber selbst mit einem Zuwachs um 3 oder 3,5 Prozent sollten die Aktienmärkte leben können. Selbst in Europa sieht es nicht so schlecht aus: Die deutschen Maschinenbauer meldeten in der vergangenen Woche auf der Hannover Messe gutgefüllte Auftragsbücher. Daß die Nachfrage vor allem aus dem Ausland stammt und Sorgen über die Entwicklung in Deutschland geäußert wurden, muß die Käufer von Aktien zunächst nicht beunruhigen, denn ihnen kann es egal sein, wo ihr Unternehmen die Gewinne erwirtschaftet.

Hinzu kommt, daß einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Konjunktur an Gewicht verloren hat. Der Ölpreis hat sich in der vergangenen Woche weiter von seinem Rekordhoch entfernt und liegt nun schon gut 10 Prozent niedriger als beim Jahreshoch. Doch in der gegenwärtigen Stimmungslage wird diese Entspannung geradewegs in ein Warnsignal umgedeutet. Der fallende Preis für Öl und andere Rohstoffe sei ja gerade Ausdruck der Konjunktursorgen, warnen die Pessimisten.

In der Trübsal geht unter, daß die bisherigen Quartalsberichte zum großen Teil erfreulich waren. IBM hat zwar für das europäische Geschäft eine Restrukturierung angekündigt und die Gewinnerwartungen gedämpft, aber andernorts werden Rekorde gefeiert. So hat General Electric am Freitag für das erste Quartal einen Gewinnsprung um 25 Prozent auf rund 4 Milliarden Dollar gemeldet. So viel gab es noch nie. Die Citigroup hat in den ersten drei Monaten des Jahres 5,38 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftet, etwas mehr, als Anleger erhofft hatten. Eine der wichtigsten Nachrichten kam von Eli Lilly, das einen Patentstreit gewann, was Analysten zu Lobeshymnen auf die Aussichten der Pharmabranche veranlaßte.

Doch all diese erfreulichen Nachrichten drangen auf dem verunsicherten Markt nicht so richtig durch. Die Aktien der betroffenen Unternehmen profitierten zwar. Doch das reichte nicht, um die breiten Aktienindizes zu stabilisieren. Allerdings dürfte dies auch mit der relativ hohen Bewertung in den Vereinigten Staaten zu tun haben. Dort liegt das Verhältnis der Kurse zu den für das kommende Jahr erwarteten Unternehmensgewinnen bei 15. In Europa liegt dieser Wert zum Beispiel für den Dax bei 12. Die höhere Bewertung macht die Wall Street anfälliger für Rückschläge. Diese Anfälligkeit schwappt allerdings nach Europa herüber. Die hiesigen Börsen sind zwar in diesem Jahr etwas besser gelaufen als die Wall Street und verzeichnen immer noch ein kleines Plus, aber sie haben sich zuletzt an der negativen Stimmung der amerikanischen Börsen orientiert.

Dabei sollte die Bewertung der europäischen Aktienmärkte Anlaß zu mehr Gelassenheit sein. Die heimischen Aktien sind, gemessen an den Gewinnaussichten, um rund 20 Prozent günstiger als die amerikanischen. Die Alternativen bei der Geldanlage sind zudem in Europa noch unattraktiver als in Amerika. Dort erhalten Käufer von langlaufenden Staatsanleihen eine Rendite von immerhin 4,3 Prozent, bei europäischen Zinstiteln sind derzeit nur noch 3,5 Prozent zu erwarten. Das spricht dafür, daß sich die Anleger trotz der gegenwärtigen Verunsicherung bald wieder auf die Chancen besinnen, die mit der Aktienanlage verbunden sind. Stefan Ruhkamp

Quelle: F.A.Z., 16.04.2005, Nr. 88 / Seite 23
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