Wirtschaft gegen Gesundheit

Bolsonaros Spiel mit dem Virus

Von Dennis Kremer
09.05.2020
, 18:56
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, aufgenommen Anfang Mai
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hält die Angst vor Corona für übertrieben. Ihm ist die Wirtschaft wichtiger als der Seuchenschutz. Eine tödliche Strategie.
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Es lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, warum die Eltern des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro sich einst entschlossen, ihrem Sohn den zweiten Vornamen Messias zu geben. Man darf zu ihren Gunsten annehmen, dass sie hofften, aus dem Sohn werde einmal ein gottesfürchtiger Mann, zumal Zweitnamen wie „Jesus“ oder „Messias“ in Südamerika gar nicht so ungewöhnlich sind.

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Mit Gottesfurcht haben die Aussagen, mit denen der Präsident des größten und wichtigsten südamerikanischen Landes zuletzt auf seinen Namen Bezug nahm, allerdings wenig zu tun. Und das, obwohl er bei anderer Gelegenheit gerne seine Nähe zu den evangelikalen Kirchen Brasiliens betont und fast jede seiner Reden mit dem Satz „Brasilien über allem und Gott über allen“ beendet.

Es war an einem Abend Ende April, als der 65-Jährige beschloss, aus seiner Präsidentenlimousine auszusteigen, um länger mit einigen Anhängern zu reden, die am Wegesrand auf ihn gewartet hatten. „Das Volk verehrt dich, Presidente“, riefen sie ihm zu. „Wir stehen an deiner Seite.“ Da Brasilianer es lieben, so gut wie alles, was sie erleben, in den sozialen Medien zu posten, finden sich im Internet viele Mitschnitte dieses Auftrittes, bei dem Präsident Bolsonaro zu den Corona-Fällen in Brasilien sagte: „Das ist wie Regen. Man kann versuchen, sich dagegen zu schützen, aber ein bisschen nass wird man doch immer.“

„Der schlimmste Tag“

Irgendwann trat ein Fernsehteam hinzu und stellte Bolsonaro, der Brasilien seit 2019 regiert, eine Frage, die dem mächtigen Mann so gar nicht passen wollte: Warum er nicht mehr gegen die steigende Zahl von Corona-Toten im eigenen Land unternähme? Es ist aufschlussreich, die Antwort in ganzer Länge wiederzugeben. „Na und? Das tut mir leid. Aber was verlangt ihr, das ich dagegen tue? Mein zweiter Vorname ist Messias, aber ich vollbringe keine Wunder. Die Toten von heute wurden schon vor zwei Wochen angesteckt. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung wird es treffen.“

Das Irritierende an diesem Auftritt ist nicht der offensichtliche Zynismus. Auch nicht, dass Bolsonaro, der sonst bekannt dafür ist, es mit wissenschaftlichen Fakten nicht so genau zu nehmen, über die Wirkungsdauer des Virus und die mögliche Verbreitung keinen Unsinn erzählte. Sondern dass ihm seine Anhänger nach solchen Sätzen stets frenetisch zujubeln.

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Nun lässt sich aus der Zustimmung einiger nicht unbedingt aufs ganze Land schließen. Aber im Fall von Bolsonaro ist es so: 51 Prozent der Brasilianer finden Umfragen zufolge, dass seine Regierung sehr gute, gute oder zumindest durchschnittliche Arbeit leiste. Was ein außerordentlich guter Wert angesichts der Tatsache ist, dass Brasilien mit einem prognostizierten Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von fünf Prozent gerade in eine schwere Wirtschaftskrise hineinschlittert und zudem eines der Länder ist, in dem Covid-19 derzeit am meisten wütet.

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Vom „schlimmsten Tag“ sprachen Brasiliens Medien in der vergangenen Woche, als die Zahl der neuen Covid-19-Toten mit 751 auf einen Rekord hochschnellte. Fast 10000 Corona-Tote hat das Land mittlerweile zu beklagen und rund 145000 Infizierte. Zahlen, die auf den ersten Blick gar nicht so hoch zu sein scheinen, schließlich hat Brasilien mehr als 210 Millionen Einwohner. Aber Brasilien ist auch eines der Länder, das am wenigsten auf das Virus testen lässt. Mit gerade einmal 1600 Tests je eine Million Einwohner liegt man beispielsweise weit hinter den Vereinigten Staaten mit 20000 Tests je eine Million Menschen. Die wahre Zahl der Infizierten dürfte also viel höher sein, zumal das Virus erst spät in Lateinamerika ankam. Erst Ende Februar wurde der erste Brasilianer positiv getestet. Die Pandemie steht dort also wirklich noch ganz am Anfang.

Regiert ein Wahnsinniger Brasilien?

Wird Brasilien von einem Wahnsinnigen regiert, der sich um das eigene Volk nicht schert, dem die Menschen in völliger Verblendung aber trotzdem folgen? Nein. Bolsonaro folgt einem Plan, der in gewisser Weise bislang aufgeht. Welches Kalkül ihn dabei antreibt – warum er Corona kleinreden und dafür trotzdem mit Unterstützung rechnen kann –, lässt sich aus einer in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Fernsehansprache des Präsidenten aus dem März herauslesen.

Bolsonaros Anhänger demonstrieren in der Hauptstadt Brasilia.
Bolsonaros Anhänger demonstrieren in der Hauptstadt Brasilia. Bild: Reuters

Mit der brasilianischen Landesfahne im Hintergrund stellte der ehemalige Offizier Bolsonaro bei dieser Ansprache klar: Er werde wenig tun, um sein Land gegen den unsichtbaren Feind Corona zu verteidigen. Alle redeten von Italien, sagte er, aber das Land habe doch viel mehr Alte und ein anderes Klima als Brasilien. Personen in der Corona-Risikogruppe seien älter als 60 Jahre. Warum also die Schulen schließen? 90 Prozent der Menschen würden im Falle einer Infektion nichts spüren. Und falls jemand auf die Idee käme, den 65-jährigen Präsidenten selbst zur Risikogruppe zu zählen, hatte er sich auch dafür etwas zurechtgelegt: „Als ehemaliger Athlet würde ich bei einer Infektion nichts spüren, höchstens eine kleine Erkältung oder eine kleine Grippe.“ Fast schon spielerisch fügte er Halbwahrheiten und Unwahrheiten über das Virus zusammen – immer so, wie es am besten in die Argumentation passt. Sein Vortrag gipfelte in dem Satz: „Unser Leben muss weitergehen, Arbeitsplätze müssen erhalten bleiben.“

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Arbeitsplätze gehen vor

In der Abwägung zwischen gesundheitlichen Risiken durch das Virus und dem Schaden für die Wirtschaft hat sich Bolsonaro klar entschieden: Arbeitsplätze gehen vor. Das ist seine zugegebenermaßen riskante Strategie. „Jair Bolsonaro tut alles, um die Verantwortung für die wirtschaftliche Krise von sich fernzuhalten“, sagt der Deutschbrasilianer Oliver Stuenkel, Professor der renommierten Getúlio-Vargas-Stiftung in São Paulo. „Er rechnet damit, dass die Wirtschaftskrise viele Brasilianer stärker beschäftigen wird als das Virus.“

Da der Präsident als Corona-Bekämpfer ausfällt, haben sich die Gouverneure der meisten Bundesstaaten der Sache angenommen. So gilt beispielsweise in São Paulo mittlerweile eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum. Das gibt Bolsonaro die Möglichkeit, ständig gegen die Maßnahmen zu wettern: „Es ist unverantwortlich, was manche Gouverneure da tun. Der Preis wird hoch sei – Arbeitslosigkeit, Elend. Das Land wird Probleme haben, das wissen wir heute schon.“

Warum Bolsonaros Aussagen verfangen

Dass solche Aussagen bei nicht wenigen Brasilianern verfangen, hat viel mit der Wirtschaftsstruktur des Landes zu tun. Mindestens zehn Millionen Brasilianer sind im informellen Sektor tätig, wie die Ökonomen das nennen, also ohne Arbeitsvertrag. Exemplarisch hierfür steht der Verkäufer, der an der Ampel Süßigkeiten feilbietet. Hinzu kommen viele Selbstständige und eine hohe Zahl an Arbeitslosen, von denen nicht wenige schwarzarbeiten. Kommt das Wirtschaftsleben plötzlich zum Erliegen, stehen diese Menschen von heute auf morgen ohne Einnahmen da und wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Das kann dem gefährlichsten Virus den Schrecken nehmen. Zudem können die Leute in der Enge der Favelas, aus denen viele von ihnen stammen, sowieso nicht den Mindestabstand einhalten. Auch „Home Schooling“ zu Hause ist unmöglich, weil die Internetverbindung dafür nicht taugt, so es sie denn überhaupt gibt. „Die Corona-Krise bringt die enorme Ungleichheit zwischen den Klassen, die in Brasilien ohnehin herrscht, noch deutlicher zum Vorschein“, sagt Oliver Stuenkel von der Getúlio-Vargas-Stiftung. Die Behauptung, vor dem Virus seien alle gleich, treffe in kaum einem Land so wenig zu wie in Brasilien.

Auch wenn die Ärmeren anfangs nicht zu den größten Unterstützern des Präsidenten zählten (über Schwarze hat er mal den rassistischen Satz gesagt: „Es besteht keine Gefahr, dass sich meine Söhne in eine Schwarze verlieben, sie wurden gut erzogen“), so spricht er ihnen jetzt aus der Seele. Und Bolsonaro nutzt die Mittel seines Amtes, um sich bei ihnen beliebt zu machen: Er wird nicht müde, die Soforthilfen anzupreisen, die seine Regierung beispielsweise Selbständigen anbietet – auch wenn ihr Umfang mit umgerechnet nicht einmal 100 Euro je Person doch eher bescheiden ist.

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Die Stimmung im Volk erspürt der Präsident auch über seine Söhne, von denen die drei Ältesten ebenfalls in der Politik aktiv sind. Sie bespielen die Social- Media-Kanäle des Vaters, der die reichlich merkwürdige Angewohnheit hat, seine erwachsenen Kinder nicht mit ihren Vornamen anzusprechen. Stattdessen benutzt er eine Sprache, die Militärs bei Geheimoperationen verwenden. Sein Ältester heißt bei ihm „Null Eins“ (Zero Um), der zweite Sohn „Null Zwei“ (Zero Dois), der Dritte „Null Drei“ (Zero Três). Seine jüngste Tochter Laura nennt er dagegen beim Vornamen.

Die Merkwürdigkeiten des Jair Messias Bolsonaro

Es ist nicht die einzige Merkwürdigkeit im Leben des Jair Messias Bolsonaro. Geboren 1955 im Bundesstaat São Paulo, wurde er in seiner Jugend „Palmito“ gerufen – wegen seiner weißen Beine, die an ein Palmenherz erinnerten. Als junger Mann besuchte er die Militärakademie und wurde Fallschirmjäger, was seine Begeisterung für militärische Sprache und seinen in aller Regel zackigen Vortragston erklärt. Es war die Zeit, als die Militärs in Brasilien die Macht hatten. Bolsonaro verherrlicht diese Jahre der Diktatur von 1964 bis 1985 als „glorreiche Epoche“ und sagte dazu den bemerkenswerten Satz: „Der große Fehler der Diktatur war es, dass sie Menschen nur gefoltert hat. Nicht getötet.“ Ein Satz, der schon faktisch nicht stimmt, weil damals auch Menschen zu Tode gefoltert wurden.

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Nach 17 Jahren schied Bolsonaro aus dem Militärdienst aus. Brasilien war mittlerweile eine Demokratie geworden, und der frühere Hauptmann beschloss, in die Politik zu gehen. Er kandidierte zunächst für das Stadtparlament von Rio und kam dann 1991 in den brasilianischen Kongress. Dies ist das Ironische an seiner Geschichte: Als er im Präsidentschaftswahlkampf 2018 versprach, endlich mit den alten Seilschaften in der Hauptstadt Brasília aufzuräumen, verschwieg er geflissentlich, dass er in Wahrheit einer der Abgeordneten mit der längsten Dienstzeit im Land war.

Doch die Rhetorik verfing bei der Mehrheit der Brasilianer und brachte den Mann, der jahrzehntelang ein politischer Außenseiter gewesen war, mit 55 Prozent Zustimmung ins Amt. Neben einer geschickten Social-Media-Kampagne trug zu dem Erfolg auch bei, dass Bolsonaro wenige Wochen vor der Wahl ein Messerattentat überlebte. In den Augen vieler gläubiger Brasilianer war dies ein Zeichen dafür, dass Jair Messias Bolsonaro tatsächlich ein Auserwählter sei.

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Der Wirtschaftsminister ist isoliert

In weiten Teilen der Wirtschaft dachte man pragmatischer: Bolsonaro machte den liberalen Ökonomen und einstigen Investmentbanker Paulo Guedes zum Wirtschaftsminister, das gefiel der Unternehmerschaft. Doch Guedes ist mittlerweile im Kabinett isoliert, was sich auch daran zeigt, dass er der einzige Minister ist, der regelmäßig mit Maske zu den Sitzungen erscheint. Manche interpretieren dies als stummen Protest gegen Bolsonaros Politik. Gravierender ist, dass sein vernünftiger politischer Ansatz seit Corona aus der Zeit gefallen scheint: Auf weniger Staat und mehr Globalisierung zu setzen ist angesichts gestörter Lieferketten und geschlossener Grenzen schwierig. Die Isolation von Guedes führt zu der interessanten Konstellation, dass große Teile der Wirtschaftselite von Bolsonaro abrücken, die Zustimmung in der einfachen Bevölkerung für ihn aber wächst.

Dies könnte sich allerdings ändern, je schlimmer die Pandemie in Brasilien wütet. Das ist Bolsonaros Risiko. Dem staatlichen Gesundheitssystem, selbst in normalen Zeiten überlastet, droht der Kollaps. Die Zeitungen berichten in manchen Gegenden schon von Staus vor den Friedhöfen. Währenddessen schüttelt Bolsonaro Hände und umarmt, was das Zeug hält. Er leugnet, dass die Todesfälle alle mit dem Virus zu tun hätten.

Es sieht so aus, als würde Jair Messias Bolsonaro weiter daran arbeiten, seinem zweiten Vornamen möglichst wenig Ehre zu machen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kremer, Dennis
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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