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Britischer Unterhändler Frost

Wie „Frosty“ das Eis in Brüssel brechen soll

Von Philip Plickert, London
 - 17:49
David Frost

Es ist wohl der schwierigste Posten, den die Regierung in Downing Street zu bieten hat: Nach dem EU-Austritt soll in nur elf Monaten ein Freihandelsabkommen mit der EU geschlossen werden, hofft die Regierung von Boris Johnson. Der 54 Jahre alte Karrierebeamte David Frost soll dieses Meisterstück liefern. Johnson hat ihn zum Leiter der „Taskforce Europe“ berufen; Frost führt ein Team von 30 bis 40 Leuten, darunter Juristen und Handelsexperten, in der Downing Street. Bei ihm laufen alle Fäden für die Verhandlungen zusammen.

Mit dem Brexit hat eine Übergangsfrist begonnen, nach derzeitigem Stand bis Ende 2020, in der sich für den Handel und die Wirtschaft noch keine Regeln ändern. Danach aber droht eine Klippe. Können sich die EU und London nicht auf ein Abkommen einigen, würden Zollmauern hochgezogen. Frost, den sie in Johnsons Team „Frosty“ nennen, soll die eisige Front der Zweifler in Brüssel durchbrechen, die es für quasi ausgeschlossen halten, in nur elf Monaten ein umfassendes Freihandelsabkommen zu schließen und weitere Aspekte der künftigen Post-Brexit-Beziehungen zu klären. Es sei „praktisch unmöglich“, meinte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Handelsfachleute der Kommission verweisen auf frühere langwierige Verhandlungen, etwa für das mehr als 1500 Seiten dicke Abkommen mit Kanada namens Ceta. Es zog sich über sieben Jahre hin.

Aus Sicht von Boris Johnson ist die Zeitnot nicht schlecht, sondern ein hilfreicher Beschleuniger. Und unmöglich sei eben doch nichts in der EU. Im Sommer hatte es in Brüssel geheißen, es sei unmöglich, den Austrittsdeal noch mal aufzuschnüren. Das Austrittsabkommen, das Johnsons Vorgängerin Theresa May geschlossen hatte, das aber im Parlament dreimal gescheitert war, könne nicht mehr substantiell verändert werden. Johnson und seinem Chefunterhändler Frost gelang aber genau das.

Akademische Laufbahn

Frost soll nun abermals ein Kunststück vollbringen, in kürzestmöglicher Zeit den Handelsvertrag unter Dach und Fach zu bringen. In London heißt es, Johnson vertraue ihm zu 100 Prozent. Frost diente Johnson schon früher als Sonderberater und hat sich den Respekt seines Chefs verdient. Anders als Mays Unterhändler ist er ein Brexit-Befürworter, der den EU-Austritt als Chance für das Land sieht. Aber er gilt auch als Pragmatiker, ist kein Hardcore-Brexiteer, der auch einen No-Deal-Austritt hinnehmen würde.

In Brüssel kennt man ihn gut. Positiv wird gesehen, dass er ein enger Vertrauter von Johnson ist. „Das könnte in der zweiten Phase der Verhandlungen hilfreich sein“, sagt ein EU-Diplomat. Aber es gibt auch Skepsis. „Bisher hat Frost kein eigenes Profil gezeigt, ob er mehr ist als eine Sprechpuppe Johnsons, das muss sich erst zeigen“, sagt ein anderer Diplomat. Ein Thinktank-Direktor, der häufiger mit Frost zusammengearbeitet hat, bezeichnet ihn als überzeugten Freihändler und liberalen Marktwirtschaftler. „Er ist einer, der pragmatisch Lösungen sucht“, sagt er.

Was Frost helfen wird, ist seine Erfahrung als Diplomat. Außerdem hat er Verständnis für Frankreich, das in den Verhandlungen eine härtere Linie fährt als andere. Frost, geboren 1965 in Derby in Mittelengland, hat am Oxforder St. John’s College Altfranzösisch und mittelalterliche europäische Geschichte studiert. Nach einem Abschluss mit Bestnote trat er 1987 in den britischen Auswärtigen Dienst ein und kam in der Welt herum. Nach einer Station auf Zypern, wo er Griechisch lernte, erhielt er einen Posten in der britischen Vertretung in Brüssel, war dort für das Thema Wirtschaft zuständig.

An Streitpunkten wird es nicht mangeln

Anders als viele andere konvertierte er in Brüssel aber nicht zum „Europhilen“, sondern bewahrte sich skeptische Distanz zum EU-Apparat. Es folgten Stationen bei der UN in New York, an der britischen Botschaft in Paris, von 2006 bis 2008 war er Botschafter in Dänemark. 2008 kehrte er nach London zurück und wurde Direktor für Strategie und Planung im Außenamt, danach Direktor für Europa- und Handelspolitik im Wirtschaftsministerium.

Fachlich ist Frost mit der EU-Handelsmaterie also bestens vertraut. Einen kurzen Abstecher in die Wirtschaft hat er sich auch erlaubt: 2013 wurde er Chef des Verbands der schottischen Whisky-Hersteller, also Oberlobbyist für die edlen Tropfen aus den Low- und Highland-Brennereien. „Er hat mal gewitzelt, dass das eigentlich sein schönster Job gewesen ist“, sagt ein Bekannter von ihm. Nach drei Jahren wechselte Frost wieder in die Politik.

Boris Johnson, damals Außenminister, berief ihn im November 2016, als Sonderberater für Europa. Knapp zwei Jahre lang verfolgte er an der Seite Johnsons das Ringen um einen Austrittsvertrag. Kurzzeitig wechselte er zur Londoner Handelskammer als Direktor, doch seit Mitte 2019 sitzt er wieder im Auge des Brexit-Sturms als britischer Chefunterhändler in Brüssel. Dort ist er Gegenspieler von EU-Chefunterhändler Michel Barnier, dessen Stellvertreterin Clara Martínez Alberola und dem EU-Handelskommissar Phil Hogan. Barnier beklagte unlängst eine komplette „Lähmung“ der Brexit-Verhandlungen.

Bekannt für freundliche Art und Humor

Doch auf wundersame Weise löste sich der Knoten. Die EU-Seite betonte, dass der Durchbruch gelang, weil Johnson einen älteren EU-Vorschlag zur Nordirland-Frage akzeptierte. In den nächsten elf Monaten wird es an Streitpunkten nicht mangeln. Einen Vorgeschmack gaben die wütenden Reaktionen einiger Brexiteers auf das Ansinnen Brüssels, der Europäische Gerichtshof solle bei Streitfragen über die Einhaltung künftiger Handelsvereinbarung entscheiden. Das Luxemburger Gericht ist für Brexiteers ein rotes Tuch.

Im Kern der Verhandlungen um ein Freihandelsabkommen geht es darum, wie viel Abweichung von EU-Regulierung Brüssel den Briten zugesteht, ohne ihnen den Marktzugang zu verwehren. Die EU besteht auf gleichen Regeln, wozu Umwelt- und Sozialstandards sowie Regeln zu Steuern und Staatsbeihilfen zählten. Die britische Industrie ist besorgt, dass ihr Marktzugang eingeschränkt wird. Frost wolle „Lösungen, die einen maximalen Marktzugang erlauben“, sagt ein Thinktank-Mitarbeiter in Brüssel. Frost sei bekannt für eine freundliche Art und Humor, das könne helfen – auch wenn es in den nächsten Monaten wenig zu lachen geben wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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