Nachfolgerin von Lagarde

Bulgarin wird Chefin des Währungsfonds

Von Winand von Petersdorff
Aktualisiert am 25.09.2019
 - 20:50
Hat Erfahrung: Kristalina Georgiewa
Kristalina Georgiewa übernimmt die Nachfolge von Christine Lagarde an der Spitze des Internationalen Währungsfonds. Die Bulgarin ist damit die erste Osteuropäerin im Amt.

Der Internationale Währungsfonds hat seine neue Chefin gefunden. Die bulgarische Volkswirtin Kristalina Georgiewa wird wie erwartet Nachfolgerin von Christine Lagarde an der Spitze des Internationalen Währungsfonds. Die Europäische Union hatte sie nominiert, nachdem sie sich gegen den Holländer Jeroen Dijesselbloem durchgesetzt hatte.

Um die Wahl der 65 Jahre alten Georgiewa möglich zu machen, änderte der Währungsfonds vor wenigen Wochen seine in den Statuten fixierte Altersgrenze. Die Bulgarin wechselt für den Karrieresprung die Straßenseite in Washington. Sie war seit Januar 2017 Geschäftsführerin der Weltbank, zunächst unter dem Präsidenten Jim Yong Kim und zuletzt unter David Malpass. Für die Nominierung hat sie sich allerdings beurlauben lassen. Nach dem überstürzten Ausscheiden Kims zu Beginn dieses Jahres führte Georgiewa die Weltbank vorübergehend sogar allein.

Keine leichte Aufgabe für Georgieva

Sie hat ganz offensichtlich die Fähigkeit zum Management großer politischer Institutionen und zur Friedensstiftung. Während Jim Yong Kim sich schnell die Sympathien der Weltbank-Belegschaft verscherzt hatte, als er die Berater von McKinsey anheuerte, um die Institution zu restrukturieren, konnte sich Georgiewa mit ihrer ausgleichenden Art stets auf den hausinternen Rückhalt verlassen. Als der inzwischen zum Nobelpreisträger avancierte Volkswirt Paul Romer in seinem kurzen Gastspiel als Chefökonom der Weltbank seine Untergebenen gegen sich aufbrachte mit brüsker Kommunikation, kittete sie die Scherben. Sie beschwichtigte auch Chiles empörte Führung, nachdem das Land im Länderranking des „Doing Business“-Berichts abgerutscht war, weil sich das Bewertungsverfahren verändert hatte.

Ihre Fähigkeit, Harmonie zu produzieren scheint wirkungsvoll: Wie von Zauberhand sind die Debatten verstummt, dass unbedingt endlich ein Kandidat der Entwicklungsländer den Währungsfonds leiten müsse, um ausgleichende Gerechtigkeit herzustellen oder die Armutsperspektive ins Führungsgremium zu bringen. Statt dessen bleibt die alte Arbeitsteilung in Kraft: Nach der Gründung des IWF hat sich eingebürgert, dass er stets von einem Europäer geführt wird, während die Weltbank immer von einem Amerikaner geleitet wird. Nie was es anderen Ländern gelungen, das Gentlemen’s Agreement zu durchbrechen. Georgiewa hatte anders als Lagarde im ersten Anlauf noch nicht einmal einen Gegenkandidaten. Sie ist allerdings die erste Osteuropäerin in der Position.

Leicht wird die Aufgabe nicht. Viele Mitgliedsländer haben die Sorge, dem Fonds könnte die finanzielle Feuerkraft ausgehen, wenn die nächste Finanzkrise kommt. Amerika hat eine Kapitalerhöhung verweigert. Argentinien, das sich rund 50 Milliarden Dollar vom Fonds geliehen hat, droht der Absturz. Beim Fonds hoch verschuldete Länder wie Pakistan und die Ukraine machen regelmäßig Probleme.

Vor ihrem Engagement bei der Weltbank war Georgiewa EU-Kommissarin, zunächst von 2010 an für Entwicklungshilfe, später für den EU-Haushalt und das Personal. Davor lag eine klassische, wenngleich ziemlich steile Weltbank-Karriere: Sie fing 1993 als Umweltökonomin an und arbeitete sich schnell nach oben. Für einige Jahre war sie Weltbank-Direktorin in Russland. Sie spricht fließend Russisch, Englisch und etwas Französisch.

Promoviert wurde sie am Karl Marx-Institut für Nationalökonomie in Sofia. Ihre Dissertation behandelt Umweltschutz in den Vereinigten Staaten. Es folgten Studienaufenthalte in London und Boston und eine Gast-Professur auf den Fidschi-Inseln. Georgiewa ist in Sofia aufgewachsen. Ihr Vater war Bauingenieur in hoher Position, verstarb aber früh. Ihre Mutter leitete ein Geschäft.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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