Baustart von CATL-Fabrik

Wie verändert ein chinesischer Weltkonzern eine Kleinstadt in Thüringen?

Von Julia Löhr, Berlin
Aktualisiert am 18.10.2019
 - 14:57
Bauplatz für die CATL-Batteriefabrik in Arnstadt
Auf einer Fläche von rund 84 Fußballfeldern sollen bis zu 2000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Arnstadt ist ein 28.000-Einwohner-Ort. Dort soll eine der größten Fabriken für Batteriezellen in Europa entstehen. Und die Arnstädter fragen sich: Schaffen wir das?

Noch ist da nicht mehr als ein großer Acker. In der Ferne kurven einige Bagger darauf herum, graben sich in die vom Herbstregen aufgeweichte Erde. Krähen kreisen über dem Gelände, das Arbeiter sorgsam mit Metallzäunen abgesperrt haben. Kein Schild verrät, was auf dem Areal am Rand der thüringischen Gemeinde Arnstadt entstehen soll. Dabei handelt es sich um eine Investition, wie es sie in Deutschland noch nicht gegeben hat.

Das chinesische Unternehmen CATL, der größte Produzent von Batteriezellen für Elektroautos auf der Welt, will hier, eine halbe Autostunde von Erfurt entfernt, ein Werk bauen. Das erste außerhalb seines Heimatlandes. 60 Hektar Land, eine Fläche von rund 84 Fußballfeldern, hat sich der Konzern dafür gesichert. Am 18. Oktober ist Spatenstich, Ende 2021 sollen die ersten Batteriezellen in Arnstadt entstehen.

Die Investition von Contemporary Amperex Technology – so der offizielle Firmenname – wurde im Sommer vergangenen Jahres im Rahmen der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen verkündet. Damals war erst von einem Investitionsvolumen von 240 Millionen Euro die Rede. Doch seitdem ist viel passiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) setzte ein Klimakabinett ein, die Fridays-for-Future-Bewegung eroberte die Straßen. Stand das Kapitel zum Klimaschutz im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD im März 2018 noch weit hinten – und hatte nicht einmal zehn Seiten –, redet die Politik über kaum noch ein anderes Thema.

Autoindustrie braucht dringend mehr Elektroautos

Jeder Bereich in der Wirtschaft, so viel ist klar, wird seine Emissionen deutlich reduzieren müssen, wenn Deutschland wie geplant 2050 klimaneutral sein will. Vor allem für die erfolgsverwöhnte deutsche Autoindustrie bedeutet das massive Veränderungen. Sie braucht dringend mehr Elektroautos. Und die brauchen Batteriezellen. So kommt es, dass CATL sein Investitionsvolumen immer weiter aufgestockt hat. 1,8 Milliarden Euro sollen jetzt in die Fabrik fließen, es soll die größte dieser Art in ganz Europa werden. Die Frage ist: Was macht so eine große Investition mit einer kleinen Stadt wie Arnstadt?

Noch kann man sich schwer vorstellen, wie das einmal aussehen wird. Auf der einen Seite das riesige Werk auf der dann nicht mehr grünen Wiese. Auf der anderen Seite die beschauliche 28.000-Einwohner-Stadt mit ihrem Marktplatz, den vielen Fachwerkhäusern und Kopfsteinpflastergassen. Dort, mitten in der Altstadt, liegt das Büro von Frank Spilling. Der 47-Jährige ist seit anderthalb Jahren Bürgermeister der Stadt, was auch ohne die CATL-Investition schon eine Herausforderung ist.

Sieben Fraktionen sind im Stadtrat vertreten. Bei der Gemeinderatswahl im Mai dieses Jahres bekam die Initiative „Pro Arnstadt“ mit 24,7 Prozent die meisten Stimmen, gefolgt von der AfD und der CDU. Spilling selbst war mal Mitglied in der CDU, aber das ist lange her. „Heute hilft es eher, wenn man parteilos ist“, sagt er. „Auch wenn das eigentlich schlecht ist für die Demokratie.“ Was er als Erstes gemacht hat, als er davon hörte, dass die Wirtschaftsförderer der thüringischen Landesregierung CATL nach Arnstadt gelockt haben? „Ich hab gegoogelt.“

Der große Vorteil der Stadt: Sie liegt strategisch günstig. Das Erfurter Kreuz ist nicht weit entfernt, dort treffen sich die Autobahnen 4 und 71. Zur Attraktivität der Region trägt auch bei, dass Erfurt seit zwei Jahren einer der wichtigsten Knotenpunkte im ICE-Netz der Deutschen Bahn ist. Ob auf der Strecke Berlin–München oder Berlin–Frankfurt: Alle Wege führen über Erfurt. Auch der Weg zum BMW-Werk in Leipzig ist nicht weit. Es ist kein Zufall, dass der Münchner Autohersteller der erste Kunde war, mit dem CATL einen Vertrag über Batteriezellen aus dem neuen Werk abgeschlossen hat. Auch mit Bosch und Volvo sind inzwischen Kooperationen vereinbart, Gespräche mit anderen potentiellen Abnehmern laufen.

Während vor den Toren der Stadt die Bauvorbereitungen laufen, ist das Projekt für Spilling derzeit vor allem eines: „eine einzige große Glaskugel“. Bis zu 2000 Arbeitsplätze sollen in dem Werk entstehen, viel mehr weiß der Bürgermeister, der in Arnstadt aufgewachsen ist, heute aber in Erfurt lebt, bislang nicht. Wie viele Mitarbeiter werden aus China kommen, wie viele aus Deutschland? Werden die CATLer aus Erfurt oder Jena nach Arnstadt pendeln oder sich eine Wohnung vor Ort suchen? Bringen sie ihre Familien mit oder nicht? Wann zahlt CATL zum ersten Mal Gewerbesteuer und wie viel? Auf Spillings Schreibtisch türmen sich Aktenordner voller Fragezeichen. Seine Planungssicherheit: „Null.“

Dimension des Projekts noch nicht fassbar

Die Stimmung der Bürger gegenüber dem Bauvorhaben beschreibt er als „positiv zurückhaltend“ und „erstaunlich entspannt“. Er erklärt das damit, dass viele Menschen die Dimension des Projekts noch nicht erfasst hätten, noch sei schließlich nicht viel passiert. Spilling stellt sich darauf ein, dass es mehr Gegenwind geben wird, wenn das Werk erst mal wächst. Er hat gehört, dass in der Anfangszeit 300 chinesische CATL-Mitarbeiter nach Arnstadt kommen sollen, auch, um ihre deutschen Kollegen einzuarbeiten.

Eine Agentur sucht schon eifrig nach möblierten Wohnungen auf Zeit. Dringend erwünscht: schnelles Internet und ein Schreibtisch. Hotelketten wittern ein Geschäft, haben bei Spilling vorgefühlt, wo sie in der Stadt bauen könnten. Der Bürgermeister ahnt, dass manchem Arnstädter das alles zu viel werden könnte. Schon heute wird in der Stadt darüber gegrummelt, dass die Zuzügler aus Erfurt die Immobilienpreise in die Höhe treiben. Wie soll das erst werden, wenn auch noch die Chinesen kommen?

Wie so oft in Ostdeutschland richtet sich der Blick bei solchen Fragen besonders auf die AfD. Die tritt in Thüringen unter ihrem Landesvorsitzenden Björn Höcke noch radikaler, noch ausländerfeindlicher auf als andernorts. Spricht man Frank Spilling auf Höcke an, ist er hörbar genervt. Höcke gehe gar nicht, sagt er. Aber die AfD-Vertreter auf kommunaler Ebene, die seien schon in Ordnung. Kein böses Wort habe er bislang im Stadtrat zu dem CATL-Projekt gehört, auch nicht aus den Reihen der AfD.

Zweifel an CO2-Bilanz von Elektroautos

Nur ein paar Minuten entfernt vom Rathaus, im Wahlkreisbüro der Partei, klingt das ähnlich. Dort sitzt – umgeben von Wahlplakaten und -zeitungen, in zwei Wochen wird in Thüringen gewählt – der AfD-Landtagsabgeordnete Olaf Kießling. Angesprochen auf die Investoren aus der Ferne, gibt sich der 52-Jährige betont entspannt. „Chinesen gab es schon immer hier, und wir haben auch nichts gegen Chinesen“, sagt er und verweist auf die nahe gelegene Technische Hochschule in Ilmenau, an der Studenten aus aller Welt studieren. Jeder Mensch sei in Deutschland willkommen, sagt Kießling, solange er sich an die hiesigen Gesetze halte.

Dass er die Investition von CATL in Arnstadt dennoch kritischer sieht als Bürgermeister Frank Spilling, hat einen anderen Grund. Kießling zweifelt daran, ob die Strategie der Bundesregierung richtig ist, jetzt vor allem die Elektromobilität zu fördern. Wenn man die Herstellung der Batterien mitberücksichtige, sei die CO2-Bilanz der Elektroautos viel schlechter als oft behauptet. „Da ist teilweise ein Diesel-Fahrzeug besser.“ Davon abgesehen: „Der durchschnittliche Arbeitnehmer kann sich nicht mal eben für 30 000 Euro ein Elektroauto kaufen“, sagt Kießling.

Ein Mitarbeiter von ihm hat einen Stapel Papier ausgedruckt, es geht um Methanol als Kraftstoff, Wasserstoff-Autos und die Frage, welchen Einfluss CO2 überhaupt auf das Weltklima hat. Die Elektromobilität, das sei „keine Lösung für die Dauer“, da ist sich Kießling sicher. Und auch, dass es ausgerechnet China ist, das hierzulande auf diesem Gebiet Maßstäbe setzen will, behagt ihm trotz aller Weltoffenheit nicht. „Wir müssen schon gucken, dass Deutschland nicht zum Ausverkaufsland wird“, warnt er. Man hole sich gerade die Konkurrenz ins Haus.

Spätestens seit der Übernahme des deutschen Roboterherstellers Kuka durch den chinesischen Midea-Konzern stehen Investoren aus dem Reich der Mitte unter besonderer Beobachtung. Zwar betont der thüringische Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) immer wieder, dass es im Fall CATL genau umgekehrt sei, dass kein technisches Knowhow aus Deutschland nach China abfließe, sondern vielmehr Knowhow aus dem Ausland nach Deutschland komme. Doch in den Internetforen der Lokalpresse munkeln manche Kommentatoren, das Batteriezellenwerk sei nur der Anfang, langfristig wolle China Europa übernehmen. Auch in der Bundesregierung klang die Freude über diese Ansiedlung eher verhalten. „Wenn wir es selbst könnten, wäre ich auch nicht traurig“, sagte Merkel im vergangenen Sommer.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Arnstädter in der Vergangenheit keine allzu guten Erfahrungen mit dem chinesischen Expansionsdrang gemacht haben. Es ist noch gar nicht lange her, da päppelte die Bundesregierung – ähnlich wie sie heute den Bau von Batteriezellen fördert – mit Milliardensubventionen den Aufbau einer Solarindustrie in Deutschland. Arnstadt war einer der großen Profiteure dieser Entwicklung. Erst fertigte Bosch hier Solarzellen. Später, als die Stuttgarter sich von diesem Geschäftsbereich trennten, übernahm Solarworld das Werk.

Doch da hatte China den Markt schon für sich entdeckt und gewaltige Produktionskapazitäten aufgebaut. Die chinesischen Hersteller exportierten ihre Solarzellen, mit freundlicher Unterstützung der Pekinger Zentralregierung, zu Kampfpreisen ins Ausland. Die hiesigen Hersteller gerieten zunehmend unter Druck. Einer nach dem anderen musste aufgeben, 2017 erwischte es die Solarworld-Beschäftigten in Arnstadt. Da half es auch nichts, dass der Insolvenzverwalter öffentlich lobte, die Fertigungsstätten in Thüringen zählten zu den besten der Welt. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass CATL sein Europageschäft nun ausgerechnet in jenem Gebäude aufbaut, in dem einst Solarworld saß. Auf dem Firmenschild am Eingang, direkt unterhalb des blauen Logos von CATL, schimmert der Schriftzug des Vorgängers noch durch.

Niemand kennt das Auf und Ab auf dem Arnstädter Arbeitsmarkt so gut wie Martina Lang. Seit dem Jahr 1990 leitet die heute 64-Jährige die Arbeitsagentur in Arnstadt, die damals noch Amt für Arbeit hieß. Die Behörde hat ihren Sitz in einem schlichten weißen Bau, der am Rand des Gewerbegebiets liegt. Wenn Lang dort im vierten Stock am Fenster steht, kann sie viele Geschichten erzählen. Da drüben, da war der Betrieb, der zu DDR-Zeiten Kabel für Telefonanlagen verlötete. 2000 Mitarbeiter verloren nach der Wende ihre Arbeit, die meisten davon Frauen. Und da, um die Ecke, Chemieanlagenbau. 3500 Leute weg. Für viele dieser Menschen hat Lang in den Jahren nach der Wiedervereinigung Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder Weiterbildungskurse organisiert, „um den sozialen Frieden zu wahren“, wie sie sagt. „2005 war das bitterste Jahr.“ Damals lag die Arbeitslosenquote in Arnstadt knapp unter 22 Prozent.

Lang hat im Lauf ihres Berufslebens schon viele Strukturwandel erlebt. Zuerst vermittelte sie die arbeitslos gewordenen Chemie- und Metallarbeiter aus den DDR-Kombinaten in die nach der Wende boomende Baubranche. Dann kam dort der Abschwung, dafür entstanden neue Arbeitsplätze in der Solarindustrie. Mehr als 5000 Beschäftigte arbeiteten in Thüringen in Spitzenzeiten in dieser Branche – bis China den Markt eroberte. Viele Ingenieure wechselten anschließend zu Autozulieferern, wo sie nun wieder um ihre Stellen bangen. Als Lang, selbst eine leidenschaftliche Autofahrerin, die über Automatikgetriebe und Doppelkupplungen ins Schwärmen geraten kann, von der Ansiedlung CATLs hörte, war sie erleichtert. „Ich hab nur das Wort Lithium-Ionen-Batterien gehört und dachte: Das passt. Das ist die Zukunft.“ Und der hoffentlich letzte Strukturwandel in ihrer Karriere.

Gemessen an früheren Zeiten hat Lang, die seit vielen Jahren auch für die SPD im Stadtrat sitzt, heute kaum noch etwas zu tun. Im vergangenen Jahr betrug die Arbeitslosenquote in Arnstadt gerade einmal 5,5 Prozent, das ist nur geringfügig mehr als der bundesweite Durchschnitt. Auch hier herrscht mittlerweile Fachkräftemangel, bewerben sich Unternehmen um Mitarbeiter und nicht umgekehrt. Das Lohnniveau ist zwar immer noch nicht so hoch wie in Stuttgart, aber zumindest nicht mehr so niedrig wie noch vor einigen Jahren. Auch wenn noch nicht klar ist, wie CATL seine Leute bezahlen wird: Dass der Konzern Probleme bekommen wird, seine Stellen zu besetzen, glaubt Lang nicht. „Es wird Abwanderung aus anderen Betrieben in der Region geben.“ Ähnlich wie der Bürgermeister sorgt sie sich jetzt vor allem darum, wo die neuen Mitarbeiter leben sollen. „Wir brauchen mehr Wohnraum.“

Im Rathaus wird Frank Spilling dieser Tage oft gefragt, wie lange das mit CATL wohl gutgehen wird, ob der Hype um die Batteriezellen länger hält als der um die Solarzellen. Der Bürgermeister windet sich dann um eine Antwort. „Das kann schon acht bis zehn Jahre halten“, sagt er, um kurz darauf hinterherzuschicken: „Vielleicht bricht auch in drei Jahren alles zusammen.“ Deshalb scheut er sich auch davor, schon irgendwelche Steuereinnahmen zu verplanen, die er noch gar nicht hat.

Wünsche an ihn gibt es in der Stadt viele. Neue Kindergärten zählen dazu, neue Schulen und Straßen, ein Jugendzentrum, ein Kino, ein Freibad, die Sanierung eines Museums und so weiter. Doch Spilling bremst. Erst mal abwarten, wie viel Geld am Ende wirklich von CATL in die Kasse kommt. „So ein Kindergarten kostet zwei bis drei Millionen Euro. Den baut man nicht einfach so.“ Nur eine Sache, die will Spilling auf jeden Fall bauen: eine Ladesäule vor dem Rathaus. Noch fährt er selbst kein Elektroauto, auch der Fuhrpark der Stadt ist noch mit traditionellen Antrieben unterwegs. Aber das könne sich ja ändern, sagt er.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Löhr, Julia
Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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