Kommentar

Die optimierte Cebit-Welt

EIN KOMMENTAR Von Carsten Knop
05.03.2013
, 12:00
Mensch-Maschine-Schnittstellen: Roboterdame AILA, kreiiert vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz,  tourt die Welt und istnun auch Gast auf dem „Foresight“-Filmfestival.
Der Bedarf der Menschheit an Computern ist noch lange nicht gedeckt. Durch die Vernetzung von Maschinen über intelligente Netze wächst die Industrie mit der IT zusammen. Für Deutschland ist das eine Jahrhundertchance.
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In der Informationstechnologie geht es stets darum, die Organisation und den Ablauf der Arbeitswelt effizienter zu machen: Daten können Computer besser verwalten als Menschen mit mechanischen Hilfsmitteln. Und angesichts des Siegeszugs von Tablets und Smartphones zeigt sich, dass der Bedarf der Menschheit an Computern noch lange nicht gedeckt sein wird. Diese Geräte produzieren zugleich immer mehr Daten, die andere Computer dann in Echtzeit zu analysieren versuchen. Dass der amerikanische Elektronikkonzern Apple angeblich an einer mit dem Internet vernetzten Uhr arbeitet, ist insofern eine höchst konsequente Entwicklung.

Denn das Leben eines Einzelnen wird schon jetzt immer genauer erfasst. Wer regelmäßig im Internet oder in sozialen Netzwerken unterwegs ist, hat auf diversen Netzwerkrechnern (Servern) Profile von sich hinterlassen, anhand derer sich die Lebensgewohnheiten recht genau rekonstruieren lassen. Längst gibt es auch mit GPS-Ortungsfunktion ausgestattete Sportuhren, die Joggern sagen, wo sie wann wie schnell unterwegs waren. Eine Apple-Uhr könnte diesen Gedanken der Selbstquantifizierung fortführen; dass Uhren immer noch in erster Linie die Uhrzeit anzeigen, wirkt auf überzeugte Selbstoptimierer gewiss wie ein Anachronismus. Doch wer optimiert wen? Die Ingenieure optimieren den Computer, und der Computer optimiert uns, jedenfalls soweit die Menschen diese Optimierung mitmachen oder ertragen wollen.

In diesem Punkt aber liegt gar nicht die entscheidende Schwierigkeit. Denn einzelne Menschen können auf diese Herausforderung durchaus eine Antwort finden, wenn sie ihr digitales Privatleben bewusst führen. Die größere Herausforderung könnte es sein, dass Unternehmen in der globalisierten Wirtschaftswelt keine Wahl haben, als den Weg dieser ständigen Optimierung mitzugehen. Doch auch das ist zunächst nichts Neues. Denn schon immer haben Erfindungen alte Produktionsmethoden obsolet gemacht. Eine neue Erfahrung allerdings ist die Geschwindigkeit, in der das heute geschieht: Sie nimmt in dem Maße zu, in dem immer größere Bereiche des (Arbeits-)Lebens digitalisiert werden. Dieses Tempo ist atemberaubend; manchem macht das Angst.

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Weil immer mehr Menschen ihre Geldgeschäfte über das Internet erledigen, gibt es zum Beispiel viel zu viele Bankfilialen. Von Sparkassen-Mitarbeitern ist zu hören, dass es Großstädte gibt, in denen jede zweite Filiale geschlossen werden müsste. Dort sei einfach nichts mehr los. Und weil es bequem ist, Produkte über das Internet zu bestellen, haben auch stationäre Einzelhändler immense Schwierigkeiten. Darüber können weder die schlechten Schlagzeilen hinwegtäuschen, in die der Onlinehändler Amazon in diesen Wochen geraten ist, noch die guten Umsatzzahlen des deutschen Einzelhandels im Januar. Das sind Momentaufnahmen. Auf den Effizienzangriff durch Amazon, Zalando & Co. wird es stationären Händlern auch künftig schwerfallen, eine Antwort zu finden.

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„Internet der Dinge“ und „Industrie 4.0“

Nicht zuletzt werden vernetzte Verbraucher über das Internet zu Unternehmern in eigener Sache, sie steigen in Verkaufs- und Vermietgeschäfte ein und tauschen Wissen untereinander aus. Auch das verändert die Wirtschaftswelt erheblich, aber eben nicht nur zum Negativen. Mit der Computermesse Cebit hat das eine Menge zu tun. Sie zeigt, warum es zu übersteigerter Sorge keinen Anlass gibt. Denn gerade deutsche Unternehmen könnten von diesem Wandel auch stark profitieren.

Dazu muss es ihnen gelingen, Schnittstellen in den digitalisierten Wertschöpfungsketten zu besetzen: Durch die Vernetzung von Maschinen über intelligente Netze wächst die Industrie mit der Informationstechnologie (IT) zusammen; so entsteht das „Internet der Dinge“ und verbindet sich mit der „Industrie 4.0“. Das sind sperrige Schlagworte, aber für die lange zu sehr belächelte deutsche IT beschreiben sie eine Jahrhundertchance. Gemeinsam mit der oft weltmarktführenden Industrie entsteht durch die räumliche Nähe der entsprechenden Unternehmen ein Cluster, das IT und Industrie gleichermaßen Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

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Cebit als Messe auch für junge Unternehmen

Wozu das führen kann, zeigen die Carsharing-Modelle, die die Autoindustrie gemeinsam mit IT-Unternehmen entwickelt hat. Die Energiewende wird über die Einführung intelligenter Stromnetze weitere, wenn auch zunächst teure Beispiele für diese Entwicklung hervorbringen. Und in der Produktion könnten Maschinen untereinander Informationen austauschen und so Abläufe optimieren.

Hoffnungsvoll stimmt zudem, dass sich die Cebit in dieser Aufbruchstimmung zu einer Messe auch für junge Unternehmen entwickelt. Start-up-Initiativen bieten Neugründungen hier eine Plattform, um ihr Netzwerk auszubauen. Damit bewegt die Cebit nicht die Massen wie früher, aber sie ist auf dem richtigen Weg: Für Unternehmen wird es in der vernetzten Produktionswelt interessant, auf der Cebit und der Industriemesse in Hannover zugleich vertreten zu sein. Dass parallel eine Start-up-Kultur zu entstehen scheint, die nicht nur Kanzlerin und Wirtschaftsminister ins Auge gefasst haben, ist die nächste gute Nachricht. Diese Gründungen sind wichtiger als manche Bankfiliale.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Knop, Carsten
Carsten Knop
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