18,3 Prozent Wachstum

Die Zahl, aus der Chinas Träume sind

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
16.04.2021
, 08:37
Verglichen mit dem Corona-Jahr wächst Chinas Wirtschaft im ersten Quartal um sagenhafte 18,3 Prozent. Das erste Quartal 2020 war allerdings wegen der Pandemie auch besonders schlecht. Das stört Peking wenig: Das Comeback des Jahrtausends füttert Chinas Machtanspruch.

Xi Jinping hat vor ein paar Wochen seinem Land einen neuen Leitsatz verpasst. Er lautet: „Der Osten steigt auf, der Westen steigt ab.“ China, davon ist der chinesische Präsident überzeugt, stehe vor einer historisch einmaligen Gelegenheit, zurückzukehren an die Spitze der Welt, wo das Kaiserreich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts schon viele Jahrhunderte lang stand.

Vertraute Xis fragen dieser Tage ihre europäischen Gesprächspartner in unverblümter Offenheit, warum eigentlich in Ländern wie Deutschland so wenig gearbeitet werde. Die Vereinigten Staaten, teilt Chinas Kommunistische Partei über ihre Medien täglich mehrmals mit, haben erkannt, dass die Diktatur im Osten langfristig überlegen sei und Chinas Wirtschaft mit ihrer Stärke „früher oder später“ den Rivalen im Westen hinter sich lassen werde.

Die Zahl, die das Nationale Statistikamt am Freitag vorstellte, bildet die Grundlage für das Narrativ, dass der 2012 von Xi Jinping kurz nach seinem Amtsantritt als Parteichef ausgerufene „Chinesische Traum“ nun bald wahr werde. Um 18,3 Prozent hat Chinas Wirtschaft in den Monaten von Januar bis März der Regierung zufolge an Größe zugelegt. Das sei „das schnellste Wachstum in drei Jahrzehnten“, titelte die besonders nationalistische Zeitung „Global Times“.

Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua stellte auf ihrer sonst staubtrockenen Webseite einfach die nackte Wachstumszahl in die Hauptschlagzeile, dahinter ein Ausrufezeichen wie ein Triumph: 18,3%! Noch Fragen?

Comeback des Jahrtausends

Allerdings. Zunächst einmal fällt das Wachstum im ersten Quartal in China natürlich vor allem deshalb so hoch aus, weil die Vergleichsbasis äußerst niedrig ist: In den ersten drei Monaten des Jahres 2020 war Krise in der zweitgrößten Wirtschaft. Nachdem in Wuhan das Coronavirus ausgebrochen war und sich in Windeseile in alle Winkel des Landes und gleichzeitig in die Welt verbreitet hatte, hatte die Führung in Peking der Wirtschaft eine Vollbremsung verordnet. Bis auf wenige Ausnahmen wurden so gut wie alle Fabriken für mehrere Wochen geschlossen und die Mitarbeiter in einen mit allen Mitteln eines totalitären Staats streng überwachten Lockdown geschickt.

China teilt keine monatlichen Wachstumsdaten mit, sondern nur die wirtschaftliche Entwicklung im Quartal. In den ersten drei Monaten des Jahres 2020 schrumpfte die Wirtschaft zusammengerechnet um 6,8 Prozent. Das hatte es seit den Hungersnöten während der Mao-Zeit nicht gegeben.

Dass das Wachstum von 18,3 Prozent von diesem niedrigen Niveau her kommt, wird natürlich auch von Chinas Propagandamedien nicht verschwiegen. Gefeiert wird die Statistik dennoch als das Comeback des Jahrtausends. Für die jüngeren Leser im Land erfand die Xinhua-Nachrichtenagentur am Freitag einen Hashtag im Internetslang, der seitdem millionenfach in den sozialen Netzwerken die Runde macht: „Chinas Wirtschaft läuft 666!“ Liùliùliù, drei Mal die Zahl 6, das steht bei chinesischen Computerspielern nicht etwa für den Antichrist, sondern für „geil“.

Tatsächlich ist das Quartalswachstum das höchste Chinas, seitdem das Land 1992 begonnen hat, die Drei-Monats-Statistik öffentlich bekannt zu geben. Das Wachstum im vierten Quartal des vergangenen Jahres war im Jahresvergleich mit 6,5 Prozent deutlich geringer ausgefallen.

Solide, aber nicht ohne Rückschläge

Die offiziell immer noch britische, mit China jedoch eng verbundene Großbank HSBC hat hingegen die durch Corona bedingten Sondereffekte des ersten Quartals 2020 herausgerechnet und auf dieser Grundlage die Wirtschaftsleistung zu Beginn dieses Jahres verglichen. Die Bankökonomen kommen bei dieser Rechnung auf ein Wachstum von nur 5,4 Prozent. Das ist zwar immer noch stark im Vergleich zu anderen Industrienationen, klingt jedoch weit weniger sensationell als eine um ein Fünftel gestiegene Leistung.

Die Vereinigten Staaten zum Beispiel, die im Gegensatz zu den Chinesen das Quartalswachstum auf das Jahr hochrechnen („annualisiert“), haben für die Monate Juli bis September des vergangenen Jahres sogar einen Größenzuwachs um 33 Prozent gemeldet. Bei dieser Berechnung wird so getan, als ob die Wirtschaft im ganzen Jahr so schnell wächst wie in den gemessenen drei Monaten.

Wenn allerdings die Entwicklung von Quartal zu Quartal gemessen wird, bekommen Wachstumsgeschichten oft einen ganz anderen Dreh. Wie in China. Gemessen an den vorangegangenen Monaten Oktober bis Dezember 2020 hat Chinas Wirtschaft von Januar bis März 2021 nur um 0,6 Prozent an Größe zugelegt, was eine weit geringere Steigerung ist als etwa vom dritten auf das vierte Quartal des vergangenen Jahres. Analysten betrachten dies eher als Hinweis darauf, dass der Aufschwung in China zwar solide, aber eben auch nicht ohne Rückschläge ist.

Konsum, Industrie und Exporte

Getrieben hat das Wachstum im ersten Quartal neben den starken Exporten von Corona-bezogenen Waren wie Atemmasken abermals vor allem die Industrieproduktion, die um knapp ein Viertel gestiegen ist. Der Konsum läuft ordentlich und hat allein im Monat März im Vergleich zum Vorjahresmonat, in dem viele Chinesen immer noch im häuslichen Lockdown saßen, um über ein Drittel an Wert zugelegt.

Dass das Land im gesamten laufenden Jahr mit einer zweistelligen Rate im Jahresvergleich wächst, ist zwar nicht ausgeschlossen, aber dennoch nicht wahrscheinlich. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Prognose für China Wirtschaft jüngst auf 8,4 Prozent Wachstum angehoben.

Das jedoch wird die Staatsführung kaum davon abhalten, die auf den ersten Blick sensationelle Aufschwungsbilanz nach allen Regeln der Kunst auszuschlachten. Wenn Chinas Präsident wie angekündigt am heutigen Freitag mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron über den Klimaschutz redet, dürfte es Xi Jinping an Selbstbewusstsein nicht mangeln.

Gerade ist der amerikanische Sondergesandte für den Klimaschutz John Kerry im Land, der China dazu treiben soll, größere Zusagen für die Einsparung von Emissionen zu machen als bisher. Peking hat schon verraten, was es von dem Vorstoß auf Geheiß des amerikanischen Präsidenten Joe Biden hält: gar nichts.

Stattdessen könnte Xi heute seinen europäischen „Partnern“ Merkel und Macron großzügig darlegen, was China schon alles für den Klimaschutz tut – aber eben auch für den Wiederaufschwung der Weltwirtschaft, der ohne die Superzahlen aus der Volksrepublik nicht vorstellbar wäre. Aus Xis Sicht ist das wohl eine Verhandlungsposition, die nur ein Wort verdient: traumhaft.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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