Folgen von Corona

Inlandstourismus fehlen 1,8 Milliarden Euro – jede Woche

Von Timo Kotowski
05.11.2020
, 16:40
Der Ruf der Politiker, im Sommer besser Urlaub im Inland zu machen, verhallte nicht ungehört. Umsatzausfälle machte das aber nicht wett. Ein Studie zeigt, welche Regionen und Urlaubsangebote zu den größten Verlierern zählen.

Affen und Löwen in deutschen Zoos hatten in der Pandemie offenbar nur geringfügig weniger Zaungäste. Schlimmer traf es Museen und Schwimmbäder, denen im Vergleich zum Normalniveau die Hälfte der Besucher abhandenkam. Von Profiteuren und Leidenden in der Krise will Reinhard Meyer, der Präsident des Deutschen Tourismusverbands (DTV) dennoch nicht sprechen.

„In der Bilanz gibt es durch alle Segmente und Regionen hindurch nur Verlierer, die sehr stark bis weniger stark betroffen sind.“ Hotels und Ferienwohungsanbietern in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein erging als auch besser als ihren Wettbewerbern in Berlin und Hessen. Doch die Einbußen im Frühjahr seien allerorts gewaltig gewesen. „Selbst in den Sommermonaten konnten die Verluste nicht aufgeholt werden“, sagt Meyer.

Auf 1,8 Milliarden Euro schätzt der Verband die durchschnittlichen Umsatzausfälle im Inlandstourismus – nicht insgesamt, sondern je Woche. Bis Ende August seien so Einbußen von 46,6 Milliarden Euro aufgelaufen. So haben es die Berater von Dwif-Consulting im Auftrag des DTV ausgerechnet. Die Ausfälle an Tagesausflugszielen von Freizeitparks über Museen bis hin zu Veranstaltungsflächen gerieten demnach mit 24,4 Milliarden Euro sogar größer als die Einbußen von Hotels, Ferienwohnungsbetreibern und Campingplätzen, die auf 22,2 Milliarden Euro taxiert werden.

November-Lockdown sorgt für weitere Milliardeneinbußen

Und die Summen steigen weiter. „Der Lockdown im November wird nicht nur in den Städten, sondern überall die Lage verschlimmern“, sagt Dwif-Geschäftsführer Mathias Feige. „Und wenn das Dezembergeschäft mit Weihnachtsmärkten, Weihnachtsfeiern und Adventsshopping auch noch wegbrechen sollte, werden das viele Betriebe nicht überleben.“

Die Einschränkungen im November kosten laut seiner Prognose 10,2 Milliarden Euro Geschäft im deutschen Inlandstourismus, ein Lockdown im Dezember würde mit 9,5 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Dass Einschränkungen im November sogar schwer die Branche belasten als Einbußen in der Advents- und Weihnachtszeit liege daran, dass der November normalerweise die Hochphase der lukrativen Tagungen und Kongresse sei, die nun ersatzlos wegfielen. Rund um Weihnachten dominierten sonst Privatreisende, die im Schnitt für weniger Umsatz als Geschäftsleute sorgten.

Die Prognosewerte für den Jahresschluss nähren beim DTV Zweifel, ob die von der Bundesregierung angekündigten Soforthilfen ausreichen werden. Der Bund hatte angekündigt, zum Ausgleich von Umsatzausfällen im November 10 Milliarden Euro bereitzustellen, aber nicht nur für den Tourismus, sondern für alle Branchen zusammen, die wegen der Corona-Einschränkungen ihr Geschäft nicht ausüben können. „Die Pandemie wird zur Existenzkrise. Der November-Lockdown droht endgültig vielen Betrieben die wirtschaftliche Basis zu entziehen“, sagte DRV-Präsident Meyer.

In Berlin fehlen besonders viele Besucher

Unter den Reisezielen im Inland sieht Dwif-Chef vor allem Berlin in Nöten. Dort war der Einbruch der Übernachtungszahlen so hoch wie in keinem anderen Bundesland, da auch Besucher aus dem Ausland fehlten, die an deutschen Küsten nicht zur Kernklientel zählen. Die Zahl der Übernachtungen in der Hauptstadt sank bis August um 58,4 Prozent unter das Vorjahresniveau. In München betrug das Minus 56,1 Prozent.

Glimpflicher kamen das Erholungsgebiet im Lausitzer Seenland davon, wo bis Ende August nur 8,3 Prozent weniger Übernachtungen gezählt wurden. Für die Mecklenburgische Seenplatte und Schleswig-Holsteins Ostseeküste wird ein Minus von 12,9 beziehungsweise 15,5 Prozent ausgewiesen. Insgesamt hätten Küsten und Bergregionen in etwa ein Viertel wenige Gäste als im Vorjahr begrüßt, in Städten seien es 53 Prozent weniger gewesen, sagt er.

Auch unter den Tageszielen zeigt sich eine höchst unterschiedliche Entwicklung. Bis Ende September sei die Zahl der Besucher in Tierparks nur 14,1 Prozent hinter den Vorjahreswerten zurück geblieben. Das Ausblieben der Städtebesucher führte jedoch dazu, dass Museen und Ausstellungshalle 45 Prozent weniger Eintrittskarten verkauften, das Geschäft mit Stadtführungen schrumpfte gar um 71 Prozent. Auch Schlösser und Konzerthäuser – insgesamt alle Orte mit Innenangeboten litten, während Wanderziele im Ländlichen mit wenig Blessuren durch die Krise kamen.

In den Milliardensummen zu Einbußen und Umsatzausfällen fehlt noch das gesamte Geschäft deutscher Reiseveranstalter und Reisebüros mit Auslandsreisen. Hier prognostiziert der Deutsche Reiseverband (DRV), dass den Unternehmen 28 Milliarden Euro an Geschäft im laufenden Jahr entgehen. Da die Soforthilfen für den November-Lockdown diesen Betrieben wohl nicht zur Verfügung stehen, prüft der DRV nun eine Klage gegen staatliche Einschränkungen, wie der Verband am Donnerstag mitteilte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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