STIKO-Chef Thomas Mertens

„Impfung zwischen 18 bis 59 entscheidet über vierte Welle“

Von Christian Geinitz
09.08.2021
, 06:34
STIKO-Vorsitzender Thomas Mertens
Der STIKO-Vorsitzende appelliert an die erwachsene Bevölkerung, sich dringend impfen zu lassen. Die derzeitige Fokussierung der Debatte auf Kinder und Jugendliche hält er für falsch.
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Zur Abwehr der nächsten Krankheitswelle in der Corona-Pandemie hat die Ständige Impfkommission STIKO an die erwachsene Bevölkerung unter 60 Jahren appelliert, sich dringend impfen zu lassen. Nach Ansicht dieses Fachgremiums am Robert Koch-Institut (RKI) muss man aus dieser Gruppen viel mehr Personen als bisher zu den Injektionen animieren. Die gegenwärtige Konzentration auf Kinder und Jugendliche gehe indes in die falsche Richtung, sagte der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens der F.A.Z. Er bezog sich auf Zahlen des RKI, wonach noch immer mehr als 30 Millionen von 83 Millionen Einwohnern nicht geimpft sind. 9 Millionen davon zählen zur Gruppe der Kinder unter 12 Jahren, für die es keinen zugelassenen Impfstoff gibt.

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Zur Frage, wer die übrigen seien, sagte Mertens: „Der entscheidende Rest sind die Achtzehn- bis Neunundfünfzigjährigen. Hier entscheidet sich die vierte Welle und nicht bei den Zwölf- bis Siebzehnjährigen.“ Das zeigten die wissenschaftlichen Modellierungen sehr deutlich, so der Arzt und Professor für Virologie. Mertens forderte die Zielgruppe zu Einsicht und Verantwortungsbewusstsein auf: „Die Achtzehn- bis Neunundfünfzigjährigen sollten erkennen, dass es nicht um ihren Individualschutz geht, sondern um unsere Gesellschaft, um Freiheiten, um wirtschaftliche Entwicklung und so weiter.“ Zugleich erinnerte er daran, dass eine überstandene Krankheit ebenfalls gegen das Coronavirus immunisiere: „Genesene tragen genauso zur ,Herdenimmunität‘ bei wie Geimpfte.“

Die von Mertens genannten Modellierungen des RKI geben vor, welche Impfquoten erreicht sein müssen, damit das Gesundheitswesen die befürchtete vierte Welle im Herbst und Winter bewältigen kann, damit zum Beispiel genügend Betten auf Normal- und Intensivstationen zur Verfügung stehen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums unter Jens Spahn (CDU), die sich auf diese Berechnungen beziehen, macht es für die Aufrechterhaltung der medizinischen und pflegerischen Versorgung „einen entscheidenden Unterschied, wenn die Impfquote bei den Übersechzigjährigen möglichst über 90 Prozent und bei den Zwölf- bis Neunundfünfzigjährigen möglichst bei über 75 Prozent liegt.“

Impfkampagne ins Stocken geraten

Für die ältere Gruppe scheint das Ziel erreichbar: Aktuell sind nach Ministeriumsangaben mehr als 85 Prozent im Alter von 60 und mehr Jahren mindestens einmal und knapp 80 Prozent vollständig geimpft. Ganz anders sieht es in der von Mertens angesprochenen bedenklichen Kohorte aus. Im Alter von 12 bis 59 haben lediglich 58 Prozent wenigstens eine Spritze erhalten, gerade einmal 48 Prozent sind vollständig immunisiert. Diese Anteile sind geringer als in der Gesamtbevölkerung. Jüngsten Daten des RKI zufolge haben in Deutschland inzwischen 51,8 Millionen Personen mindestens eine Impfdosis bekommen, 62,3 Prozent aller Einwohner. 45,3 Millionen seien vollständig geschützt, das entspricht einem Anteil von 54,5 Prozent.

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Die Impfkampagne ist ins Stocken geraten. Statt deutlich mehr als eine Millionen Spritzen wie noch im Juni werden derzeit nur noch 350.000 am Tag gesetzt, ein Drittel der früheren Menge. Um die Quote zu erhöhen, haben die Gesundheitsminister des Bundes und der Länder beschlossen, auch den 4,5 Millionen Kindern und Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren ein Impfangebot zu unterbreiten. Bisher haben etwa 10 Prozent von ihnen eine Injektion erhalten, das sind rund 450.000 Personen. Für diese Gruppe sind in der EU die Präparate von BioNTech/Pfizer und Moderna zugelassen.

Über das Kinderimpfen ist allerdings ein Streit entbrannt, nicht zuletzt mit Bezug auf die STIKO. Denn aufgrund des geringen Krankheitsrisikos bei Minderjährigen und fehlender Daten zu möglichen Nebenwirkungen empfehlen die Fachleute die Immunisierung in diesem Alter nicht grundsätzlich, sondern nur in Ausnahmen; etwa für Vorerkrankte oder wenn die Minderjährigen mit gefährdeten Personen zusammenwohnen, die nicht geimpft werden sollten, darunter Schwangere und Schwerkranke.

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Am Freitag hatte das RKI eine Modellrechnung über den Erfolg des Vakzin-Einsatzes veröffentlicht. Darin ist von einem „überragenden Nutzen der Covid-19-Impfung bereits in den ersten 6,5 Monaten der Impfkampagne in Deutschland 2021“ die Rede. In der dritten Corona-Welle seien auf diesem Wege geschätzt 38.300 Todesfälle verhindert worden. 76.600 Personen hätten wegen der Impfungen nicht in stationäre Behandlung gemusst, knapp 20.000 Fälle auf Intensivstationen seien vermieden worden. Insgesamt seien mehr als 706.000 Infektionsfälle weniger gemeldet worden, als dies ohne Impfungen der Fall gewesen wäre.

Quelle: itz.
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
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