Corona-Maßnahmen

Kein Impfzwang durch die Hintertür

EIN KOMMENTAR Von Christian Geinitz
05.08.2021
, 11:39
Drei vorbereitete Spritzen mit dem Corona-Impfstoff AstraZeneca
Freiwillig Nichtgeimpfte gefährden auch andere. Für sie – unter bestimmten Voraussetzungen – Beschränkungen zu verhängen ist deshalb richtig. Fragwürdig ist vielmehr, warum die Inzidenz immer noch so viel zählt.

Pustekuchen! Wer geglaubt hatte, mit zunehmender Impfung der Bevölkerung würden Schutzmaßnahmen überflüssig, hat sich geschnitten. Wenn es nach Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht, werden alle Deutschen auch im Jahre 2022 beim Einkaufen, in Zügen und im Nahverkehr Masken tragen müssen.

Noch heikler ist Spahns Wunsch, von September an staatlicherseits für umfangreiche Einlasskontrollen zu sorgen: Dann sollen nur noch Geimpfte, Genesene oder Getestete Zugang zu Hotels, zur Innengastronomie, zu Friseuren, Fitnessstudios, zu Innenveranstaltungen oder Großereignissen erhalten. Nun gilt das teilweise jetzt schon, aber die Auflagen sind an die Infektionslage gebunden und variieren von Land zu Land.

Den Anreiz erhöhen

So richtig es ist, einheitliche Regeln zu schaffen, so fragwürdig ist es, die Auflagen „unabhängig von der Inzidenz“ durchzusetzen. Richtiger wäre es, zur Bewertung dieser und anderer Gefahrenlagen weitere Parameter heranzuziehen, etwa die Lage der Intensivstationen.

Generell muss man die Frage stellen, wie angemessen die Einschränkungen sind. Sie beeinträchtigen die Freiheit einer immer größeren Menge vernünftiger geimpfter Personen, weil sich eine kleine Gruppe Renitenter nicht impfen lassen will.

Es ist an der Zeit, zum Individualschutz überzugehen: Freiwillig Nichtgeimpfte gefährden ja nicht die Immunisierten, sondern auch sich selbst und andere Nichtgeimpfte. Sie tragen eine große Verantwortung auch für jene, die nicht geschützt werden können.

Geimpfte haben diese Verantwortung gewissermaßen an das Vakzin übertragen. Warum sollen sie, die Einsichtigen, die niemanden gefährden, ständig Masken tragen und ihre Impfzertifikate zücken, damit Nichtgeimpfte nicht aufeinandertreffen?

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Völlig richtig ist indes der Vorschlag, die kostenfreien Bürgertests abzuschaffen und Nichtgeimpfte unter bestimmten Voraussetzungen mit Kontaktbeschränkungen und Zutrittsverboten zu belegen. Das ist kein Impfzwang durch die Hintertür, aber es erhöht den Anreiz, sich eine Spritze geben zu lassen. Bei jenen, die dann noch abseitsstehen, ist ohnehin Hopfen und Malz verloren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
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