Pubs in Großbritannien öffnen

Boris Johnson und das erste Bier an den Lippen

Von Philip Plickert, London
12.04.2021
, 07:01
Nach mehr als hundert Tagen dürfen Kneipen und Geschäfte in Großbritannien wieder aufmachen. Die Rückkehr zur Normalität ist das allerdings noch nicht.

Die Briten freuen sich auf die Wiedereröffnung ihrer Pubs, Biergärten und Geschäfte an diesem Montag. Schon jetzt sind überall Vorbereitungen zu sehen. Mehr als hundert Tage lang waren alle Kneipen, Restaurants und nicht-essentiellen Geschäfte seit Dezember zwangsweise geschlossen worden. Am Montag beginnt eine neue Stufe der schrittweisen Lockerung des Corona-Lockdowns auf der Insel.

Der Gastronomie-Verband Hospitality UK zeigte sich „entzückt“ über die Nachricht. Regierungschef Boris Johnson hatte zunächst gesagt, er könne es kaum noch erwarten, in ein Pub zu gehen: Er werde am Montag „vorsichtig, aber irreversibel ein Pint Bier an meine Lippen führen“. Ob er auch zum Friseur gehe, sei noch nicht sicher, obwohl „ich es wirklich brauche.“ Wegen des Todes von Prinz Philip hat die Regierung nun aber die meisten Termine abgesagt, Johnson hat den Pub-Besuch gestrichen.

32 Millionen Briten haben erste Impfdosis erhalten

Zunächst dürfen Pubs und Restaurants nur im Außenbereich Gäste bedienen. Laut Kate Nicholls, Chefin von Hospitality UK, haben nur etwa 40 Prozent der Gastro-Betriebe Außenbereiche und können wieder öffnen. Viele Gaststätten lassen wegen des erwarteten Andrangs Kunden nur mit Reservierung zu.

Auch Friseure und Fitnessstudios können von Montag an wieder öffnen, ebenso die Geschäfte des Einzelhandels und private Galerien. Museen bleiben aber noch geschlossen. Erst in fünf Wochen, am 17. Mai, dürfen Restaurants auch ihre Innenbereiche öffnen. Dann werden auch die Museen auf der Insel wieder ihre Pforten öffnen. Einige Tory-Rebellen fordern von Johnson eine schnellere Aufhebung des Lockdowns.

Großbritannien ist es mit einem langen dritten Lockdown seit dem 4. Januar und der erfolgreichen Impfkampagne gelungen, die Coronavirus-Infektionszahlen drastisch zu verringern. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist auf 30 gesunken – das ist ein Viertel des Wertes in Deutschland. Mitte Januar gab es Tage mit mehr als 50.000 Neuinfektionen in Großbritannien, jetzt sind diese um ungefähr 95 Prozent auf etwas über 2500 gefallen. Die Zahl der an und mit Covid Verstorbenen fiel zuletzt auf 40 am Tag. Die Krankenhaus-Intensivstationen leeren sich.

Inzwischen haben mehr als 32 Millionen Briten die erste Corona-Impfdosis erhalten, das sind fast zwei Drittel der Erwachsenenbevölkerung. 7 Millionen sind schon zweifach geimpft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erhöhte jüngst seine Prognosen für das britische Wirtschaftswachstum in diesem Jahr wegen der erfolgreichen Impfkampagne auf über 5 Prozent.

Der Erfolg der Impfkampagne und die angekündigte Lockerung des Lockdowns haben auch die Popularitätswerte von Premierminister Johnson wieder angehoben. Inzwischen liegt der Konservative in der Beliebtheit wieder deutlich vor Labour-Oppositionsführer Keir Starmer. Die Tories führen nach jüngsten Umfragen mit sieben bis neun Prozentpunkten vor Labour.

In den vergangenen Tagen und Wochen gab es Unsicherheit, ob ein „Impfpass“ für einen Kneipenbesuch erforderlich sein wird. Johnson hatte das lange abgelehnt, dann schien er einen Schwenk zu machen, ruderte aber nach heftiger Kritik zurück. Eine solche Politik sei erst denkbar, wenn die Gesamtbevölkerung komplett immunisiert sei, sagte er. Der Gastronomie-Verband ist strikt dagegen. Einige Pub-Ketten warnten den Premier, dies würde ihr ohnehin schwer angeschlagenes Geschäft zerstören.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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